Sie waren Role Models und Netzwerkerinnen

Die israelische Kunsthistorikerin Elana Shapira und ihre Faszination für die „Gestalterinnen“ in Kultur und Gesellschaft der Wiener Moderne.

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Ganz still und menschenleer ist es in der Universität für angewandte Kunst in Wien. Es sind Semesterferien. Vor wenigen Wochen gab es hier aggressive propalästinensische Demos, bei denen die Massaker vom 7. Oktober geleugnet wurden und es sogar zu Handgreiflichkeiten mit Vertretern der Jüdischen HochschülerInnenschaft kam. Der Ruhe wegen hat Elana Shapira die nun geschlossene Kantine als Treffpunkt für ein Gespräch vorgeschlagen, in dem es Kunst und Frauen im Wien der Zwischenkriegszeit geht, um „Gestalterinnen“, so der Titel eines von ihr herausgegebenen neuen Sammelbands.

Elana Shapira ist in Israel als Tochter einer amerikanischen Mutter aufgewachsen, der Vater, ein Sabre, stammt aus einer orthodoxen Familie in Jerusalem, hat diese Welt jedoch verlassen.

„Wir haben noch immer sehr gute Beziehungen zu dieser chassidischen Verwandtschaft, aber seit der letzten Regierung Netanjahu habe ich Schwierigkeiten, mit ihnen zu sprechen. Die Krise in Israel der letzten zwei Jahre hat diese Beziehung stark beeinträchtigt.“

Ihr Interesse für Kunst wurde in New York geweckt, wo sie bei einem längeren Aufenthalt vor ihrer Armeezeit Museen und Galerien besuchte; schließlich studierte sie Kunstgeschichte in Jerusalem, arbeitete im Israelischen Museum und wurde dann für eine Recherche über Oskar Kokoschka nach Österreich eingeladen „und habe dann einen Österreicher geheiratet“.

Mit ihm hat sie vier Söhne im Alter von 20 bis 15 Jahre. Für die jüdischen Feiertage fährt sie ab und zu nach Israel oder wenn sie, wie jetzt öfter, dort ihre Mutter besucht.

Die Themen ihrer Publikationen, Lehrveranstaltungen und Symposien lassen Shapiras Vorliebe für die Wiener Moderne, also die Zeit von der Jahrhundertwende bis vor dem Zweiten Weltkrieg, erkennen. Woher kommt die Beziehung gerade zu diesen Schwerpunkten?

„Meine Master-Arbeit war über Kokoschka, und dann habe ich eine Einladung erhalten, einen Artikel über die Familie Goldmann aus der Firma Goldmann und Salatsch zu schreiben. (Diese waren die Auftraggeber für das Looshaus am Michaelerplatz, Anm.) Ich bin extra nach Chile geflogen, um dort Kitty Goldmann, die Tochter von Leopold Goldmann, dem wichtigsten Mäzen von Adolf Loos und Kokoschka bis 1933, zu treffen. Sie war eine fantastische Frau und hat die Netzwerke der damaligen Zeit gut beschrieben. Durch dieses Interview mit ihr bin ich zur Thematik gekommen.“

Elana Shapira, Ann-Katrin Rossberg (Hg.): Gestalterinnen. Frauen, Design und Gesellschaft im Wien der Zwischenkriegszeit. De Gruyter 2024, 272 S., € 59,99

Salonfrauen. In der Kultur dieser Zeit spielten Juden, spielte das jüdische Großbürgertum eine bedeutende Rolle, weit überproportional zu dessen Bevölkerungsanteil. Emanzipierte jüdische Frauen erkämpften sich einen Platz in der patriarchalen Gesellschaft, als Pionierinnen mit eigenen Netzwerken, vermehrt auch mit außerkünstlerischen sozialen Anliegen. Ist das in der jüdischen Gesellschaft stärker zu beobachten?

