„Die Palästinenser werden zurückkehren“

Der israelische Ökonom und Arbeitsmarktexperte Sami Miaari über die Lücken, die das Aussperren der palästinensischen Arbeitskräfte auftut, und zu möglichen Alternativen mit Menschen aus anderen Ländern.

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Massiver Arbeitskräftemangel auch in Israel. Und wie sehr dieser mit der aktuellen Eskalation verbunden ist. © Pavel Wolberg / EPA / picturedesk.com

WINA: Herr Dr. Miaari, ein Krieg bringt einen Arbeitsmarkt erheblich durcheinander. In Israel betrifft das Reservistinnen und Reservisten, die eingezogen wurden, Menschen, die aus den Grenzgebieten evakuiert wurden, und nicht zuletzt die palästinensischen Arbeitskräfte, die aus Sicherheitsgründen ausgesperrt wurden. Sehen Sie schon eine Entspannung?
Sami Miaari: Nein, die sehe ich nicht, solange der Krieg andauert.

Menschen fehlen in unterschiedlichen Branchen, in den Grenzgebieten sind die ökonomischen Aktivitäten teils zum Stillstand gekommen. Am lautesten klagen die Arbeitgeber in der Baubranche und in der Landwirtschaft, weil ihnen die traditionellen palästinensischen Arbeiter fehlen.
I Ja, das waren zuletzt mit offiziellen Genehmigungen etwa 180.000 bis 200.000 Personen, die überwiegende Zahl aus der West Bank. Natürlich hinterlassen diese eine große Lücke. Die israelische Regierung – eigentlich unterschiedliche Ministerien – haben angekündigt, sie möchten als Ersatz Arbeitskräfte aus anderen Ländern holen, etwa aus Indien, Sri Lanka, Usbekistan oder aus afrikanischen Staaten.

Ist das schon angelaufen?
I Wir haben dazu noch keine Daten, es gibt auch noch keine endgültige Entscheidung der Regierung, von wo man Arbeitskräfte importieren sollte. Aber ich bin dazu eher skeptisch.

Warum?
I Erstens wären diese Arbeitskräfte deutlich teurer. Man muss sie von weit her bringen, ihnen in Israel Wohnung und Versicherung anbieten. Man muss ihnen auch erst in Israel Bankkonten eröffnen. Das alles fällt bei den Palästinensern weg. Sie kommen in der Früh und fahren am Abend wieder nach Hause. Das ist einfacher und für die Unternehmen billiger.

 

„Ich erinnere mich an Ministerpräsident Menachem
Begin. Er hat gleich nach dem militärischen Sieg im Jahr
1967 gesagt, dass man den Palästinensern Arbeit anbieten muss, damit sich ihre Wirtschaft entwickeln kann.“

Von welchen Branchen reden wir da?
I Vor allem vom Bau, von der Landwirtschaft und von industrieller oder gewerblicher Produktion.

Gibt es eigentlich noch Bekleidungs- und Textilproduktion?
I Nein, die ist ab etwa der zweiten Hälfte der 1990erJahre schon nach Jordanien oder Ägypten abgewandert. Mit Industrie meine ich etwa Holzprodukte wie Möbel oder Metallwaren, auch Lebensmittel.

Das klingt nicht nach sehr hohen Qualifikationen.
I Das würde ich nicht so sehen. Palästinensische Arbeitskräfte sind eingearbeitet und professionell. Wir haben bereits einmal ähnliche Erfahrungen gemacht, nach der Intifada im Jahr 2000, im zweiten Halbjahr 2000. Damals wurden ebenfalls viele Palästinenser ausgesperrt, die Zahlen gingen von 150.000 auf 30.000 zurück. Man hat als Ersatz Arbeiter aus Indien und China ins Land geholt. Die israelischen Unternehmer waren mit ihnen aber gar nicht zufrieden und haben auf die Regierung großen Druck ausgeübt, um die Palästinenser wieder hereinzulassen. Das ist dann auch passiert, man hat ihnen wieder Arbeitsgenehmigungen ausgestellt.

Es war also damals nicht erfolgreich?
I Nein das war wirklich kein Erfolg. Vielleicht ist es diesmal anders, aber ich denke, die israelische Wirtschaft kann letztlich auf die palästinensischen Arbeitskräfte nicht verzichten.

