„Wissenschaft und Unternehmertum verbinden“

Der israelische Nobelpreisträger für Chemie Dan Shechtman kam als Vorsitzender zur Übergabe des renommierten Wolf Preises an die Komponistin Olga Neuwirth nach Wien. Im Interview betont er die Bedeutung naturwissenschaftlicher Ausbildung für eine moderne Ökonomie, diese könne auch schon im ganz jungen Alter beginnen.

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Dan Shechtman im WINA-Interview im Wiener Hotel Imperial. Auf der Krawatte des Professors finden sich symbolhaft die Quasikristalle, die er entdeckt hat. ©Reinhard Engel

WINA: Herr Professor Shechtman, vor sechs Jahren haben Sie in einem Interview mit WINA die Besonderheiten des Erfolgs der israelischen Wirtschaft erläutert, vor allem des Hightech-Sektors. Sie erwähnten die zahlreichen Startups, das gute Finanzierungsumfeld, die Risikobereitschaft von Gründern und Spitzenkräften, die Rolle des Militärs als Forschungs- und Ausbildungsstätte. Und sie erwähnten auch das darunterliegende Mindset, sie nannten es „eine Kultur des Widersprechens, nicht des Gehorchens“.
Dan Shechtman: Das alles stimmt natürlich immer noch. Aber man darf dabei auch nicht die Rolle des Staates unterschätzen. Es gibt in jedem Ministerium einen Chief Scientist, einen obersten Wissenschaftler, und darüber noch einen Chief Scientist für die gesamte Verwaltung. Dieser schüttet jährlich eine große Summe an Fördermitteln aus, immerhin 500 Millionen Dollar, eine halbe Milliarde. Das steht für Unternehmensgründungen zur Verfügung. Wenn Sie eine Idee haben, können sie einen Antrag stellen, ohne Vorbedingungen. Wer dann damit erfolgreich ist, zahlt das Geld über die Jahre von seinen Einnahmen wieder zurück. Wenn man nicht erfolgreich war, dann war das ein Geschenk, ohne negative Folgen. Daher muss man auch nicht zögern, sich um diese Förderungen zu bewerben.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der israelischen Wirtschaft ein? Das internationale Umfeld ist schwierig: Ich erwähne nur gestörte globale Lieferketten, stark gestiegene Energiepreise, den Krieg in der Ukraine. Wie navigiert hier Israel? Eine Energieknappheit konnte ja durch die großen Gasfunde im Mittelmeer vermieden werden.
Die israelische Wirtschaft punktet nach wie vor durch Hightech. Der Krieg in der Ukraine hat dabei den Exporten von Rüstungsgütern noch einen zusätzlichen Schub gegeben, dieses Segment wächst sehr stark.

Die ohnehin schon umfangreichen Exporte in diesem Sektor stiegen weiter deutlich an. Inzwischen wird nicht mehr nur an Schwellenländer wie Indien verkauft, sondern Drohnen an die Schweiz oder Luftabwehrsysteme nach Deutschland.
So ist es. In die ganze Welt. Das kann man auch allgemeiner formulieren. Wenn es Probleme gibt, lösen wir sie für uns und auch für viele andere in der Welt. Das gilt ebenso für Technologien wie Bewässerung, Wasseraufbereitung durch Entsalzung oder unterschiedliche Software-Bereiche.

Durch das Abraham-Abkommen hat es die israelische Regierung geschafft, mit einer Reihe arabischer Länder diplomatische und auch wirtschaftliche Beziehungen aufzunehmen, mit einigen weiteren gibt es hinter den Kulissen Schritte der Annäherung. Wie wichtig ist diese Entwicklung für die israelische Wirtschaft, und wird sie sich in den nächsten Jahren weiter fortführen lassen?
Die Märkte sind die ganze Zeit da, egal ob man unterschiedliche politische Auffassungen hat. Natürlich helfen diese Abkommen, sodass die Exporte steigen. Ist das ein bedeutender Beitrag zur israelischen Ökonomie? Ich denke, es spielt ein Rolle, aber eher eine moderate. Aber natürlich hat das eine Zukunft, die Golfstaaten verfügen über viel Geld und kaufen unsere Produkte. Aber wir können ihnen auch nicht alles verkaufen, was sie gerne hätten, etwa auf dem Gebiet der Militär- und Sicherheitstechnologie. In anderen Bereichen funktioniert das gut, bei Software, Hightech oder Agrotech.