„Judentum, wie ich es betrachte, ist eine dynamische Entwicklung. Die meisten in dieser Gesellschaft waren sehr assimiliert, Kitty Goldmann und andere erzählen immer wieder von den jüdischen Traditionen ihrer Großeltern, von Mazzes etc. Es gibt da kein einheitliches Stereotyp. Es gab die jüdischen Salonfrauen, angefangen von Fanny von Arnstein bis Berta Zuckerkandl und Hilde Spiel, die zwar katholisch erzogen, sich aber noch der jüdischen weiblichen Geschichtserzählung bewusst waren, die ein Bestandteil der jüdischen Identifikation ist, auch der kulturellen Tradition, die sich weiterentwickelt hat.“

Ob das deutliche Engagement für soziale und politische Anliegen mit dem jüdischen Auftrag von „Tikkun Olam“ (Verbesserung der Welt) in Beziehung gebracht werden kann, sieht Elana Shapira am Beispiel mehrerer „Salonfrauen“ differenziert.

„Für diese Weltverbesserung gibt es mehrere Gründe. Diese Frauen mussten sich innerhalb einer antisemitischen Gesellschaft integrieren, was sie ohne diese pluralistischen inklusiven Agenden oder Politik nicht geschafft hätten. Josephine von Wertheimstein hatte zum Beispiel mit Bismarck korrespondiert und war deutsch orientiert. Zuckerkandl sieht, dass ihr Mann als jüdischer Professor an der Universität Wien 1895 im Parlament attackiert wird. Sie kämpft als stolze österreichische Patriotin für die Gleichberechtigung aller ethnischen Gruppen in der Monarchie, auch gegen eine versnobte elitäre Gesellschaft.“

Elana Shapira: Die Kulturhistorikerin kam für ein Forschungsprojekt einst nach Wien und widmet
sich seither als gut vernetzte
Wissenschaftlerin der Kunstgeschichte dieser Stadt.

Unübersehbar gilt Shapiras Aufmerksamkeit weiblichen Protagonistinnen und Künstlerinnen, wobei sie einen deutlichen feministischen Ansatz verfolgt. Würde sie sich selbst als Feministin bezeichnen?

„Meine Mutter, die Geschichte an der amerikanischen Schule in Israel unterrichtet hat, ist eine sehr starke, charismatische Frau; sie hat israelische und arabische Schüler zusammengebracht und die Friedensbewegung in Israel unterstützt. Zuhause habe ich also diesen Aktivismus mitbekommen. Ich hatte dann ein FWFProjekt über „Visionäres Wien: Design und Gesellschaft 1918-1934“ und dabei entdeckt, dass es so viele Frauen in allen Bereichen – Journalistinnen, Ärztinnen, Künstlerinnen – gab, die eine große öffentliche Präsenz hatten und eine sehr wichtige Rolle innerhalb der Wiener Moderne spielten – und deren Beitrag heute oft kaum noch bekannt ist.

„Diese „Gestalterinnen“, denen Shapiras neue Publikation gilt, waren auf verschiedenen Gebieten, in einem breiten Spektrum von Tanz bis Gartenkunst, von Mode, Fotografie bis Medien richtungsweisend. Das gemeinsame Merkmal dieser ganz verschiedenen Frauen benennt Shapira ganz eindeutig. „Es ist ihre Gestaltungsrolle in der Gesellschaft. Sie haben verschiedene Stereotype verändert, haben Frauen ermächtigt, was ihre Zukunftsperspektiven betraf; sie haben es geschafft, Vorbild, Role Models, für andere Frauen zu werden; sie haben eine neue Umwelt für sich selbst und andere geschaffen, eine wichtige gesellschaftliche und soziale Rolle gehabt. Und zwar als Teil der Wiener Moderne. Zum Beispiel Emilie Flöge, die ja als Muse von Gustav Klimt berühmt ist. Sie war auch eine erfolgreiche Geschäftsfrau und Designerin und wollte auch als im Kulturbereich Tätige Teil der Gesellschaft sein. Oder zum Beispiel Madame d’Ora: Bekannt als die Fotografin der Prominenz, versuchte sie, mehr als nur die Körper und schönen Gesichter der Frauen darzustellen.“

