Auf der Suche nach Abraham

Den ersten Beitrag ihrer neuen WINA-Kolumne widmet Julya Rabinowich ihrem Vater und seinem wohl besten, jedenfalls liebsten Werk. Unverkäuflich, ging es einst auf einer Ringfahrt verloren.

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Julya Rabinowich, (c) Michael Mazohl

Nachdem mein Vater erste Jahre in Wien verbracht hatte, malte er eines seiner besten Werke, vermutlich sogar das beste. Es hieß Abraham, stammte aus seiner Serie Propheten, diese Serie wiederum war inspiriert vom Alten Testament, das er sich, kaum der UdSSR entronnen, sofort zu Gemüte geführt hatte, da es nicht mehr unter verbotene Literatur fiel. Das Bildnis zeigte das Gesicht eines alten Mannes mit Bart, der weise, traurig und sehr intensiv die Betrachtenden anblickte. Mein Vater liebte dieses Bild am meisten, er stellte es aus, weil das Bedürfnis, Abraham mit anderen zu teilen und ihre Meinung dazu zu hören, zu überwältigend geworden war. Verkaufen wollte er ihn allerdings auf keinen Fall.

Der Galerist bestand darauf, dass man keines der Bilder als unverkäuflich kennzeichnete. Ein künstlerischer Spagat zwischen Seelenbedürfnis und Vermarktbarkeit war also gefragt, Abraham wurde das teuerste Bild in der gesamten Ausstellung, ein gewagter, genau genommen eigentlich ein frecher Preis, der, wie mein Vater dachte, mögliche Käufer abschrecken würde. Es kam, wie es kommen musste, jemand wollte ausgerechnet Abraham und nicht die anderen Bilder. Mein Vater, der natürlich um unsere prekäre Lage bestens Bescheid wusste, verweigerte sich dennoch und beschwor einen Konflikt mit dem Galeristen herauf. Die Ausstellung ging zu Ende, Abraham blieb Schrödingers Abraham – gleichzeitig ausgepreist und unverkäuflich –, und mein Vater transportierte die Arbeiten wieder zurück.

Abraham fuhr allein im Ringwagen
dahin, und mein Vater kämpfte,
von Abraham verlassen, auf dem
Opernring mit den Tränen.

Abraham wollte er nicht mit dem allgemeinen Kunsttransport reisen lassen wie die anderen Werke, er rollte ihn kurzerhand in Seiden- und danach noch in Zeitungspapier und nahm ihn auf der Heimfahrt mit. So kam es, dass meine Mutter vor ihrer Staffelei aufgeschreckt wurde von einer Erscheinung, die durchaus an den Geist von Hamlets Vater erinnerte: blass, zerzaust und schrecklich heulend. Es war aber nicht Hamlets Vater, sondern meiner. „Ich habe Abraham verloren!“, schrie er in wilder Verzweiflung, und meine Mutter, die dieser biblisch tragischen Aussage im Augenblick nicht folgen konnte, war nicht sicher, ob er einen Freund oder seinen Glauben meinte. „Dann ruf ihn doch an“, war der falsche Ratschlag und erntete Sturm. Mein Vater hatte Abraham, den Unverkäuflichen, in der Straßenbahn an den Sitz gelehnt und war dann aus Übermüdung ohne ihn ausgestiegen. Als er den Verlust bemerkte, war es zu spät, Abraham fuhr allein im Ringwagen dahin, und mein Vater kämpfte, von Abraham verlassen, auf dem Opernring mit den Tränen.

Aber wie so vieles im Leben meines Vaters, fügte sich das Schicksal beinahe märchenhaft: Jemand fand Abraham, brachte ihn ins Fundbüro der Wiener Linien, und man rief meinen Vater an, nachdem seine Unterschrift entziffert worden war. Und so kehrte Abraham zurück.

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