War es Eisberg oder Grünberg?

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Als die „RMS Titanic“ am 14. April 1912 mit einem Eisberg kollidierte, waren auch Juden an Bord. Von Alexander Kluy

Ernest Aronson, Augusta Abrahamson, Earl Bochstuni, Mary Bochstuni, Leah Oks, Tille Oks, Herman Badman, Gershun Cohen, Harry Corn, Nathan Goldsmith, Abraham Harmon, Sucha Holman, Sarah Roth, Samuel Rissin, Emma Rissin, Harry Salowitz, Maurice Serota, Wolf Specter, Henry Spinner, Fishel Eberheart, Lazar Minkoff, Leah Zimmerman. Diese Namen veröffentlichte die Chicago Tribune auf Seite 2 ihrer Ausgabe vom 18. April 1912. Es waren Passagiere der 3. Klasse auf einem Schiff mit Namen „Titanic“. Doch an sie, die jüdischen Passagiere, erinnert sich niemand mehr.

An Benjamin Guggenheim schon eher. So wie er auch reisten Isidor Straus, Gründer des Kaufhauses Macy’s, weithin bekannter Wohltäter, Mäzen jüdischer Wohlfahrts- und Erziehungsorganisationen und Sponsor der Jewish Encyclopedia, und seine Ehefrau Ida in der 1. Klasse. Das Verhalten des Paares taucht sogar historisch verbürgt im notorisch romantisierenden Film James Camerons auf, denn sie legten etwas an den Tag, wofür sie noch heute pathetisch gelobt werden: „den Edelmut des amerikanischen Geldadels“ (Linda Maria Koldau). Schlug doch Ida das Angebot aus, im Rettungsboot Nr. 8 das sinkende Schiff zu verlassen, als sie hörte, alle Männer blieben ritterlich an Bord. „We have lived together for many years. Where you go, I go“, einen Satz aus dem Buch Ruth soll sie als Antwort gesprochen haben, als sie das Beiboot wieder verließ. Gemeinsam kamen die Straus bei der marinen Katastrophe, die einen mysteriösen, weil weitgehend aus sich selbst heraus mobilisierenden Mythos im Lauf von 100 Jahren entwickelt hat, ums Leben. So wie 700 der insgesamt 2.200 Passagiere auch.

Was machten Juden an Bord des Schiffes der White Star Line?

Auf Vergnügungsreise gehen, wie die Wohlhabenden, die eine Passage in Luxus gebucht hatten. Für sie gab es sogar einen koscheren Chefkoch.

Typkia Friedberg allerdings, aus Chicago gebürtig und nach London ausgewandert, um dort ihr Glück als Musikerin zu machen – es reichte dann doch nur für das Musizieren auf den Straßen –, konnte sich die Überfahrt nur in der 3. Klasse leisten, weder sie noch ihr Mann überlebten. In New York hatten sie vor, sich für ein Engagement bei einem jungen, aufstrebenden Impresario zu bewerben, sein Name: Florence Ziegfeld.

Das „Titanic Baby“ allerdings überlebte. Sein Leben lang war Frank Aks aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde in Norfolk. Als er starb, 80-jährig im Jahr 1991, besaß er eine der weltgrößten „Titanic“-Andenkensammlungen.

Edith Rosenbaum überlebte ebenfalls; sie war 33, Journalistin, zeichnete ihre Texte mit „Edith Russell“ und hatte soeben aus Paris über die neueste französische Mode berichtet. Einige Jahre später, im Ersten Weltkrieg, sollte sie die erste weibliche Kriegsreporterin sein, die Berichte aus der vordersten Schützengrabenlinie sandte.

Benjamin Guggenheim

Und ein glanzvolles Museum im vom Untergang durch Wasser bedrohten Venedig verdankt ganz maßgeblich seine Existenz der „Titanic“. Auch wenn über Benjamin Guggenheim wenig bekannt ist, außer dem Umstand, dass er zur Investorengruppe gehörte, die für den Einbau von Liftanlagen in den Eiffelturm verantwortlich zeichnete: Er vermachte seiner Tochter Peggy ein ausreichend großes Vermögen, auf dass sie in die künstlerische Bohème eintauchen und später dann den Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande erwerben konnte, um dort ihre Kunstsammlung unterzubringen.

Merkwürdigerweise tauchen antisemitische Konspirationstheorien nur sehr peripher an den weit ausgreifenden Rändern der „Titanic“-Untergangslegenden auf. Allzu sehr, allzu strikt ist der Unfall als naturwissenschaftlich-technisches Problem erläutert worden, wobei, wie jüngste Veröffentlichungen überzeugend argumentieren, die Ursachen wohl eher in einem Kommunikationsdesaster zu suchen sein dürften und in persönlicher Hybris, weitaus weniger in der Symbolschwere der „Titanic“ als Hybris der bürgerlichen Endzeit-Moderne.

Selbst im Internet, Verschwörungsmedium par excellence, klingt nur Ironie an. Ein Besucher einer parodistischen Verschwörungswebsite gab etwa den Kommentar ab: „Eyesberg? Klingt ganz wie ein jüdischer Name.“ Und ein anderer postete augenzwinkernd folgenden Witz:

„Ein Flugzeug hebt vom Flughafen Heathrow ab, am Steuer ein jüdischer Kapitän. Sein Kopilot ist Chinese. Sie fliegen zum ersten Mal zusammen und schweigen sich an, offensichtlich missmutig und ablehnend. Nachdem sie die endgültige Flughöhe erreicht haben, schaltet der jüdische Kapitän den Autopiloten ein, lehnt sich zurück und murmelt: ‚Ich mag keine Chinesen …‘

‚Nicht mögen Chinese?‘, fragt der Kopilot, ‚warum nicht?‘

‚Eure Leute haben Pearl Harbor bombardiert, deshalb!‘

‚Nein, nein‘, protestiert der Kopilot, ‚Chinese nicht hat bombaldielt Peall Halbol! Das Japanel, nicht Chinese.‘

‚Japaner, Chinesen, Vietnamesen … ganz egal … alle gleich!‘

Einige Minuten verstreichen mit Schweigen.

‚Ich auch nicht mögen Juden!‘, ruft der Kopilot plötzlich.

‚Aha, und wieso nicht?‘, fragt der Kapitän.

‚Juden versinken Titanic.‘

‚Was? Was für ein Blödsinn?! Juden haben die Titanic nicht versenkt!‘, brüllt der Kapitän. ‚Es war ein Eisberg!‘

‚Eisberg, Goldberg, Grinberg, Rosenberg … ganz egal … alle gleich!‘

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