„Moderne Geschichte sollte man nur mit dem Bleistift schreiben“ (Golda Meir 1898–1978)

Eine große Lederhandtasche war ihr gefürchtetes Markenzeichen, denn darin befanden sich Dinge, die die Welt verändern sollten. Bei einem Treffen mit Präsident Richard Nixon im Weißen Haus bemerkte Golda Meir, dass die Uhr an der Wand nicht funktionierte. Sie kramte in ihrer schwarzen Handtasche, nahm einen Haarnadel heraus, kletterte auf einen Stuhl und reparierte die Uhr. Eine Anekdote, die beispielhaft für Golda Meirs Einfallsreichtum, ihren Sinn fürs Praktische sowie ihre Entschlossenheit steht. Sie starb vor 45 Jahren und wäre heuer 125 Jahre alt geworden.

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David Ben-Gurion beschrieb sie anlässlich einer Kabinettssitzung einmal als den einzigen Mann in der Knesset. 1969 wurde Golda Meir nach einer langen politischen Karriere als vierte Ministerpräsidentin Israels gewählt und war damals weltweit erst die dritte Frau, die eine solche Position innehatte. Sie war eine Pionierin der zionistischen Bewegung und der sozialistischen Arbeiterpartei. Meir war bereits unter anderem Arbeits- und Außenministerin Israels, bevor sie von 1969 bis 1974 Ministerpräsidentin wurde. Sie führte Israel in einer Zeit erheblicher regionaler und globaler Instabilität, hervorgerufen durch kriegerische Auseinandersetzungen und zahlreiche nationale und internationale Terrorangriffe, wie die Geiselnahme in München zu den Olympischen Spielen. Golda Meir war bekannt für ihre starke Führung und Entschlossenheit, und sie war eine Schlüsselfigur bei der Gestaltung der israelischen Außenpolitik. Als überzeugte Verfechterin des Existenzund Verteidigungsrechts Israels arbeitete sie unermüdlich daran, Beziehungen zu anderen Ländern aufzubauen und internationale Unterstützung für Israels Interessen zu sichern. Sie nutzte ihre Position auch, um die Gleichstellung der Geschlechter und die Rechte der Frauen zu fördern. Als sie einmal gefragt wurde, wie sie es geschafft habe, mit dem Stress als Ministerpräsidentin umzugehen, antwortete sie: „Ich trinke viel Kaffee und ich rauche Kette. Auf diese Weise bekomme ich all das Nikotin und Koffein, das ich brauche, um durchzuhalten.“

Golda Meir wurde 1898 in Kiew, Ukraine, als Golda Mabovitch geboren. Verfolgt durch Pogrome sah sich die Familie gezwungen, 1906 in die Vereinigten Staaten auszuwandern und ließ sich in Milwaukee, Wisconsin, nieder. In ihren 1976 erschienenen Memoiren Mein Leben beschreibt Golda Meir ihre Angst, die sie als Kind hatte, und wie oft sie sich im Keller vor den Übergriffen verstecken musste. 1917 lernte sie Morris Meyerson kennen und heiratete ihn noch im selben Jahr.

Golda Meir und ihr Mann waren glühende Unterstützer der zionistischen Arbeiterbewegung und reisten 1921 mit anderen jungen Pionieren nach Palästina, wo sie aktiv mithalfen, die Gründung Israels zu ermöglichen. Das junge Paar lebte im Kibbuz Merchavia in der Jesreel-ebene, doch ihrem sensiblen Ehemann Morris waren die harten Bedingungen zu anstrengend, und so zogen sie nach drei Jahren aus dem Kibbuz nach Jerusalem, um dort ihre politische Arbeit fortzusetzen. Sohn Menachem wurde 1923 in Jerusalem geboren, 1926 Tochter Sarah. Im selben Jahr trennte sich Golda Meir von ihrem Mann, dem sie bis zu seinem Tod 1951 freundschaftlich verbunden blieb. Golda hatte sich in David Remez verliebt, der mit ihr in der Histadrut (Gewerkschaft) und der Haganah, dem Vorläufer der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, arbeitete. Nach der Gründung der Arbeiterpartei „Mapai“ 1930 begegnete sie David Ben-Gurion, dem sie eine enge politische Verbündete wurde. Ben-Gurion und Golda Meir schätzten einander sehr. Aber trotz ihres gemeinsamen Engagements für die zionistische Sache und das Ziel, einen jüdischen Staat in Palästina zu gründen, hatten sie in einer Reihe von Schlüsselfragen unterschiedliche Ansichten. Insbesondere war Meir skeptischer gegenüber territorialen Zugeständnissen an die Palästinenser und zurückhaltender gegenüber Friedensaussichten mit den arabischen Nachbarn Israels als Ben-Gurion.

