Wie Antony Blinken zum Weltbürger wurde

Der neue US-Außenminister Antony Blinken erhielt seine europäisch-jüdische Prägung durch zwei Elternhäuser.

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Kompetent und charismatisch. „Tony Blinken ist ein Superstar“, schwärmte schon 2013 der damalige Vizepräsident Joe Biden. © LYNN BO BO/EPA/picturedesk.com

Er ist ein leidenschaftlicher Fußballfan, ein exzellenter Gitarrist, spricht fließend Französisch, seinen Jugendtraum Filmemacher zu werden, verwirklichte er nicht – stattdessen wurde er vor Kurzem als Außenminister der USA vereidigt. Der 58-jährige Antony Blinken ist kein Unbekannter im Washingtoner Establishment, und gerade deshalb sollen viele Augenpaare geleuchtet haben, als ihn US-Präsident Joe Biden nominierte. Denn in Trumps Team fand man in den letzten vier Jahre niemanden, der so multilateral und europäisch denkt. „Die America-First-Außenpolitik von Donald Trump lehnt Blinken klar ab. Sie hat seiner Meinung nach zu mehr Isolationismus geführt – und dazu, dass konkurrierende Mächte erstarkt sind“, konstatiert die Politologin Sarah Wagner. Allerdings werde Blinken nun erst einmal damit beschäftigt sein, die Beziehungen zu wichtigen Partnern zu reparieren: Vertrauen wiederherzustellen und internationalen Abkommen erneut beizutreten.

Nominierung. Der gewählte US- Präsident bei der Vorstellung seines nationalen Sicherheitsteams, darunter Tony Blinken als Außenminister. © JOSHUA ROBERTS / REUTERS / picturedesk.com

„Tony Blinken ist ein Superstar, und das ist keine Übertreibung“, schwärmte schon 2013 der damalige Vizepräsident Joe Biden. Der so Gelobte war vier Jahre sein außenpolitischer Sicherheitsberater. Der Cum-laude-Absolvent der Harvard und Columbia University in Jus und Politikwissenschaften begann als außenpolitischer Redenschreiber für Präsident Bill Clinton und arbeitete gleichzeitig für das Center for Strategic and International Studies. Danach saß Blinken im National Security Council und war für europäische Belange zuständig. In der Regierung Barack Obamas schaffte es Blinken bereits bis zum stellvertretenden Außenminister. Als Donald Trump Präsident wurde, verließ Blinken den Staatsdienst und gründete mit einer Kollegin aus der Obama-Truppe die Beraterfirma WestExec Advisors LLC. Gleichzeitig lehrte er auch an der University of Chicago und verfasste Kommentare und Analysen für die New York Times und CNN.
Doch so weltoffen und proeuropäisch wird man auch in den USA nicht automatisch, selbst wenn man eine beeindruckende Bilderbuchkarriere hingelegt hat. Seine persönlichen Prägungen und politischen Einflüsse verdankt Blinken – nach eigener Aussage – zwei besonderen jüdischen Persönlichkeiten: einerseits seinem leiblichen Vater Donald Blinken, Botschafter und erfolgreicher Finanzinvestor, andererseits seinem Stiefvater Samuel Pisar, prominenter Anwalt und Politikberater von J. F. Kennedy, der den Blick des jungen Tony auf die Geschichte und die Welt stark beeinflusste und schärfte.
1962 in New York City geboren, verbrachte Blinken seine ersten Lebensjahre an der Upper East Side, wo er mit seinen Eltern Donald und Judith wohnte. Nach der Trennung seiner Eltern 1971 zog er mit seiner ungarisch-stämmigen Mutter nach Paris und wechselte an die zweisprachige École Jeannine Manuel. Judith Blinken hatte inzwischen Samuel Pisar geheiratet und folgte ihm nach Paris, wo dieser u. a. auch als Berater von Präsident Valéry Giscard d’Estaing fungierte.
In einem Interview mit der Washington Post im Jahre 2013 erzählte Pisar, wie der Teenager Antony ihn darum bat, von seinen Erlebnisse im Krieg zu erzählen. „Er wollte genau wissen, was ich als Schoah-Überlebender durchgemacht hatte, als ich in seinem Alter war“, so Pisar. „Er war beeindruckt und berührt, es eröffnete ihm eine neue Dimension auf die Welt und was da alles passieren kann.“ Stiefsohn Blinken trat zum Zeitpunkt dieses Pisar-Interviews als Sicherheitsberater von Joe Biden für eine US-Intervention in Syrien ein, weil Präsident Assad Giftgas gegen sein eigenes Volk einsetzt hatte. Dazu meinte Pisar: „Wenn sich Tony heute wegen des Giftgases in Syrien Sorgen macht, denkt er zwangsläufig an jenes Gas, das meine ganze Familie vernichtete.“

