Über die Abwesenheit nach dem 7. Oktober

Der israelische Fotograf Ziv Koren dokumentierte zwischen dem 7. und 28. Oktober das, was nach dem Terror der Hamas am 7. Oktober des Vorjahres blieb. Eine Auswahl seiner Aufnahmen ist derzeit im Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung (JIFE) am Praterstern zu sehen.

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 Am Montag lud die Israelische Botschaft in Österreich anlässlich des Jom Hazikaron zu einem Besuch der Schau. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig betonte: die Ausstellung sei ein sichtbares Zeichen der Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des 7. Oktober, in deren Gefolge es auch in Wien zu einem Ansteigen des Antisemitismus gekommen sei. Die Stadt kämpfe hier gegen jede Form des Antisemitismus.

Ein Foto Ziv Korens zeigt ein wie neu wirkendes, zurückgelassenes Plüschspielzeug inmitten verbrannter Überreste. Ein anderes einen Parkplatz, auf dem sich ein ausgebranntes Auto neben das andere reiht. In Kfar Aza porträtierte Koren zwei Soldaten. Ein Offizier der LOTAR-Einheit, die in der Terrorismusbekämpfung eingesetzt ist, tröstet seinen Freund, nachdem er beim Anblick von Challot, die auf dem Feiertagstisch in einem der angegriffenen Häuser des Kibbuz zurückgelassen wurden, in Tränen ausgebrochen ist. In Be’eri fotografierte Koren 21 Tage nach dem Massaker eines der ausgebrannten Häuser. An den Wänden sind Graffiti besonderer Art zu sehen: sie zeigen die Markierungen, wann das Haus von welcher Einheit oder Institution freigegeben wurde.

Abwesenheit am Schabbes-Tisch – Kfar Aza, Israel. Soldaten weinen beim Anblick eines Familientisches in Kfar Aza nach dem Anschlag vom 7. Oktober, auf dem noch das Challah-Brot vom Kiddusch am Freitag liegt. (c) Ziv Koren/Polaris)

„Es sind Fotos, die von Abwesenheit erzählen, davon, was einst ein freudiges Leben war und nicht mehr ist“, betonte JIFE-Leiterin Julie Handman. Es seien aber auch Fotos, die viele Fragen aufwerfen, und zwar zu all dem, was man nicht sehe. „Was dürfen Fotos aus Kriegs- und Terrorschauplätzen zeigen? Wie weit darf man gehen, ohne die Würde der Opfer und ihrer Familien zu verletzen?“

Zeichen an der Wand. Hinterlassen von den IDF-Einheiten an den Wänden der zerstörten Häuser nach dem Anschlag vom 7. Oktober (c) Ziv Koren

Journalisten und Journalistinnen hätten zu den Schauplätzen des Terrors, vor allem zu den Kibbuzim, erst Zutritt erhalten, nachdem die Leichen der Ermordeten geborgen worden seien, betonte IKG-Präsident Oskar Deutsch. Fotos wie die von Koren seien auch nicht dazu da, zu schockieren – anders als die von der Hamas gezeigten Bilder zerstückelter Leichen. Es gehe vielmehr darum, zu dokumentieren, was am 7. Oktober passiert ist. Dieses Datum sei inzwischen nicht nur einfach ein Datum, sondern ein Begriff wie der 11. September. Der 7. Oktober stehe für „so viel Horror, so viel Leid, so viel Konsequenz“. Der Antisemitismus sei in der Folge weltweit und auch in Wien gestiegen, es gebe nie dagewesenen Hass – online wie offline.

Israels Botschafter David Roet betonte denn auch: Man werde einer Normalisierung von Antisemitismus nicht zuschauen. „Wir werden nicht leise sein.“ Er sprach die jüngsten Beschmierungen auf Häusern im zweiten Bezirk ebenso an wie die Ablehnung gegenüber der israelischen Künstlerin beim diesjährigen European Song Contest, Eden Golan. Sie wurde bei ihrem Auftritt ausgebuht, ihr Hotel von Pro-Palästina-Aktivisten belagert. Von der österreichischen Jury bekam Golan null Punkte, im Publikumsvoting dafür zehn. Roet dankte den Zuschauern und Zuschauerinnen, die für Golan abgestimmt haben. „Das ist eine großartige Unterstützung durch die österreichische Bevölkerung.“

Bürgermeister Ludwig unterstrich die wichtige Rolle des Ausstellungsortes JIFE, das heute eine Einrichtung der Wiener Volkshochschulen ist, im Bemühen, jüdische Kultur zu vermitteln. Er betonte aber auch, dass es ihm nach dem 7. Oktober ein Anliegen gewesen sei, dass die Stadt Wien bereits wenige Tage nach dem 7. Oktober das psychosoziale Zentrum ESRA mit 100.000 Euro unterstützt habe. Die Stadt Wien förderte zudem auch die Einrichtung einer Notkindergruppe im JIFE.

Das JIFE, das vor 35 Jahren vom kürzlich verstorbenen Kurt Rosenkranz als Ort der Erwachsenenbildung begründet wurde, um durch Wissen und Bildung Vorurteile abzubauen und auch dem Antisemitismus entgegenzuwirken, wie Handman in ihrer Begrüßung betonte, bietet inzwischen zudem ein umfangreiches Kinderprogramm an. Dieses beinhaltet auch die Förderung von Hebräisch als Muttersprache für Kinder aus israelischen Familien, die die Möglichkeit genutzt haben, als Nachfahren von in der Schoa Verfolgten um die österreichische Staatsbürgerschaft anzusuchen und nun in Wien leben. Rund um den 7. Oktober befanden sich aber auf Grund der Herbstferien in Israel auch weitere israelische Familien zu Besuch bei Verwandten oder einfach auf Urlaub in Wien, darunter dutzende mit kleinen Kinder, die nach dem Massaker der Hamas nicht wie geplant heimreisen konnten. Für sie eröffnete das JIFE bereits am 10. Oktober eine Notkindergruppe, die bis zu Chanukka in Betrieb blieb.


Der siebente Oktober

Fotoausstellung von Ziv Koren

Ort: Jüdisches Institut für Erwachsenenbildung JIFE, Praterstern 1, 1020 Wien

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 9.00 Uhr bis 13 Uhr, staatliche und jüdische Feiertage ausgenommen, bei freiem Eintritt zu sehen bis 24. Juni 2024

 

 

 

 

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