Außenministerin Golda Meir zu Gesprächen im Bundeskanzleramt bei Bundeskanzler Bruno Kreisky, 1973. © Interfoto / picturedesk.com, Votava / brandstaetter images / picturedesk.com

Während des Zweiten Weltkriegs war Golda Meir Mitglied des Beratungskomitees für Kriegswirtschaft, das unter dem britischen Mandat für Palästina eingerichtet worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie die bedeutendste Vertreterin der zionistischen Idee in Palästina und 1948 eine der 24 Unterzeichner:innen der israelischen Unabhängigkeitserklärung. Sie wurde zur ersten Botschafterin des neugegründeten Staates in Moskau und ermöglichte für Hunderttausende osteuropäische Juden und Holocaust-Überlebende die Ausreise nach Israel. Ob und wie dies möglich war, hing jeweils vom Wohlwollen Joseph Stalins ab, aber auch von ihrem unnachgiebigen Durchsetzungsvermögen. 1949 kehrte sie nach Israel zurück und bekleidete als Mitglied der Arbeiterpartei verschiedene Ministerposten in der Knesset. Als Arbeitsministerin im Kabinett unter Ministerpräsident David Ben-Gurion veränderte sie zwischen 1949 und 1955 das Sozialsystem und schaffte für die Massen von Immigranten die Möglichkeit einer Existenz. Sie gründete aber auch die ersten staatlich geförderten Kindertagesstätten in Israel, die es Frauen ermöglichten zu arbeiten und ihren beruflichen Interessen nachzugehen. Sie zitierte oft ihre eigenen Erfahrungen als berufstätige Mutter und ermutigte andere Frauen, ihren Träumen und Ambitionen zu folgen. Ihr Vermächtnis als Wegbereiterin für Frauen in der Politik hat nachfolgende Generationen auf der ganzen Welt inspiriert.

Auf dem Weg zur Ministerpräsidentin. Ihr internationales Ansehen wuchs, als sie ab 1956 beinahe zehn Jahre Außenministerin wurde. Während dieser Zeit hebräisierte Golda ihren Nachnamen in Meir. In dieser Funktion baute sie unter anderem ein umfassendes Entwicklungsprogramm für afrikanische Staaten auf, mit denen Israel für lange Zeit eng zusammenarbeitete. Am Ende ihrer Amtszeit wurde bei ihr Krebs diagnostiziert, doch kehrte sie bereits nach einem Jahr wieder in die Politik zurück.

1965 wurde sie Generalsekretärin der Arbeiterpartei und schließlich 1969, nach dem Tod ihres Vorgängers Levi Eshkol, Ministerpräsidentin Israels – sie war damals 71 Jahre alt. Neben Bedenken bezüglich ihres Alters musste sie sich auch zahlreicher frauenfeindlicher Zurufen erwehren. Auf die Frage eines Journalisten, wie sie sich fühle, eine Frau in einer Männerwelt zu sein, hatte Golda eine schlagfertige Antwort: „Ich bin jetzt schon lange eine Frau. Ich bin daran gewöhnt.“

