Projektionsfläche

Juden und Jüdinnen werden von einigen Menschen gehasst, von anderen überhöht. Im Ergebnis bedeutet das eine verquere Gemengelage. Ein ungezwungener Umgang der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft mit Juden und Jüdinnen ist damit weiter rar.

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Das tragische Ende der Marie Sophie Hingst schlummert noch schemenhaft in der jüngeren Erinnerung, da poppte kürzlich der nächste Fall eines Deutschen auf, der als Jude und Journalist die Öffentlichkeit suchte. Die jüdische Identität, die er sich verpasste, benutzte er gleichzeitig als Fassade, die es ihm möglich machte, gegen Israel zu wettern und für die BDS-Bewegung einzutreten. Was für ein Schutzschild, frei nach Oliver Polaks Buch Ich darf das, ich bin Jude. Nur dass Polak eben wirklich Jude ist.

Andere wiederum stellen sich mit Juden und Jüdinnen gleich, um als Opfer dazustehen. Sie sagen nicht, dass sie jüdisch sind, sie wähnen sich aber – erinnern wir uns an die Proteste gegen die Covid-Schutzmaßnahmen – im Widerstand wie einst Sophie Scholl oder tragen adaptierte „Judensterne“ der Nazis, die sie um einen „Ungeimpft“- Schriftzug ergänzen. In Österreich wurden deshalb inzwischen bereits zwei Männer nach dem Verbotsgesetz verurteilt. Sie hätten damit die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlost, hatte die Staatsanwaltschaft argumentiert. Auf genau diesen Demonstrationen gingen auch Menschen mit, die hinter der Pandemie einerseits, vor allem aber hinter den Impfungen gegen das Virus eine Weltverschwörung orteten. Insgesamt zeigen die aktuell dicht auftretenden Krisen von Pandemie bis zum Ukraine-Krieg, von der Inflation bis zur massiven Erderwärmung, dass für manche und manchen das Unerklärliche nur bewältigt werden kann, wenn die Schuld dafür auf einen Sündenbock geschoben wird. Und ja, da füllen Juden und Jüdinnen auch wieder die Funktion aus, die sie nicht und nicht loszuwerden scheinen: Sie werden zur Projektionsfläche.

Regelrechte Risse entstehen, wenn die Volkspartei in so manchem Bundesland mit der FPÖ koaliert.

 

Wie gefährlich das werden kann, zeigte 2018 ein Attentat auf eine Synagoge in Pittsburgh in den USA. Elf Menschen wurden bei dem Anschlag ermordet. Der Attentäter, Robert Bowers, wurde diesen August zum Tod verurteilt. Das wiederum hinterlässt mich mit sehr gemischten Gefühlen. Unentschuldbar ist seine Tat, elf Menschen – Joyce Fienberg, Richard Gottfried, Rose Mallinger, Jerry Rabinowitz, Cecil Rosenthal, David Rosenthal, Bernice Simon, Sylvan Simon, Daniel Stein, Melvin Wax und Irving Younger – könnten noch am Leben sein.

Und dennoch: Ich halte die Todesstrafe mit einer modernen, aufgeklärten Demokratie für genauso unvereinbar wie Antisemitismus, der von Politikern geschürt wird, wie das zum Beispiel derzeit in Ungarn der Fall ist. Ein diesbezüglicher Tiefpunkt war ein Medienauftritt des ungarischen Premiers Viktor Orbán im Bundeskanzleramt in Wien, wo er – unwidersprochen vom neben ihm stehenden österreichischen Kanzler Karl Nehammer – erklärte, Migranten würden vom NGO-Netz von George Soros verleitet, nach Europa zu kommen. Antisemitismus dieser Art ist in Ungarn an der Tagesordnung. In Österreich bemüht sich die Bundesregierung eigentlich mit ihrer Strategie gegen Antisemitismus um eine klare Kante gegen Judenfeindlichkeit.

Solche Momente wie jener im Bundeskanzleramt sorgen da für Sprünge. Regelrechte Risse entstehen, wenn die Volkspartei in so manchem Bundesland mit der FPÖ koaliert. Wie schwer hier ein passender Umgang fällt, schildert die Direktorin des in St. Pölten ansässigen Instituts für jüdische Geschichte Österreichs, Martha Keil, in einem Interview in diesem Heft.

Die „jüdischen Mitbürger“ in Politiker- und Politikerinnenansprachen werden seltener. Das freut. Das uneingeschränkte Eintreten gegen Antisemitismus scheint aber nach wie vor zu viel verlangt – je nach Kontext ist da mal mehr, mal weniger möglich. Umso absurder erscheint da, wenn sich Menschen wie Wolff eine falsche jüdische Identität nicht nur verpassen, sondern daraus auch ein Sendungsbewusstsein entwickeln. Dabei steht es ja jedem und jeder, der oder die Jude sein möchte, offen, jüdisch zu werden: durch einen Übertritt.

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