Von „Homing“, „Sprachweh“ und „vaterlandslosen Gesellen“

Das Jüdische Echo 2023 beleuchtet aus vielen Perspektiven das zeitlos aktuelle Thema „Flucht und Vertreibung“.

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Das Jüdische Echo. Vol. 71: Flucht und Vertreibung. Falter 2023, 130 S., € 19,90

Dieses Jahr müssen wir nicht bis nach Rosch ha-Schana warten. Bereits vor dem Pessach-Fest ist das Jüdische Echo 2023 in frühlingshafter Frische erschienen. Sein Thema „Flucht und Vertreibung“ ist leider von erneuter und offenbar ewiger Aktualität.

Auf die Jahrtausende alte Expertise des jüdischen Volkes in der Fluchterfahrung weist eingangs Obmann Leon Widecki hin.

Der ehemalige ORF-Journalist Christian Schüller, der erfreulicherweise als neuer Chefredakteur gewonnen werden konnte, hat 16 Autor:innen eingeladen, persönliche, historische, politische, psychologische und gesellschaftliche Erinnerungen, Betrachtungen und Analysen zu dieser fast unerschöpflichen Problematik beizutragen. 130 inhaltsschwere Seiten sind es geworden, stimmig illustriert mit Werken der 2015 verstorbenen jüdischen Malerin Soshana Afroyim, die selbst als Kind mit ihrer Familie aus Wien flüchten musste. Wie etwa auch der in New York lebende 98-jährige Physiker Josef Eisinger, der seine Rettung den sogenannten Kindertransporten nach England verdankt. „Homing“ nennt man das von ihm beschriebene Phänomen des späten Heimwehs, das Menschen unwillkürlich an den Ort ihrer Herkunft, in seinem Fall eben Wien, zurückzieht.

Auf die Jahrtausende alte Expertise des
jüdischen Volkes in der Fluchterfahrung weist
eingangs Obmann Leon Widecki hin.

 

Eine frühere Heimkehr wurde, wie wir wissen und Barbara Serloth in ihrem Beitrag schildert, diesen Vertriebenen nicht eben leicht gemacht. Als „vaterlandslose Gesellen“ seien die jüdischen Österreicher:innen ja quasi „freiwillig geflüchtet“ lautete ein Narrativ im Nachkriegsösterreich, das diesem unangenehme Restitutionsprobleme ersparen sollte.

„My Dirndl is over the Ocean“ erkundet als kuriose Nischengeschichte die emotionale Bindung vieler dieser Emigrant:innen an die österreichische Tracht.

„Sprachweh“, also der schmerzliche Verlust der Muttersprache, ist ein Schicksal, das flüchtende Menschen bis heute erleiden, wie der aus Syrien stammende Journalist Hassam Al-Zaher erzählt. Wie sie ihre Begegnungen mit muslimischen Geflüchteten 2015 zur Gründung des Vereins Shalom Alaikum brachte, berichtet Miriam Tenner.

Ganz in die unmittelbare Gegenwart führt das Porträt des liberalen ukrainischen Rabbiners Mikhailo Kapustin, der in der Slowakei jüdischen Flüchtlingen des russischen Angriffskriegs tatkräftig und unbürokratisch hilft.

Damit seien nur wenige Solist:innen erwähnt, die vielstimmig Das Jüdische Echo auf eine schmerzliche globale Problematik einfangen.

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