NEW YORK

Parkslope, Brooklyn

914
Peter Sichrowskys Erzählung New York ist erschienen in 18 Jewish Stories Translated from 18 Languages. (Hg.) Nora Gold. Cherry Orchard Books engl. 188 S., $19,95

Erich und Hanna besitzen ein kleines Apartment im zweiten Stock in einem schmalen Brownstone. Jedes Stockwerk dieses ehemaligen Einfamilienhauses ist vor vielen Jahren in Wohnungen umgebaut worden. Heute fällt es den beiden gar nicht mehr so leicht, die steilen Stiegen hinauf in den zweiten Stock zu steigen. Über ihnen lebt ein Rechtsanwalt mit seiner Freundin. Er arbeitet oft bis spät in die Nacht. Sie hören seine Schritte. Unter ihnen eine Familie mit zwei Kindern. Der Mann ist Polizist, die Frau Krankenschwester. Sie besitzen das größte Apartment und dürfen den kleinen Garten im Hof benützen. Hanna sitzt gerne am Fenster und beobachtet die Kinder.

Erich und Hanna sind aus Wien hierher gekommen. Sie heirateten auf der Überfahrt von Lissabon nach New York. Erich arbeitete viele Jahrzehnte als Lektor in einem Buchverlag und war für die deutschsprachige Literatur verantwortlich. Hanna übersetzte Bücher vom Deutschen ins Englische. Literatur und alte Bücher, die sie sammelten, waren immer schon die Leidenschaften der beiden.

Jetzt versucht Erich seine Pension zu genießen. Dieses Jahr hat er seinen 78. Geburtstag gefeiert. Hanna ist fünf Jahre jünger.

Regelmäßig bekommen sie von der österreichischen Botschaft und dem Kulturinstitut Einladungen zu Veranstaltungen wie Liederabende, Filmvorführungen, Ausstellungen oder Vorträge. Vor allem Themen, die mit dem Judentum zu tun haben, scheinen der Kulturabteilung der Botschaft besonders am Herzen zu liegen. Erich und Hanna besuchen gerne die Veranstaltungen, um ein wenig in der Vergangenheit zu leben.

Hanna, haben wir beide den Krieg verloren?“
„Ich weiß es nicht. Wir leben wenigstens noch, aber gewonnen?
Gewinnen … verlieren … es hat seine Bedeutung verloren.“

Doch diesmal ist es anders. Sie haben eine Einladung für einen Empfang anlässlich des 50. Jahrestages des Endes des Krieges bekommen. Noch während sie die entsprechende Kleidung aussuchen, beginnt ein Gespräch über den Abend.

Erich hat sich für seinen schwarzen Anzug entschieden. Er hat nur einen. Ließ ihn bereits mehrere Male um den Bund erweitern, will jedoch keinen neuen kaufen. „Wozu“, sagt er immer, wenn Hanna ihn bittet, endlich den alten Anzug wegzuschmeißen. Er brauche ihn einmal im Jahr, und dafür sei er gut genug. Hanna trägt ein langes, dunkelblaues Kleid. Am frühen Abend sind sie beide fertig angezogen. Hanna trägt eine silberne Kette. Sie sitzen in ihren besten Kleidern in der Küche und können sich nicht entscheiden, ob sie zu der Veranstaltung gehen sollen oder nicht.

Erich schaut auf die Kuckucksuhr über dem Küchentisch, wo sie beide am liebsten sitzen. „Hanna! Es ist schon spät, wir müssen uns entschließen!“
„Was hab’ ich für Alternativen?“
„Wir können zu Hause bleiben oder hingehen! Eine dritte Möglichkeit fällt mir nicht ein, außer wir gehen ins Kino und vergessen diesen Abend.“
„Bleiben wir zu Hause, so feiern sie ihre Auferstehung vor 50 Jahren ohne uns. Gehen wir hin, so feiern sie sie dennoch, und wir müssen auch noch zusehen!“

Erich lacht.
„Aber sie haben doch damals den Krieg verloren, das könnten wir ja feiern!“
„Verloren? Sehen so Verlierer aus?“
„Es war auch nicht immer einfach für sie, vor allem in den Jahren nach dem Krieg!“
„Was musst du sie in Schutz nehmen? Glaubst du, sie brauchen das?“
„Nein, sie brauchen meinen Schutz nicht, nicht einmal mein Mitleid! Aber ich bin alt geworden und hab’ genug von den Erinnerungen.“
Ich bin auch nicht mehr jung, aber feiern mit ihnen, bedeutet doch verzeihen, das werde ich nie!“
Erich stützt sich auf und beugt sich vor. „Gut, das weiß ich alles, hab’s schon tausendmal gehört! Gehen wir nun oder nicht? Wenigstens zum Buffet könnten wir …“
„Fünfzig Jahre sind es her, kannst du dich noch erinnern?“, unterbricht ihn Hanna.
„Wie kannst du das fragen?“
„Wie sie uns aus dem Keller holten. Mir brannte das Licht in den Augen. Wie wenn mir als Kind Seifenlösung in die Augen kam … Dieser Lärm im Haus, ich dachte zuerst, die SS kommt, und dann waren es die Russen.“
„Zwei Jahre in einem Keller leben … wer kann sich das heute vorstellen … ich kann es mir auch nicht mehr vorstellen.“

