Transnationale Solidarität

Die Sprachsoziologin Ruth Wodak ist Diskursforscherin und hat sich intensiv mit der Vorurteilsforschung auseinandergesetzt.

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© Daniel Shaked; privat

Virulente Fragen

„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesisches Sprichwort, das wohl nicht ganz so nett gemeint ist. Auch WINA hat sich in dieser Ausgabe mit den vergangenen Wochen beschäftigt, die ganz im Zeichen des Coronavirus standen, und wollte wissen, was Menschen aus diesen herausfordernden Zeiten mitgenommen haben.

 

Was ich in Zeiten der Isolation über mich selbst gelernt habe:
Dass es mir recht geht, wenn ich weniger Termine habe, mehr Zeit zum Denken, Lesen, für Hobbys und vor allem für meinen Lebensgefährten und unser gemeinsames Leben. Gleichzeitig, wie sehr ich meinen Sohn, der in den USA lebt, vermisse – eine schrecklich Situation, da ich nicht einmal zu ihm reisen könnte, wenn es ihm schlecht ginge (und umgekehrt). Außerdem, wie sehr mir meine weitere Familie und meine Freund*innen im Face-to-face-Kontakt abgehen. Insgesamt war und ist mir klar, dass wir in Österreich – trotz allem – sehr privilegiert sind und aufgrund des Sozialstaats ein tolles Gesundheitssystem haben.

Und was ich über die Gesellschaft gelernt habe:
Dass viele Österreicher*innen diszipliniert Top-down-Regeln befolgen und nur weniges hinterfragen, etwa im Unterschied zu anderen Ländern (wobei, das will ich betonen, viele Maßnahmen absolut Sinn gemacht haben, auch wenn Transparenz über Kriterien und Daten mangelhaft ist). Meinungsvielfalt und Diskussion waren nicht erwünscht; interessanterweise haben sich auch viele Medien an diese Vorgaben gehalten. Gleichzeitig hat sich eine starke zivilgesellschaftliche, generationenübergreifende Solidarität entwickelt, allerdings fast ausschließlich auf „uns Österreicher*innen“ bezogen. Und auch, dass einige Eigenschaften, die schon bei früheren Krisen zu beobachten waren, stärker manifest geworden sind, etwa ein Hang zum „Vernadern“ und ein stark ausgeprägtes Obrigkeitsdenken.

Helfen kollektive Erinnerungen aus der jüdischen Geschichte im Bewältigen von
Krisensituationen?
Sicherlich, vor allem der Bezug auf die Erfahrungen der Eltern mit Flucht, Exil, Krise und Unsicherheit. Immer wieder wurde und wird mir bewusst, welche enorme Resilienz die Generation unserer Eltern besaß, wie sie mit Trauma, Flucht, Gefahr, Exil und Gefangenschaft umgegangen sind und wie sie – trotz der Schoah – mit Optimismus ihr Leben nach Kriegsende wieder angegangen sind. Daher dürfen wir uns nicht beklagen und auch nicht falsche Analogien ziehen. Klar ist auch, dass die Corona-Krise gemessen an den Erlebnissen unserer Eltern und der älteren Generationen sicherlich nicht die schwerste Krise seit 1945 ist! Was mich sehr bewegt und auch ärgert, ja wütend macht, ist, dass die vergangenen Erfahrungen nicht dazu führen, heutzutage Menschen auf der Flucht, vor allem Kindern (beispielsweise in den Lagern auf den griechischen Inseln) zu helfen.

Was wir uns aus den vergangenen Wochen behalten sollten:
Ruhe, Geduld und die Erfahrung, dass es sich auch ohne viel Stress, Termine usw. gut leben lässt. Gleichzeitig, dass lange Isolation einen anderen Stress bedeutet und anstrengend ist. Die transnationale Solidarität muss ebenfalls erhalten bleiben. Das Bewusstsein, dass angesichts einer Krise schwierige Maßnahmen eingehalten werden können, ist ebenfalls eine wichtige Einsicht, die uns angesichts der Klimakrise Stärke vermitteln sollte.

Was werden wir in 20 Jahre über den Frühling 2020 erzählen?
Dass dies eine sehr „spooky, seltsame“ Zeit gewesen ist, in der wir stark auf uns selbst zurückgeworfen wurden und gezwungen waren, unser Leben, unsere Ziele und unsere Life-Work-Balance neu zu überdenken. Eine reflektierte Entschleunigung ist wichtig; aber – und das muss man sich auch merken – keine ausschließlich auf Angst basierte Entschleunigung.

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