Abigail

Wir werden in den Nachrichten sein“, erklärt Abigails Onkel Zuli den Kindern. „Ich bin in den Nachrichten!“, ruft das Mädchen sofort vom Hintersitz des Autos. „Ich war in Gaza!“ Das Foto des damals erst dreijährigen Mädchens mit den großen dunklen Augen ging um die Welt. Sogar US-Präsident Biden setzte sich für ihre Freilassung ein. Erst viel später wurden alle Details der Geschichte von Abigail und ihren beiden Geschwistern bekannt.

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Eines jener Wunder des Überlebens der letzten Wochen ist auch Abigail Edan, die heute bei ihrer Tante leben darf. © Spokesperson’s Office, Schneider Children’s Medical Center

Liron und Zuli sind von Tel Aviv in den Kibbuz Kfar Asa gezogen, weil dort Lirons Eltern lebten und sie ihre Kinder in einer ländlichen Gemeinschaft aufziehen wollten. Liron wurde in dem Kibbuz auch geboren, hatte jedoch aufgrund der Sicherheitslage Bedenken zurückzukehren. Schließlich überwogen die Vorteile. Und auch ihre jüngere Schwester Smadar lebte dort, und so konnten sie ihre Kinder gemeinsam aufziehen.

Dass sie einmal mit sechs Kindern an einem ganz anderen Ort ein völlig neues Zuhause aufbauen würde, konnte Liron nicht voraussehen. Das gehört zu einem neuen Kapitel in ihrem Leben. Das Kapitel davor ist jenes vom 7. Oktober. Es begann mit dem Raketenalarm um 6:20 Uhr in der Früh. Und damit, dass sich Liron mit ihren Kindern, einer Nachbarin und deren kleiner Tochter im Sicherheitsraum einschloss. Etwas später sah Zuli die Terroristen durch die halbgeschlossenen Lamellen der Jalousien des Wohnzimmerfensters. Ihm war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass die Kinder seiner Schwägerin Smadar nicht weit entfernt allein in ihrem Haus und in großer Gefahr waren, doch es sah keine Möglichkeit, lebendig zu ihnen zu gelangen: „Auf den Wegen des Kibbuz wimmelte es von Hamas-Terroristen. Wer hinausging, wurde erschossen. Sie schossen auf alles, was sich bewegte“, beschreibt er die Situation Wochen später.

Als der Angriff der Hamas an jenem schwarzen Samstag losging, lief Roy Edan, Abigails Vater, seinem Instinkt als Fotograf folgend hinaus, um zu filmen. Von ihm stammen die ersten Zeugnisse dieses Tages auf Ynet: die Paraglider der Hamas, die Fallschirme kurz vor der Landung … Erst als er die Terroristen immer näherkommen sah und die unmittelbare Gefahr zu begreifen begann, lief er zurück ins Haus zu seiner Familie. Das war wohl auch der Moment, in dem Smadar, seine Frau, vor den Augen der Kleinen ermordet wurde. Roy flüchtete mit den Kindern hinaus. Er hielt die kleine Abigail auch noch in seinen Armen, als er erschossen wurde und zu Boden fiel. Ein Hamas-Mann gab den beiden anderen Kindern ein Zeichen zu verschwinden. Michael und Amalia liefen zurück ins Haus.

„Noch am 7. Oktober in der Früh habe ich verstanden, dass wir von nun an sechs Kinder haben werden.“
Abigails Tante Liron

Abigail und ihr Vater galten vorerst als vermisst. Es dauerte noch über eine Woche, bis man die Leiche von Roy identifizieren konnte und die dreijährige Abigail als entführt erklärt wurde. Bis zu ihrer Befreiung sollten weitere 50 Tage vergehen.

Die Kleine scheint versucht zu haben, bei Nachbarn Einlass zu finden, aber ihr Klopfen wurde nicht bemerkt. In ihrem blutigen Nachthemd und barfuß ging sie immer weiter, bis sie zum Haus des besten Freundes ihres Vaters gelangte. Uria wollte gerade hinaus, um bei der Verteidigung des Kibbuz zu helfen. Er erzählt später, er hätte gedacht, das wäre „das Klopfen des Todes“ – die Terroristen, die sie alle umbringen wollten. Doch als er die vor Schock schneeweiße Abigail in ihrem blutüberströmten Nachthemd sah, öffnete er die Tür. Das Kind erschrak vor seiner grünen Uniform, denn auch die Hamas-Terroristen, die ihren Vater ermordet hatten, trugen dieselben grünen Uniformen. Sie lief davon, Uria folgte ihr aber und brachte sie zu seiner Frau Hadar in den vermeintlich sicheren Bunker des Hauses, bevor er erneut losging. Aus diesem Bunker wurde Abigail wenig später mit Hadar und deren beiden Kindern nach Gaza entführt.

In der Zwischenzeit bekam Liron einen Anruf von ihrem neunjährigen Neffen Michael: „Papa, Mama und Guli sind tot“, flüsterte er. Sie konnte die Bedeutung seiner Worte vorerst nicht richtig erfassen, also vertröstete sie ihn und versuchte ihre Schwester Smadar zu erreichen – ohne Erfolg.