Vor und während ihrer Amtszeit als Ministerpräsidentin traf sie immer wieder auf mehr oder weniger schwierige internationale politische Persönlichkeiten. Die Mission auf ihren Auslandsreisen war es, für die Sicherheit Israels zu sorgen und den Frieden im Nahen Osten zu fördern. Als sie einmal von einem Journalisten nach der Möglichkeit eines dauerhaften Friedens im Nahen Osten gefragt wurde, antwortete sie: „Frieden wird kommen, wenn die Araber anfangen, ihre Kinder mehr zu lieben als sie uns hassen.“ Ihre Beziehungen zu den zahlreichen Staatsmännern ihrer Zeit war unterschiedlich. Henry Kissinger, ehemaliger US-Außenminister, respektierte sie als harte und effektive Führungspersönlichkeit, die bereit war, schwierige Entscheidungen zu treffen. Auf der anderen Seite war er frustriert über ihre fehlende Kompromissbereitschaft in Schlüsselfragen wie den israelischen Siedlungen im Westjordanland.

Geschichte in Farbe: Besuch im Weißen Haus, 1973: Jitzchak Rabin, Golda Meir, Richard M. Nixon und Henry Kissinger. © AP1973 / AP / picturedesk.com

Der ehemalige Präsident Ägyptens Anwar el-Sadat betrachtete Golda Meir als eine kompromisslose Zionistin, die nicht bereit war, den Palästinensern Zugeständnisse zu machen. Nachdem Sadat sie jedoch 1977 bei seinem legendären Besuch in Jerusalem getroffen hatte, war er von ihrer Persönlichkeit und ihrem Intellekt beeindruckt. Während ihrer Amtszeiten waren beide Staatsoberhäupter in eine Reihe von Konflikten und Verhandlungen verwickelt, darunter der Jom-Kippur-Krieg von 1973, der für Golda Meir in der Öffentlichkeit den Bruch ihrer Karriere bedeutete. Trotz ihrer anfänglichen Feindseligkeit zueinander nahmen Meir und Sadat schließlich an geheimen Verhandlungen unter der Leitung von Henry Kissinger teil, die 1978 zu den Friedensabkommen von Camp David führten. Obwohl Meir nicht an der endgültigen Unterzeichnung des Friedensvertrags in Washington D.C. teilnahm, spielte sie eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen, die zu dem Abkommen führten. Ihre auch oft kritisierten Bemühungen ebneten den Weg für zukünftige Friedensabkommen und dienten als wichtiges Beispiel für waffenlose Diplomatie in einer von anhaltenden Konflikten geprägten Region.

 

„Ich bin jetzt schon lange eine Frau.
Ich
bin daran gewöhnt.“
Golda Meir auf die Frage, wie sie sich als Frau in einer Männerwelt fühle.

 

Meir und Arafat. Der wohl schwierigste Verhandlungspartner von Golda Meir war Yasser Arafat, ehemaliger Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Arafat betrachtete Golda als Symbol der israelischen Aggression und Besatzung. Er machte sie für die Vertreibung der Palästinenser während des arabisch-israelischen Krieges von 1948 verantwortlich und beschuldigte sie, die Ermordung mehrerer PLO-Führer angeordnet zu haben. Die Beziehung zwischen Meir und Arafat war von Konflikten und Feindseligkeiten überschattet, die von ihren unterschiedlichen Perspektiven des Konflikts geprägt waren. Während Golda Meirs Amtszeit als Ministerpräsidentin führte die PLO eine Reihe von Terroranschlägen gegen israelische Ziele durch – und Meirs Regierung reagierte mit militärischer Gewalt. Trotz ihrer Differenzen führten Meir und Arafat Anfang der 1970er-Jahre einige inoffizielle Verhandlungen. Diese Bemühungen haben jedoch nicht zu nennenswerten Fortschritten in Richtung eines dauerhaften Friedensabkommens geführt. Golda Meirs Voraussetzung für ihre Bereitschaft, mit den Palästinensern zu verhandeln, war, dass die Gegenseite den Terrorismus stoppt und das Existenzrecht Israels anerkennt.