„Wenn sich Tony heute wegen des Giftgases in Syrien Sorgen macht,
denkt er zwangsläufig an jenes Gas, das meine ganze Familie vernichtete.“

Samuel Pisar

Schoah-Überlebender textet Kaddisch für Leonard Bernstein. Samuel Pisar wurde 1929 in Białystok, Polen, geboren; sein Vater gründete den ersten Taxiservice in der Region. Seine Eltern und seine jüngere Schwester Frieda wurden in Auschwitz ermordet. Im Bar-Mitzwa-Alter wurde Samuel nach Majdanek, Bliyn, Auschwitz, Sachsenhausen, Oranienburg und Dachau verschickt. Am Ende des Krieges entkam er seinen Peinigern während eines Todesmarsches. Danach verbrachte Pisar anderthalb Jahre in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland und hielt sich mit Schwarzmarktgeschäften gemeinsam mit anderen Überlebenden über Wasser. Eine in Paris lebende Tante holte ihn dort weg; ein Onkel schickte ihn nach Australien, wo er 1953 einen Bachelor of Laws an der University of Melbourne erwarb. Nachdem er seine Tuberkulose ausgeheilt hatte, reiste er in die USA und promovierte als Jurist in Harvard. Zusätzlich erwarb er auch ein Doktorat an der Sorbonne.
Pisar arbeitete für die Vereinten Nationen in New York und Paris. 1960 kehrte er nach Washington zurück, um Mitglied der wirtschafts- und außenpolitischen Task Force von John F. Kennedy zu werden. Gleichzeitig beriet er den Senat und die Hausausschüsse. Als Anwalt vertrat Pisar zahlreiche Mandanten, die laut Fortune-Ranking zu den 500 größten Unternehmern der USA zählten.
Aber Pisar errang auch literarisches Ansehen, seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Großer Erfolg war seinen Memoiren Das Blut der Hoffnung beschieden: Dafür erhielt er den Present Tense Literaturpreis 1981. Die Freundschaft des Ehepaars Pisar mit Leonard Bernstein führte dazu, dass ihn der weltberühmte Komponist bat, den Text zu seiner Symphonie Nr. 3, Kaddisch, zu verfassen. Bernstein kannte eine Erzählung des Freundes, in der er basierend auf seinen Erfahrungen in den Lagern seinem Zorn auf G-tt Ausdruck verliehen hatte. Der jüdische Musiker war der Meinung, Pisar könne der Symphonie eine authentischere Stimme verleihen als er, der diese Schrecken nicht durchlebt habe. Pisar lehnte die Bitte bescheiden ab, und erst nach Bernsteins Tod und den Angriffen auf das World Trade Center 2001 schrieb Pisar den Textdialog mit G-tt für das Kaddisch, in dem er seine Sorge um die Zukunft der Menschheit ausdrückte. Pisar war Mitbegründer von Yad Vashem France und Direktor der Stiftung für das Mémoire de la Shoah: Zu seinen Ehren wurde das Gedicht zur Kaddisch-Aufführung im Juni 2009 in Yad Vashem in Jerusalem rezitiert.
An internationalen Ehrungen mangelte es Pisar nicht. So war er unter anderem 2012 Großoffizier der französischen Ehrenlegion des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Schon im März 1995 wurde er von Königin Elizabeth zum Ehrenoffizier des Ordens von Australien ernannt, und zwar „für den Dienst an den internationalen Beziehungen und den Menschenrechten“. Die weltweite Anerkennung und Bekanntheit des vielseitigen Stiefvaters von US-Außenminister Blinken zeigte sich zuletzt in den unzähligen Wortmeldungen zu seinem Tod im Juli 2015.