Das ist die Außenhandelsseite. Doch bevor man diese anspruchsvollen Waren oder Dienstleistungen verkaufen kann, muss man sie erst einmal entwickeln und erzeugen. Israel ist als kleines Land sehr erfolgreich mit seinen Startups, aber auch als Hightech-Kooperationspartner zahlreicher internationaler Konzerne. Worauf führen Sie diese Position zurück? 
Im Kern des Erfolgs steht nach wie vor die Verbindung von Wissenschaft und Unternehmertum. Und damit kann man nie früh genug anfangen, ich werde später noch von Wissenschaft im Kindergarten erzählen. Ich habe an meiner Universität, dem Technion in Haifa, vor 35 Jahren eine Vorlesung ins Leben gerufen und 30 Jahre selbst gehalten, die nannte sich Technological Entrepreneurship (Technologisches Unternehmertum). Das war die größte Einzelvorlesung am Campus, jede Woche von 600 Studentinnen und Studenten besucht. Das waren aber nur deshalb bloß 600, weil unser größter Vorlesungssaal nicht mehr Personen fasst. Vor einigen Jahren habe ich dann wegen meiner Pensionierung an meinen Nachfolger, einen befreundeten Professor, übergeben. Die Vorlesung läuft erfolgreich weiter.

„[…] dann sitzen da Fünfbis Sechsjährige in kleinen Labormänteln
und diskutieren, was sie gerade bei ihren Versuchen gelernt haben.
Sie arbeiten ganz ernsthaft, besprechen
und verstehen auch rechtkomplexe Zusammenhänge.“
Dan Shechtman

Hier ist die Verbindung zwischen Technologie und künftiger wirtschaftlicher Nutzung relativ klar. Aber was meinen Sie mit Wissenschaft im Kindergarten? Das scheint doch relativ weit weg von der Ökonomie.
Nur auf den ersten Blick. Ein Weltbild, das auf Wissen gegründet ist, ist extrem wichtig. Ich habe mit dem Bürgermeister von Haifa ein Projekt gestartet für 60 Kindergärten, darunter kommen die Kinder etwa bei 20 von ihnen aus säkularen jüdischen Familien, in weiteren 20 aus religiösen und in anderen 20 aus arabischen Nachbarschaften. Ich hatte in einem Radiointerview vorgeschlagen, dass man mit Wissenschaft in einem sehr frühen Alter beginnen sollte. Der Bürgermeister hat mich spontan angerufen und gesagt: Das machen wir. Er würde es auch finanzieren. Das hat 2013 begonnen und läuft immer noch. Darüber hinaus gibt es noch einen speziellen Wissenschaftskindergarten. Der liegt in einer ganz normalen Gegend, die eher von ärmeren Menschen bewohnt wird. Es gibt 90 Kinder, und sie haben ein gut eingerichtetes Labor. Wenn man es besucht, denkt man, man könnte in einer Universität sein. In Gruppen arbeiten sie im Labor, geführt von einer studierten Chemikerin, die eigentlich Mittelschulprofessorin ist. Schaut man genauer hin, dann sitzen da Fünf- bis Sechsjährige in kleinen Labormänteln und diskutieren, was sie gerade bei ihren Versuchen gelernt haben. Sie arbeiten ganz ernsthaft, besprechen und verstehen auch recht komplexe Zusammenhänge. Ich würde sagen, das ist ein Modell für die Welt.

Warum soll man derart früh beginnen?
Das ist der Kern dessen, worauf der israelische ökonomische Erfolg basiert. Talent, rationales Denken, Hightech und darüber hinaus – wie erwähnt – die Unterstützung durch die Regierung.

Sie haben in unserem letzten Gespräch schon die Bedeutung des Ausbildungssektors für den ökonomischen Erfolg Israels erwähnt und dabei die religiösen Schulen kritisiert, weil diese oft grundlegende Skills nicht unterrichten, etwa Mathematik. Wie schätzen Sie die aktuelle Regierungspolitik in dieser Hinsicht ein?
Die neue Regierung hängt von den Religiösen ab. Wenn diese aus der Regierung ausscheiden, hat sie keine Mehrheit mehr. Das Problem ist weiterhin da, und es wird sich noch verschärfen. Man unterrichtet in den religiösen Schulen keine Mathematik, kein Englisch. Sie sagen, um die Bibel zu lesen, brauchen wir kein Englisch. Englisch ist ein Mittel, um sich der Welt auszusetzen, das wollen wir nicht. Wir bleiben lieber unter uns, die äußere Welt ist schrecklich.

Gibt es Programme, um religiöse Kinder an die Universitäten zu bekommen?
Die gibt es. Zwar kommen wenige von ihnen an meine Uni, das Technion. Aber wir geben ihnen intensive Unterstützung, ein ganzes Jahr an Vorbereitung auf das eigentlich Studium, oft wirklich einfachste mathematische Grundlagen, das ist eine tägliche persönliche Hilfe. Die meisten schaffen dennoch die Aufnahme nicht, und von denen, die es schaffen, scheiden viele bald wieder aus. Ein ganz kleiner Prozentsatz schließt das Studium erfolgreich ab.