Der israelisch-palästinensische Konflikt war auch Streitpunkt in der Beziehung zwischen Golda Meir und Bruno Kreisky. Kreisky war ein prominenter Kritiker der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern, und seine Regierung war die erste, die die PLO offiziell als legitime politische Einheit anerkannte. Für große Aufregung sorgte auch ihr Konflikt im Herbst 1973, nachdem Bruno Kreisky entschieden hatte, das Transitlager für sowjetische jüdische Auswanderer in Schloss Schönau nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Trotz ihrer politischen Differenzen trafen sich Meir und Kreisky mehrfach und führten diplomatische Gespräche. Beide erkannten die Bedeutung starker Beziehungen zwischen Israel und Österreich, und Kreisky besuchte Israel mehrmals während seiner Zeit als Bundeskanzler.

Trotz all der komplexen Verhandlungen und der Suche nach Lösungen für den jungen israelischen Staat, um in einem friedlicheren Umfeld zu existieren, fand Golda Meir Zeit für private Interessen und schaffte es, ihre öffentlichen Pflichten mit ihrem Privatleben in Einklang zu bringen. Sie war bekannt für ihre engen Beziehungen zu ihrer Familie, aber auch für ihre Liebe zur Literatur und Poesie. Sie zitierte nur zu gerne William Shakespeare und andere Schriftsteller in ihren Reden und Werken und war begeisterte Sammlerin seltener und wertvoller Bücher. Sie liebte die Natur und klassische Musik und besuchte Konzerte, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot. Besonders interessiert war sie an der Arbeit israelischer Schriftsteller und Künstler, die sie leidenschaftlich unterstützte und förderte. Trotz ihres vollen Terminkalenders nahm sie sich ihr ganzes Leben lang Zeit für ihre Hobbys und Interessen. Sie glaubte, dass eine vielseitige Person intellektuell besser gerüstet sei, sich den Herausforderungen des öffentlichen Lebens zu stellen.

 

„Ich glaube an die jüdischen Menschen,
und die jüdischen Menschen glauben an G-tt.“
Golda Meir

 

Golda Meir zog mehrmals in ihrem Leben um. Ihre berühmteste Wohnung befand sich in Tel Aviv, wo sie während ihrer Jahre als Ministerpräsidentin lebte. Die bescheidene Wohnung lag in der Ibn-GvirolStraße 71 und hatte zwei Schlafzimmer und einen kleinen Wohnbereich. An den Wänden hingen Kunstwerke von israelischen Künstlern und Fotografien ihrer Familie und Freunde, und natürlich gab es viele Bücher. Heute ist Golda Meirs Wohnung in Tel Aviv eine beliebte Touristenattraktion und ein Ort von historischer Bedeutung.

Oft besprochen wurde Golda Meirs Modestil, die von den Medien und ihren politischen Gegnern immer wieder unter die Lupe genommen und kritisiert wurde: Sie war konservativ, praktisch und unauffällig – und stets mit orthopädischen Schuhen garniert. Sie war überzeugt, dass ihr Aussehen ihren Ideen und Leistungen untergeordnet sein sollte, und verzichtete auf Ausgefallenes und Pomp. Und sie blieb sich auch in diesem Bereich stets selbst treu.

In ihrem letzten Lebensjahrzehnt sah sich Golda Meir mit politischen und persönlichen Krisen konfrontiert. Große Vorwürfe überschatteten ihr vorangegangenes politisches Wirken: Sie hätte das Land und die israelischen Streitkräfte nicht auf den Yom-Kippur-Krieg 1973 vorbereitet. Dies führte dazu, dass sie am 11. April 1974 freiwillig als Ministerpräsidentin zurücktrat und das Amt Jitzchak Rabin überließ.

1975 wurde bei ihr erneut Krebs diagnostiziert. Sie starb am 8. Dezember 1978 in ihrem 80. Lebensjahr in Jerusalem – drei Monate, bevor in Washington der israelisch-ägyptische Friedensvertrag unterzeichnet wurde. Ihr Begräbnis am Herzlberg wurde weltweit live im Fernsehen übertragen. Auf ihrem letzten Weg begleiteten sie zahlreiche hochrangige internationale Politiker, die sie zu ihren Lebzeiten als bahnbrechende Führungspersönlichkeit und Fürsprecherin Israels zu schätzen gelernt hatten.

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