Provokant erotisch. Was uns zur jüdischen Keramikkünstlerin Vally Wieselthier führt, der Shapiras eigener Beitrag in dem Sammelband gewidmet ist. Nachdrücklich und überzeugend zeigt sie bei jeder einzelnen der beschriebenen Skulpturen auf, wie Wieselthier in ihrer Kunst gegen die voyeuristischen Erwartungen des männlichen Blicks und gegen Tabus arbeitete. Als eine Art sexueller Befreiung.

„Vally Wieselthier wollte ihre starke Sexualität als Frau offen und öffentlich ausleben.“

„Ich glaube, Wieselthier wollte ihre starke Sexualität als Frau offen und öffentlich ausleben. Es gibt in einem Archiv auch erotische Zeichnungen von ihr. Und sie wollte auch selbstständig sein. Sie kommt aus einer sehr reichen Familie, die Mutter war zweimal verheiratet, sie selbst war ein gesellschaftliches ,Embarrassment‘ und hat provoziert. Sie wurde auch mehrmals gedemütigt, weil Frauen damals zurückhaltend sein mussten, was sie infrage gestellt hat. Für sie war aber die gezähmte Frau wie eine Provokation. Und sie hat das in ihre Arbeiten verpackt, diese Befreiung und die ausgestellte weibliche Sexualität. Dabei hat sie auch Frauenfiguren aus dem Alten Testament als Vorbilder genommen, zum Beispiel Elishewa und Lilith. Selbst meinte sie aber, ihre Arbeiten sollten Freude und Schönheit verbreiten.“

Wieselthier hat für die Wiener Werkstätte und deren Klientel gearbeitet, gemeinsam mit Architekten und Designerinnen. Erstaunlich viele der letztlich zerbrechlichen Keramiken haben sich über die Zeiten gut erhalten, einige davon im MAK.

„Eine von Vallys Schwestern hat einen Wiener Galeristen geheiratet, der 1938 nach New York auswandern musste, dort auch eine erfolgreiche Galerie hatte und einige Keramiken von Wieselthier mitgenommen hat. Es gibt immer noch mehrere in New York, und einige wurden wieder nach Wien zurückgebracht.“ Was sie gerade an Vally Wieselthier so fasziniert, darauf gibt Elana Shapira eine kurze Antwort: „Ich liebe ihre Arbeiten einfach!“

Zurück zur Gegenwart und zum Schauplatz in der Angewandten, an der die Privatdozentin Shapira auch lehrt. Wie erlebt sie die Atmosphäre nach den propalästinensischen Ausschreitungen?

„Ich veranstalte hier immer wieder Symposien und unterrichte in den Kulturwissenschaften über Designkulturen, bin hier aber eher am Rande des Geschehens. Die Rektorin hier, Petra Schaper Rinkel, hat ein sehr klares Statement abgegeben, und ich habe selbst keine negativen Erfahrungen gemacht. Außerdem arbeite ich ja auch an verschiedenen Orten, im Wien Museum und im Architekturzentrum, und meine Kolleg:innen sind politisch bewusst und kennen die Geschichte. Wenn man mich provoziert, werde ich reagieren; aber ich bin bis jetzt noch nicht damit konfrontiert worden. Ich wurde zu einem Vortrag über Antisemitismus eingeladen und finde es wichtig zu diskutieren; aber es ist nicht mein Fach. Meine Buben müssen in der Schule ständig mit Leuten argumentieren.

Seit dem 7. Oktober ist Tischa-be-AwStimmung (jüdischer Trauertag) bei uns zuhause und mit den Freunden hier, vor allem aber in Israel, wo mehrere Freunde jemanden kennen, der betroffen ist.“

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