Sie schweigen.
Hanna sucht über dem Tisch Erichs Hand.
„Dieser letzte Tag, weißt du noch, dieser letzte Tag … Frau Werner, die uns immer das Essen brachte … sie war schon zwei Tage nicht gekommen. Du wolltest nach oben, ich hatte Angst und konnte dich noch überreden zu warten … das Wasser ging uns aus, es gab kein Brot mehr, wir hatten seit Tagen den Kübel nicht mehr ausgeleert, es stank so fürchterlich da unten … ich war mir sicher, dass es aus war.“

Erich drückt Hannas Finger. „Mit den alten Fetzen zugedeckt und immer nur warten, ich war mir sicher, dass alles sinnlos war, all die Monate im Dunkeln.“
„Als ich dich zurückgehalten habe, wolltest du unbedingt … in dieser Situation, wochenlang hattest du mich nicht angerührt, aber dann, plötzlich.“
Erich lächelt. „Ich dachte, es wäre das letzte Mal.“
„Das letzte Mal … wie oft dachten wir, es ist das letzte Mal … wir waren noch so jung … jeder Tag war wie ein letzter Tag in diesem verdammten Keller, in den hinunterzugehen mir schon graute, als alles noch so normal war … wir waren die Letzten dort unten, alle anderen tot … wir durften überleben, warum die anderen nicht … diesen letzten Tag erleben … und dann den ersten, den ersten gleich nach dem letzten …“
Hanna kämpft mit den Tränen. „Warum eigentlich wir? Waren wir die besseren Menschen?“, sagt sie langsam.
„Die Kleins tot, beide verhungert, sie hatten einfach aufgehört zu essen, die Rosenbergs tot, an Durchfall gestorben, der Fried tot, hat sich erhängt, die beiden Brüder Grünbach tot, sie rannten hinaus, weil sie es nicht mehr aushielten in dem finsteren Loch …“
„Hör auf“, unterbricht Hanna ihren Mann und presst die Hände gegen ihre Ohren, „und wozu haben wir überlebt?“
„Das darfst du nicht sagen!“, sagt Erich erregt.
„Wir haben für unseren Thomas überlebt, und dann, und dann?“ „Hör auf, darüber will ich nicht reden!“
„Wie alt wäre er jetzt?“
Erich wartet einen Moment, als würde er nachdenken. „Auch bald 50.“

Hanna nickt.
„Am letzten Tag des Krieges ist dieses Leben wahrscheinlich entstanden und ein paar Jahrzehnte später in einem sinnlosen Krieg gefallen!“, sagt Erich leise.
„Er ist nicht einmal durch einen Deutschen gestorben … irgendwo im Dschungel … ach, Erich, sag’ mir doch, wozu haben wir überlebt?“
„Wie soll ich das wissen!“
„Wären wir doch in Wien geblieben nach dem Krieg, alles wäre anders gekommen … wir würden heute mit unseren Enkelkindern spielen …“
Eine Träne läuft ihr über die Wange. „Den Thomas konnten wir nicht zurückhalten. Warum nicht?“
„Er hat sich halt als Amerikaner gefühlt!“
„Pah! Amerikaner! So ein Blödsinn! So ein blöder Tod! So sinnlos!“
„Ich wollte immer zurück“, sagt Erich.
„Ich weiß es doch. Kannst du dich an den Architekten erinnern? Er saß bei uns zu Hause ein paar Jahre nach dem Krieg. Er flüchtete schon ’37, ,ich war ein Politischer‘, sagte er immer stolz. Nicht so wie wir, einfach nur Abfall … du hast ihn gefragt, ob er kein Heimweh hat? ,Heimweh?‘, hat er geantwortet, ,ich bin doch kein Jude!‘, er fand das lustig.“

