Es darf nicht sein, dass jüdische Studierende sich unsicher fühlen: „All das rüttelt auf“

Der Antisemitismus sei durch den terroristischen Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 auch in Österreich befeuert worden, betonte Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am Mittwoch bei einem Pressegespräch in Wien. Der im Vorjahr gestartete Schwerpunkt Antisemitismusforschung reagiert darauf mit einer Studie zum Antisemitismus an Universitäten. Bereits laufende Projekte befassen sich mit der Rolle von Online-Medien sowie der Erhebung von Gegenwartsantisemitismus.

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Die Auswirkungen des 7. Oktober würden weit über den Nahen Osten hinausstrahlen, sagte Faßmann. „Wir erleben neue Formen des Antisemitismus“, dieser sei heterogener und komplexer geworden. Es gebe einerseits den rechten, völkisch inspirierten Antisemitismus, der bis in die Mitte der Bevölkerung hineinreiche. Es gebe den Antisemitismus von Zuwanderern aus dem arabischen Raum, aber auch aus der Türkei, das würden etwa die Daten der IFES-Studie im Auftrag des Parlaments zum Thema untermauern. Es gebe darüberhinaus den Antisemitismus, der mit Kritik an Israel verbunden sei.

Gerald Lamprecht (r.), Leiter des Centrums für jüdische Studienn in Graz, übernahm die Nachfolge von Historikerin Heidemarie Uhl, die im Vorjahr überraschand verstarb. Er präsentiert mit Präsident Faßmann das laufende Antisemitismus-Schwerpunktprojekt. 

Dieser komme aktuell auch von Personen, die sich als progressiv bezeichnen, „sie spielen die Gräueltaten der Hamas herunter oder leugnen sie“. Teils würden die Taten der Hamas auch als legitime Freiheitsbewegung gegen Israel angesehen oder man solidarisiere sich gar mit der Hamas. „Wir haben auch den versuchten Ausschluss jüdischer Studierender bei einer propalästinensischen Veranstaltung an der Angewandten erlebt. All das rüttelt auf. Es darf nicht sein, dass der Dialog im akademischen Bereich zerstört wird. Es darf nicht sein, dass sich jüdische Studierende an österreichischen Universitäten unsicher fühlen.“

Hier setzt die Akademie der Wissenschaften nun mit einem neuen Projekt an. Geleitet wird es von Gerald Lamprecht, Historiker und Verantwortlicher des Centrums für Jüdische Studien der Universität Graz. Er hat mit Beginn dieses Jahres auch die Leitung der ÖAW-Antisemitismusforschung übernommen, nachdem die Historikerin Heidemarie Uhl, die hier bisher verantwortlich zeichnete, im vergangenen Jahr überraschend verstorben ist.

Bisher seien vor allem antisemitische Vorfälle an Wiener Unis bekannt geworden, so Lamprecht. An den Universitäten Graz und Salzburg sei es diesbezüglich bis heute ruhig. Die Studie will sich nun systematisch alle Uni-Standorte ansehen, aber auch analysieren, ob bestimmte Fachrichtungen und Disziplinen stärker betroffen sind als andere. Bei einer Veranstaltung zum Spannungsfeld Nahost-Konflikt und Schule in Graz habe er seitens der teilnehmenden Studierenden starke Zurückhaltung erlebt, so als ob diese Angst gehabt hätten, etwas Falsches zu sagen. Das sei dann bereits in Richtung Schweigen gegangen, das wiederum würde in einer ebenfalls nicht erwünschten Diskurszerstörung münden.

Dazu fragte WINA Lamprecht, ob das Äußern von Antisemitismus eventuell auch damit zu tun haben könnte, ob es sich um internationale Studierende handle oder nicht, Stichwort: Angewandte und Post-Kolonialismus-Diskurs, Stichwort Central European University, und ob es bei in Österreich sozialisierten Studierenden eher bekannt sei, was gesagt werden könne und was nicht, Stichwort political correctness, aber auch Stichwort schweigende Studenten bei der Veranstaltung zum Nahost-Konflikt und Schule? Darauf meinte Lamprecht: Es gebe immer Konventionen, wie man spreche und das könnte durchaus eine Rolle spielen. Das würden die Ergebnisse der Studie dann zeigen. Grundsätzlich sei aber zu sagen: Wenn sich alle bei dem, was sie äußern, an bestimmte Konventionen hielten, dann würde auch der politische Diskurs anders aussehen.

Ariane Sadjed vom ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften mit ÖAW-Präsident Heinz Faßmann. (c) ÖAW

À propos Diskurs: Ariane Sadjed vom ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften erforscht in einem bereits laufenden Projekt im Rahmen des Antisemitismus-Schwerpunktes, wie online und in Sozialen Medien über Antisemitismus gesprochen wird. Genauer angesehen hat sie sich hier vor allem das Forum des „Standard“ als Beispiel für eine besonders große Online-Community sowie ausgewählte Threads auf Twitter. Was hier nach dem 7. Oktober zu Tage trete: Der Diskurs um Antisemitismus werde verstärkt dahingehend instrumentalisiert, dass gegen Geflüchtete und gegen Migranten mobil gemacht werde. Kernargument: Es sei nicht gut gewesen, 2015 die Grenzen für Geflüchtete zu öffnen, der Antisemitismus sei nun das Ergebnis. Zudem würden Räume für differenzierte Diskurse fehlen. Online greife rasch ein Freund-Feind-Schema.

Das wiederum zeige, dass Antisemitismus in der Gesellschaft bestimmte Funktionen übernehme, betonte Lamprecht. Er verwies hier auch auf die Pandemiesituation, in der verschiedene antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet wurden. Die Anwesenheit von Juden und Jüdinnen sei hier nicht einmal nötig. In Krisen gebe es das Bedürfnis nach Sündenböcken und leicht zu fassenden Erklärungen. Und obwohl man wisse, dass teils auch gut Gebildete Antisemiten seien, gebe es hier bisher kein besseres Rezept als Bildung. Hier hakte auch Faßmann ein: Bildung helfe beim Dekonstruieren von Vorurteilsmustern. Bildung verbessere aber auch die sozioökonomische Situation. Wem es in einer Gesellschaft gut gehe der brauche auch weniger Feindbilder zur Erklärung, warum es ihm nicht gut gehe.

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