Der gelbe Kleiderkasten. Der neunjährige Michael rief inzwischen die Polizei an und wurde mit einer Sozialarbeiterin aus dem Norden des Landes verbunden: Dr. Tamar Schlesinger. Sie wusste nichts über ihn, begriff aber sofort, dass sie mit einem sehr jungen Kind sprach. Sie ließ sich den Raum beschreiben, in dem sich die Kinder befanden, und wies diese an, sich im gelben Kasten des Bunkers zu verstecken. Und sie versichert ihnen: „Ich bin mit euch, bis ein israelischer Erwachsener euch herausholt.“ Dass das noch 12 Stunden dauern sollte, konnte sie in dem Moment nicht ahnen. „Stellt die Handys auf leise“, riet sie Michael. „Gute Menschen sind auf dem Weg zu euch, um euch zu retten“, wiederholte sie immer wieder, während sie überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis jemand die zwei Kinder aus dem Kasten holt.

Während der langen Stunden, die sie mit den Kindern am Telefon verbrachte, fragte die Sozialarbeiterin nie, was geschehen ist. Sie wollte die Kinder nicht mit Emotionen überfluten. Wie sich später herausstellte, hatten sie gesehen, wie ihre Mutter und kurz darauf auch ihr Vater erschossen wurden. Schlesinger fragte am Telefon nur, ob es noch Geschwister gebe, und so erfuhr sie, dass die kleine Schwester auf den Armen des Vaters war, als dieser erschossen wurde. Michaels Zwillingsschwester Amalia war die meiste Zeit still.

Die Kinder berichteten der Sozialarbeiterin vom starken Rauchgeruch und darüber, dass sie immer wieder Schüsse hören. Nach und nach erhielt sie immer mehr Nachrichten über die Lage im Süden und erfuhr auch, dass Israelis nach Gaza verschleppt wurden. Langsam begann sie zu verstehen, in welcher Gefahr sich die beiden Kinder befanden. „Wenn ihr Arabisch sprechen hört, dann sagt ihr kein Wort mehr. Dann seid ihr ganz leise und antwortet mir nur mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘“, wies sie die Kinder nun an. „Dann spreche nur ich, und ich bin mit euch, bis ihr gerettet werdet.“

Dann berichtete Michael über Stimmen und ein Klopfen an der Tür. „Ganz still, ich höre euch, auch wenn ihr nicht antwortet. Ich bin mit euch, ihr seid nicht allein“, flüsterte die Helferin den Kindern zu. Doch dann hatte Michaels Handy nur noch fünf Prozent Batterie, und um das Ladegerät zu holen, musste er an der toten Mutter vorbei in die Küche. „Glaubst du, dass du das schaffst?“, fragte ihn die Sozialarbeiterin. „Kannst du ganz schnell laufen? Und sie dürfen dich nicht durchs Fenster sehen!“ Michael schaffte es und schlüpfte mit dem Ladegerät in den Kasten zurück.

„Wird uns jemand aufnehmen?“ In diesen 12 Stunden sprachen sie über vieles. Die Kinder fragten, ob eine Familie sie aufnehmen würde, da sie jetzt ja Waisen seien. „Sie werden um euch streiten“, versprach ihnen Schlesinger. Im Laufe des Gesprächs erfuhr sie auch, dass Smadar beim internen Sicherheitsdienst Shabag tätig gewesen war, und bat noch einmal die Armee um Hilfe. „Mir war klar, dass es nicht sein kann, dass die Armee das weiß und niemanden schickt, um die Kinder herauszuholen, wenn es nur irgendwie möglich ist“, erzählt sie später.

Tatsächlich kam kurz darauf, draußen war es bereits dunkel geworden, ein Armeefahrzeug, und Schlesinger bekam einen Anruf: „Wir sind da, sag den Kindern, dass wir da sind!“ Und sie hörte auf der anderen Leitung, wie jemand rief: „Amalia, wir sind Freunde von deiner Mama …“ So wurden die beiden Geschwister endlich aus dem Haus gerettet, während draußen in der Siedlung noch immer geschossen wurde. „Wir kommen in das Guinness Buch der Rekorde – das war das längste Telefongespräch, das es jemals gab!“, sagte Tamar Schlesinger noch zu Michael. Und um neun Uhr abends schrieb er ihr dann noch eine Nachricht: „Danke!“


„Noch am 7. Oktober in der Früh habe ich verstanden, dass wir von nun an sechs Kinder haben werden“, erzählt Zuli Monate später bei einem Fernsehinterview. Dann aber dachte man, dass Abigail tot wäre. Die Nachricht, dass sie in Gaza sei, gab schließlich doch noch Hoffnung. „Wir wussten nicht, wie sie zurückkommen wird, was für ein Kind sie sein wird“, ergänzt Liron. Erst als sie ihre kleine Nichte nach 50 Tagen Gefangenschaft in den Armen hielt, spürte sie die Erleichterung.
„Sie sehr klug, sie weiß, was geschehen ist, und sie war anfangs sehr still. Sie hat ihre Momente der Traurigkeit, aber sie wird ok sein. Sie ist stark.“

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