„Denn wir waren ja gekommen, um Werte wie Freiheit,
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern.“
Vera Blinken

Zwei Mütter aus Ungarn. Doch auch der kunstsinnige Einfluss der leiblichen Mutter Judith Pisar (Blinken) darf bei Antony Blinken, der gleich in zwei kosmopolitischen Elternhäusern aufgewachsenen war, nicht übersehen werden. Judiths Eltern waren aus Ungarn in die USA eingewandert und ließen die spätere Kunstmäzenin sowohl an der Kunstakademie Vassar College wie auch an der Juilliard School of Music in New York ausbilden. Als Judith mit Samuel Pisar in Paris lebte, setzte sie sich 17 Jahre als Vorsitzende des American Center of Paris ein, einem Avantgarde-Treffpunkt für französische und amerikanische Künstler, der schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden war. In dieser Funktion übertrug sie 1988 Frank Gehry den Auftrag ,ein neues Gebäude – sein erstes in Europa – zu entwerfen. In der Folge brachte sie die Stadtverwaltung von Paris dazu, den Platz, an dem das Gehry-Werk entstanden war, nach Leonard Bernstein zu benennen. Im Alter von 79 Jahren wurde sie für ihre Leistungen von der UNESCO 2017 zur Sonderbeauftragten für Kulturdiplomatie ernannt.
Aber auch Judiths Nachfolgerin als Frau Blinken, Vera, muss sich mit ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement nicht verstecken. Sie wurde in Budapest geboren, ihr Vater war früh gestorben, und sie erlebte das Schicksal eines jüdischen Flüchtlingskindes – aber mit positivem Ausgang. Nach mehreren Fehlschlägen gelang es ihrer Mutter 1950, aus dem kommunistischen Ungarn auf abenteuerliche Weise über Italien in die USA zu gelangen. Auch Vera studierte am Vassar College, machte ihren Abschluss in Kunstgeschichte und arbeitete als Innenarchitektin.
„Meine ständige Gewissensbürde bleibt der Ungarnaufstand 1956“, erzählt Vera Blinken, „die Fotos und Berichte gemahnten mich daran, dass wir es schon 1950 geschafft hatten und diese mutige Menschen sich erst später opferten.“ Daher engagierte sie sich seit 1978 in diversen Funktionen im International Rescue Committee, einem Gremium, das bereits 1933 auf Vorschlag von Albert Einstein gegründet worden war, um Intellektuellen zur Flucht aus Nazi-Deutschland zu verhelfen.
Vera Blinken kam mit Antonys Vater, Donald, 1994 nach Budapest – zum ersten Mal nach ihrer Flucht –, als dieser seinen Posten als US-Botschafter in Ungarn antrat. „Das war schon aufwühlend, hierher zurückzukommen, nur drei Jahre nachdem die Sowjetbesatzer das Land verlassen haben“, erinnert sich Vera. „Denn wir waren ja gekommen, um Werte wie Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern und Ungarn auf dem Weg in die westliche Integration zu helfen.“ Vera war durch ihre Sprachkenntnisse eine große Unterstützung für Botschafter und Ehemann Donald Blinken. 1996 gründete sie z. B. das erste mobile Brustkrebsscreening-Programm in Osteuropa.
Blinken, der gebürtige New Yorker, promovierte in Ökonomie an der Harvard University und zählte zu den Mitbegründern der Investment Bank E. M. Warburg, Pincus & Co. Als früher Sammler amerikanischer Gegenwartskunst war er ein enger Freund des berühmten Malers des abstrakten Expressionismus Mark Rothko.
Politisch war Blinkens Amtszeit von 1994 bis 1998 geprägt von den Bemühungen Ungarns, der Nato beizutreten. Das Ehepaar finanzierte die Vera and Donald Blinken Open Society Archives (OSA) an der Budapester Central European University, die wichtige historische Dokumente, u. a. auch aus dem Revolutionsjahr 1956, digital aufbereitet haben. Das brachte ihnen jetzt hämische Kommentare in den regierungstreuen Medien wie z. B. Magyar Nemzet ein. Da hieß es u. a., die Nominierung von Antony Blinken zum US-Außenminister sei eine großartige Nachricht für George Soros, denn die beiden hätten enge Beziehungen zur damaligen sozialistisch-liberalen Regierung unterhalten.
US-Außenminister Antony Blinken wird diese Kritik mit Fassung tragen und sich schlimmstenfalls mit zwei seiner Songs trösten: Lip Service oder Patience, die man beim Musik-Streamingdienst Spotify finden kann. Wenn nicht, könnten ihn auch Ehefrau Evan Ryan, Staatssekretärin für Bildung in der Obama-Regierung, oder ihre beiden Kleinkinder ablenken.

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