Sprechen Sie dabei von Männern oder von Frauen?
Hier spreche ich von Männern, von sehr religiösen Männern. Frauen sind erfolgreicher. Sie wollen lernen, sie wollen studieren, sie wollen sich weiterentwickeln. Das gilt übrigens auch für die arabische Gesellschaft. Ich kann oft junge arabisch-israelische Frauen nicht von jüdischen unterscheiden. Sie sind gleich angezogen, sie reden gleich, sie haben die gleiche Ausbildung. Statistische Daten dazu kann ich leider nicht vorlegen.

Ein weiterer Bereich, in dem Sie Nachholbedarf festgestellt haben, war, dass es jenseits des erfolgreichen Hightech-Sektors vergleichsweise wenig produzierende Unternehmen im Sachgüterbereich gibt, dass die Ausbildung praktischer Facharbeiter und Facharbeiterinnen zu wünschen übrig lässt. Konnten Sie hier in den letzten Jahren eine positive Veränderung feststellen?
Das Problem gibt es nach wie vor. In Deutschland und Österreich haben Sie ein gutes System der dualen Lehrlingsausbildung, das existiert bei uns nicht. Man hat auf die praktisch-technische Ausbildung keinen Wert gelegt. Eine gewisse Entlastung hat die Einwanderung aus Russland gebracht, von Menschen, die über solche Kenntnisse verfügten. Aber das bringt keinen lang anhaltenden Effekt. Ein Problem dabei ist auch die jüdische Mutter: Sie will, dass ihre Kinder entweder Anwälte werden oder Ärzte.

Sehen Sie eine Lösung?
Wir brauchen wirklich mehr kompetente Hände an den komplizierten Produktions maschinen. Freunde von mir haben in einer Privatinitiative in Haifa eine Schule für Techniker gegründet, Bosmat. Das ist eine gute Sache, aber nicht breit landesweit eingeführt. Ich fürchte, das Problem wurde weiterhin nicht wirklich erkannt, niemand spricht darüber, aber ich betrachte es als wirklich gravierend. Wir müssen das lösen.

Das ist ein Bereich, in dem Israel Schwächen hat, kehren wir zu den Stärken zurück.
Das möchte ich an einem Unterschied zwischen Österreich und Israel zeigen. Ich habe einen jüngeren Freund, der wurde als Jude in Österreich geboren und scheiterte in Österreich an der Universität. Warum? Er hat mir erzählt, an der Uni in Wien musste man den Stoff auswendig lernen, und das konnte er nicht. In Israel, am Technion, war das anders, da musste er sich nichts auswendig merken, er musste die Sachen verstehen. Und hier hatte er Erfolg, auch später als Unternehmer im Software-Bereich. Er verkaufte komplexe, schnelle Rechenlösungen an Banken und wurde damit wohlhabend. Er hatte sich schon in Österreich für Computer interessiert. Auf seine Fragen dazu sagte man ihm: Lies es nach. Am Technion war die Antwort: Komm her, ich zeige es dir. Wir gehen ins Labor, und da wirst du sehen, wie ein Computer funktioniert.

Was schließen Sie daraus allgemeiner?
Auf Konferenzen, die ich immer wieder besuche, auf wissenschaftlichen Konferenzen, sage ich es so: Wer an etwas glauben will, das in den Büchern steht, der sollte sich mit Religion befassen. In der Wissenschaft wollen wir die Bücher neu schreiben.

Professor Shechtman, danke für das Gespräch.


SPITZENFORSCHUNG AN DER UNI, FERNSEHEN FÜR KINDER Dan Shechtman wurde 1941 im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina geboren. Er studierte Materialwissenschaft am Technion in Haifa und promovierte dort 1972. Daneben absolvierte er ein Ingenieurstudium, das er mit einem BSc abschloss. Es folgten Forschungsjahre in den USA, unter anderem an der Johns Hopkins University. Ab 1975 arbeitete er am Technion, er hielt dort bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Materialwissenschaften. Mehrere Monate im Jahr unterrichtete er dasselbe Fach an der Iowa State University. Shechtman erhielt 2011 den Nobelpreis für Physik für seine Erforschung der so genannten Quasikristalle. Dabei geht es um regelmäßige, aber aperiodische Strukturen von Molekülen in bestimmten Metalllegierungen. Diese Entdeckung, die lange im internationalen WissenschaftsEstablishment umstritten war, dient unter anderem dazu, Stähle oder Aluminiumverbindungen mit höherer Härte zu erzeugen, sei es für die Medizintechnik oder für industrielle Anwendungen. Shechtman ist mit der Psychologieprofessorin Tzipora Shechtman verheiratet; das Paar hat vier Kinder und zahlreiche Enkelkinder. Neben seiner Lehrtätigkeit gestaltete Shechtman auch Wissenschaftssendungen für Kinder im israelischen Fernsehen und kandidierte 2014 erfolglos für das Amt des israelischen Staatspräsidenten.

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