Steige ich ins Flugzeug nach Tel Aviv …

Israel ist kaum größer als Niederösterreich, doch wenn man davon spricht, ersteht eine ganze Welt vor unseren Augen, heterogen und voller scheinbar unvereinbarer Unterschiede. Doch abseits aller Ideologien existiert hier ein komplexes Mosaik, das beständiger wirkt als vieles andere.

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Doron Rabinovici / © APA Picturedesk/ Marko Lipus

Manches auf der Welt heißt Israel. Vom Umfang her gesehen, gibt das nicht gar so viel her. Der Staat ist kaum größer als Niederösterreich, zumindest wenn nicht von besetzten Gebieten die Rede ist, sondern bloß von der Nation, deren Gründung heuer siebzig Jahre zurückliegt. Wenn indes von diesem Kleinstaat im Nahen Osten erzählt wird, klingen die einen, als sprächen sie vom Grundübel der Welt, vom Ursprung aller Schlechtigkeit, von einem Brückenkopf des Imperialismus und vom Zentrum einer universalen Verschwörung, während die anderen hierin eine Bastion gegen die Barbarei feiern und in Wahnbildern von einem Armageddon, einer letzten Entscheidungsschlacht zwischen allem Bösen und jeglichem Guten schwelgen.

Steige ich ins Flugzeug, um in meine Geburtsstadt Tel Aviv zu reisen, sehe ich immer wieder altbekannte Gesichter unter den Passagieren. Hier sitzt ein streng orthodoxer Chassid, der in derselben Wiener Straße wie ich wohnt, doch kaum angekommen, wird er in eine ganz eigene Welt eintauchen. Da spricht ein christlicher Theologe zu seiner Pilgergruppe nur von Kana’an, wenn er Israel meint, und es ist beinah so, als wäre der Flieger seine persönliche Zeitmaschine, um Jesus zu besuchen. Dort bemerke ich einen ergrauten Herrn, den ich auf der Uni noch als palästinensischen Studenten kennenlernte. Ob er nach Um el Fahm fährt? Oder nach Ramallah?

Einst waren sie Verbannte und Außenseiter. Heute ist die jüdische Diaspora eine freie Wahl.

Israel ist eine Nation der Heterogenität, die nicht in ein einfaches Klischee passen will. Sicher kennen wir diese Vielfalt auch aus anderen modernen Ländern in unserem Zeitalter der Globalisierung. Überall stoßen wir auf regionale Unterschiede, migrantische Parallelgesellschaften, soziale Kohorten verschiedener Ausprägung, doch Israel ist ein Spezialfall, denn hier existieren nicht nur viele Gruppen, Klassen und Kulturen in einem politischen Gefüge: Nein, das Besondere ist, dass auf engstem Raum Kollektive wohnen, die einander ausschließen, ja, die im Grunde die jeweils andere Gemeinschaft am Liebsten zum Verschwinden bringen möchten und das Land für sich allein beanspruchen, doch trotzdem leben und arbeiten sie zusammen. Aber jenseits der Ideologien und der Heilslehren triumphiert dieses Potpourri des Pragmatischen, eine Montage aus mehreren Wimmelbildern. Das alles ist – trotz der unzähligen Konflikte und Probleme – eine Einheit, die souverän agiert und beständiger wirkt als jeder ihrer Nachbarn. Wer das Mosaik dieser Nation in ihrer Komplexität begreifen will, lese am Besten das neue Buch von Natan Sznaider: Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern.

Israel ist so manches, doch auch die Widerlegung des jahrhundertealten Vorurteils, mit den Juden sei kein Staat zu machen. Allein die Existenz seit siebzig Jahren stärkt die jüdische Identität überall; selbst bei denen, die der Regierung in Jerusalem kritisch gegenüber stehen. Sogar jene jüdische Minderheit, die mit dem Staat, dem ganzen Zionismus und den blauen KKL-Büchsen nichts am Hut hat, ist von ihm geprägt. Seit klar ist, dass ein Judenstaat nur wenige Flugstunden entfernt liegt, gewinnt auch die kleinste und fernste jüdische Gemeinschaft an Selbstbewusstsein.

Einst litten die Juden unter dem Fluch der Diaspora; ob in Wien oder in Wilna, ob in London oder auch in Jerusalem. Sie waren Verbannte und Außenseiter. Heute ist die jüdische Diaspora eine freie Wahl. Die jüdischen Gemeinden weltweit leben im Widerschein des Staates Israel.

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