DR. SAMI H. MIAARI ist Ökonom und arbeitet als Dozent am Institut für Arbeitsmarktforschung an der Tel Aviv University sowie als Fellow an der Blavatnik School of Government in Oxford. Er hat seinen M.A. und sein Doktorat in Ökonomie an der Hebräischen Universität in Jerusalem gemacht, zuvor ebenfalls dort einen B.Sc. in Mathematik. Miaari absolvierte Post-doc-Studien in Berlin, Florenz und San Diego und ist unter anderem als Berater für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds tätig. Foto: Reinhard Engel /Screenshot

Rechnen Sie auch diesmal mit einer ähnlichen Entwicklung wie damals, mit einem Politikwechsel?
I Im Prinzip ja, aber nicht mehr unter der jetzigen Regierung. Es wird bald Neuwahlen geben, nicht diesen Monat, nicht in den nächsten paar Monaten, aber etwa im Lauf eines Jahres. Und die neue Regierung wird dann dieses Problem lösen müssen. Die Palästinenser werden auf den israelischen Arbeitsmarkt zurückkehren, weil sie gebraucht werden. Man kann sie einfach nicht ersetzen.

Damit meinen Sie vermutlich vor allem die West Bank, die Rückkehr von Arbeitskräften aus Gaza steht doch wohl nicht so schnell zur Debatte?
I In der West Bank sind teilweise schon wieder Palästinenser zu ihrer Arbeit auf Baustellen in den Siedlungen zurückgekehrt. Ich kenne aber keine genauen Zahlen. In Gaza wird das sicher viel länger dauern. Zunächst steht humanitäre Hilfe im Vordergrund, dann die politische Rekonstruktion unter internationaler Teilnahme. Erst viel später kann man überhaupt von ökonomischen Aktivitäten und langfristiger Entwicklung in Gaza reden.

 

„[…] die israelische Wirtschaft kann letztlich auf die
palästinensischen Arbeitskräfte nicht verzichten. […]
Man kann sie einfach nicht ersetzen.“

 

Wenden wir den Blick einmal von der israelischen Seite auf die palästinensische: Welche Bedeutung hat die Beschäftigung von Arbeitskräften in Israel sowie in den Fabriken und auf den Baustellen in den Siedlungen?
I Das ist nicht zu unterschätzen. Zuletzt, also unmittelbar vor dem Krieg haben etwa 18 Prozent aller palästinensischen Arbeitskräfte ihr Geld in Israel oder in israelischen Siedlungen verdient. Und sie verdienen dort mehr als zuhause. Das hat zwar über die Jahrzehnte geschwankt, ist etwa während der Intifada zeitweise gegen Null gegangen und hat sich dann wieder erholt. Die Auswirkungen auf das Regionalprodukt betrugen zwischen 12 und 23 Prozent. Wir sprechen jedenfalls von einem erheblichen Beitrag zur palästinensischen Wirtschaft.

Reden wir dabei nur von Männern oder auch von Frauen?
I Fast ausschließlich von Männern. Es gibt ganz wenige Frauen, etwa in der Reinigungsbranche. Die arabische Gesellschaft ist traditionell, die Frauen bleiben meist zuhause, sind für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig.

Am israelischen Arbeitsmarkt gibt es aber sehr wohl weibliche ausländische Kräfte.
I Ja, von den rund 100.000 Ausländern, die mit offiziellen Papieren in Israel arbeiten, ist etwa die Hälfte als Pflegekräfte, Krankenschwestern oder in anderen persönlichen Diensten tätig. Darunter sind natürlich sehr viele Frauen, etwa von den Philippinen, aus Thailand oder Indien. Die andere Hälfte teilt sich auf die Baubranchen, die Landwirtschaft und die industrielle Produktion auf. Eigentlich konkurrenzieren sie sich nicht sehr mit den palästinensischen Arbeitern.

Zusammenfassend: Sie rechnen also mit einer Rückkehr der palästinensischen Arbeitskräfte, zumindest mittelfristig?
I Ja, und zwar, weil beide Seiten einander brauchen. Ich erinnere mich an Ministerpräsident Menachem Begin. Er hat gleich nach dem militärischen Sieg im Jahr 1967 gesagt, dass man den Palästinensern Arbeit anbieten muss, damit sich ihre Wirtschaft entwickeln kann.

Aus Gründen ökonomischer und politischer Stabilität?
I Natürlich.

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