Erich lacht. „Ich weiß, ich weiß, ich kann mich an ihn erinnern, irgendwie unangenehm war er, auch ein Antisemit, ein politischer halt.“ Auch Hanna lachte.
„Hanna, haben wir eigentlich den Krieg gewonnen?“
„Wie meinst du das?“
„Irgendwer muss ihn doch gewonnen haben?“
„Wir wurden befreit, wir haben ihn überlebt, aber nicht als die großen Sieger!“
„Nu? Wer hat dann gewonnen?“, fragt Erich.
„Ich weiß nicht … die Russen vielleicht, die Amerikaner, aber Thomas war auch ein Amerikaner Und was hat er jetzt davon? Was haben wir davon?“
„Ach, lass’ doch den Thomas … weißt du noch, damals, an diesem letzten Tag, als sie gegen die Eisentür trommelten … wir haben kurz überlegt, ob wir uns aufhängen sollen!“
„Ja, um ein Haar hätten wir ’s getan, so kurz vor dem Ende … ,sie sollen uns nicht lebend erwischen‘, hast du immer gesagt. Verdammtes Haus, dieses verdammte Haus!“
Hanna steht auf und holt ein Glas aus dem Kasten.
„Willst du ein Glas Wasser?“, fragt sie Erich. Sie füllt das Glas und stellt es vor ihn auf den Tisch. „Die da oben über uns, die schliefen im Sommer bei offenen Fenstern in Betten mit weißen Laken und einem Kopfkissen. Und zum Frühstück gab ’s Milch mit Honig und frische Semmeln!“
Hanna füllt ein zweites Glas mit Wasser. „Deshalb hasse ich sie heute noch, leider, ich wäre froh, wenn ich zur Ruhe kommen würde. Ich konnte in der ersten freien Nacht schlafen … so viele waren tot, verschleppt, verschwunden … nur wir beide, wir sitzen noch hier am Tisch, trinken das scheußliche New Yorker Wasser, fünfzig Jahre später.“
„Hätten wir wirklich in Wien bleiben sollen? Wäre Thomas dann noch am Leben? Hanna, haben wir beide den Krieg verloren?“
„Ich weiß es nicht. Wir leben wenigstens noch, aber gewonnen? Gewinnen … verlieren … es hat seine Bedeutung verloren.“
„Als wir damals aus dem Keller kamen, stand der Schneider dort, Peter Schneider hieß er. ‚Gott sei Dank, dass Sie noch leben‘, sagte er zu uns, und er hat sich nicht einmal geschämt. Wohnte seit Jahren in der Wohnung der Meinharts, saß in ihrer Küche, aß mit ihrem Besteck aus ihren Tellern. ‚Gott sei Dank, dass Sie noch leben!‘ Diese Drecksau!“ Erich wird immer lauter.
„Zurückbekommen haben sie die nie, die Wohnung!“
„Niemand hat etwas zurückbekommen! Zumindest wir einfachen Leute nicht, und ein Bild von Klimt hatten meine Eltern nicht. Dafür laden sie mich jetzt nach Wien ein, auf eine Rundfahrt mit dem Fiaker, auf einen Besuch im Prater und zwei Freikarten für die Oper. Fünfzig Jahre später! Mit dem Geld, das sie meiner Familie gestohlen haben, kann ich mir das Gespann gleich kaufen!“
„Und die Frau Werner, die uns versteckt hat, was hat es ihr gebracht?“, sagt Hanna.
„Die Verachtung der Mitbewohner. Zwei Jahre später ist sie in ihrer Wohnung gestorben, eine Woche lang hat es niemand bemerkt.“
„Ein Scheißvolk!“
„Hanna! So darfst du nicht sprechen!“
„Trotzdem ein Scheißvolk, ein mieses Volk!“

„Wenn wir heute hingehen, werden sie wieder bedauern, wie sehr ihnen die jüdische Intelligenz und die Künstler fehlen, die Einsteins, die Mendelssohns, die Freuds, die Kafkas, darauf sind sie stolz … Dass sie jüdische Arbeiter und Handwerker ermordet haben, haben sie noch nie bedauert.“
„So hör’ doch auf zu jammern!“
Erich springt auf, er geht zur Tür, wieder zurück und schreit: „Am schlimmsten ist es, wenn sie – ja, sie! – anfangen zu jammern! Die schreckliche Vergangenheit! Wie ihnen alles so leid tut …“
„So beruhig dich doch, Erich. Das hat doch keinen Sinn, wenn du dich so aufregst.“
Erich geht ins Wohnzimmer. In der Tür des alten Kasten ist ein großer Spiegel. Erich steht davor und blickt auf sein Spiegelbild. Hanna kommt ins Zimmer und stellt sich neben ihn.
„Gut sehen wir aus, Hanna. Alt, aber gar nicht so schlecht! Wie waren wir damals abgemagert! Die Haut zerfressen. Die Lumpen voller Läuse. Die Augen blutrot. Ich sah aus wie ein Greis, du wie eine alte Frau.“
„Wie haben wir uns geschämt an diesem ersten Tag. Es war keine Freude. Wir waren doch zwei junge, schöne Menschen, alle haben uns bewundert, das schönste Paar in der Straße. Was haben die aus uns gemacht!“

Hanna sucht Erichs Hand.
„Ein Jahr später, hier in New York, waren wir wieder die schönsten!“
„Äußerlich vielleicht, aber hier drinnen nagt noch immer die Ratte aus dem Keller!“
„Erich, hat unser Thomas den Krieg verloren?“
Erich nickt und blickt auf seine Armbanduhr. „Wahrscheinlich! Und wir haben das Buffet versäumt!“

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