Arik Brauer: „Ich glaube nicht, dass sich das Meer geteilt hat“

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Herzlichen Glückwunsch, Arik Brauer! Vor wenigen Wochen ist das Multitalent 85 Jahre alt geworden. wina sprach mit dem Künstler über seine Bilder für die neu entstandene Pessach-Haggada, die Zeit in der Pariser Bohème und eine irre Künstlerkolonie. Von Nicole Spilker

 

wina: Herr Brauer, Ihr Werk zeichnet sich auch durch seine fantastische Buntheit aus. Darf ich Sie nach Ihrer Lieblingsfarbe fragen – oder wäre das so, als fragte ich Sie nach Ihrem Lieblingskind?

Arik Brauer: (lacht) Ja, das stimmt. Eine Lieblingsfarbe gibt es bei mir nicht. Kann es auch überhaupt nicht geben, weil eine Farbe alleine ja keine ist, sondern dazu nur im Verhältnis zu anderen Farben wird.

Sie sind vor Kurzem zum zweiten Mal gefragt worden, die Haggada zu illustrieren. Wie kann man sich so eine Anfrage vorstellen? Ruft da einfach jemand an?

Meine erste Haggada ist vergriffen, und sie neu aufzulegen wäre sehr kompliziert gewesen. Es ist aber nicht so, dass jemand anruft und mir den Auftrag gibt, ‚gehen Sie malen‘. Das hat sich aus einem Gespräch heraus entwickelt. Ich verstehe die Arbeit auch nicht so sehr als Illustration, obwohl man das natürlich so nennen könnte, weil sie sich auf den Text bezieht. Aber ich bin ja kein Illustrator. Es ist eine künstlerische Umsetzung, die die Phantasie anregt.

„Das muss man sich einmal vorstellen, dass das Meer sich teilt! Und sich das Wasser auftürmt! Das ist doch eine Jahrtausend-Idee!“

Wie war denn Ihre Herangehensweise für die Umsetzung, es handelt sich ja nicht um irgendein Buch?

Mit starker Hand  hatte er für uns das Meer gespalten…
Mit starker Hand
hatte er für uns das Meer gespalten…

Schauen Sie, die jüdische Religion ist natürlich Teil meiner Zivilisation, aber ich bin nicht religiös. Das heißt: Ich glaube das nicht, dass das Meer sich geteilt hat. Aber darauf kommt es auch überhaupt nicht an. Worauf es ankommt ist diese grandiose Phantasie, die da drin steckt. Das muss man sich einmal vorstellen, dass das Meer sich teilt! Und sich das Wasser auftürmt! Das ist doch eine Jahrtausend-Idee! Ich sehe aus meinem Weltbild heraus den Auszug aus Ägypten als einen Durchbruch von der Sklaverei in die Freiheit, als eine menschliche Entwicklung also. Natürlich ist der religiöse Aspekt in der Haggada der wesentlichste. Dass das nämlich von G-tt mit starker Hand und ausgestrecktem Arm ganz persönlich erledigt wird. So wie ich es lese und verstehe, ist es eine historische Entwicklung, im Grunde genommen eine psychologische Unterbindung von Sklaverei. Dass das nicht richtig ist und dass man sich davon befreien soll und muss, das wurde damals schon geschrieben.

Wie haben sich die Bilder im Vergleich zur Ihrer ersten Haggada-Version von 1979 verändert?

Ich gehöre zu den Malern, die eigentlich immer dasselbe machen. Das ist kein Qualitätskriterium, Mozart und Brueghel haben ja auch immer dasselbe gemacht. Veränderungen gibt’s jedoch bei jedem – was man in der Jugend kann, kann man im Alter nicht mehr, und was man im Alter kann, konnte man in der Jugend noch nicht. Ich schlage immer in die gleiche Kerbe. Ich habe einen prinzipiellen Zugang zur Kunst, der sich mein ganzes Leben lang nicht verändert hat. Ich versuche nicht, die Wirklichkeit abzukonterfeien, wie man sie sieht, sondern sie – sofern ich dazu im Stande bin – zu schaffen und zu erfinden. Es gibt zwischen der ersten und der zweiten Haggada prinzipiell also keinen Unterschied. Ich glaube aber, mich in den Zeichnungen verfeinert zu haben. Und bin natürlich älter geworden, habe viel gelesen und viel erlebt – da sehe ich schon Unterschiede.

Wird bei Ihnen, obwohl Sie nicht religiös sind, der Seder-Abend gefeiert?

Blut, Feuer und Rauchsäulen. Der Auszug aus Ägypten als Durchbruch von der Sklaverei in die Freiheit.
Blut, Feuer und Rauchsäulen.
Der Auszug aus Ägypten als Durchbruch von der Sklaverei in die Freiheit.

Ja, selbstverständlich! Das Judentum hat ja einen Aspekt, der für alle von größter Wichtigkeit ist, und das ist ein historischer. Und Feste und Folklore sind für mich eine besondere Begleitung, die für die Identifikation im Judentum sehr wichtig sind. Zwischen Geschichte und Religion wird ja eigentlich kein Unterschied gemacht. Und je mehr man herumgräbt, desto mehr kommt man darauf, wieviel tatsächlich historisch ist – und wieviel auch nicht.

Sie haben jüngst Ihren 85. Geburtstag gefeiert. Erklären Sie uns bitte, wie man am besten durchs 20. Jahrhundert gekommen ist. Mit Charme, Witz, Schläue – oder ist letztendlich doch alles nur Schicksal?

Sie sprechen natürlich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts an. Ich würde schon sagen: Das Wichtigste ist Mazel. Die vielen Tausende Leut’, die in die Gaskammern gewandert sind und keine Chance hatten, das war wirklich Schicksal. Im Vergleich zu anderen Menschen jüdischer Abstammung bin ich ja auf die Butterseiten gefallen. Ich war nicht im KZ, nicht in Auschwitz, ich habe bei der Kultusgemeinde gearbeitet und mich zum Schluss verkrochen. Ich habe das nicht in diesem grausamen Volumen wie andere erlebt. Auch bei mir hat’s natürlich genügt mit Grausamkeiten und Problemen, aber ich war jung, ich war elastisch und hab’ keine wirklichen Narben davongetragen. Da ich mein Leben sehr bescheiden begonnen habe, habe ich auch als Student nicht darunter gelitten, dass ich nichts hatte. Mein erstes Bild habe ich verkauft, da habe ich schon 15 Jahre als Maler gearbeitet.

„In Paris muss man sehr jung oder sehr reich sein. Wir waren irgendwann beides nicht mehr und kehrten zurück nach Israel und Wien.“

Das war in Ihrer Zeit in Paris. Auf den Bildern, die es von Ihnen und Ihrer Frau aus diesen Jahren gibt, sehen Sie wahnsinnig glücklich aus – war das die beste Zeit Ihres Lebens?

Arik Brauer: Die Brauer  Haggada  Amalthea Verlag 2014;  Prachtausgabe, signiert, mit CD,  126 S., 49.95 EUR  Handbuch 126 S., 29.95 EUR
Arik Brauer: Die Brauer Haggada
Amalthea Verlag 2014; Prachtausgabe, signiert, mit CD, 126 S.,49.95 EUR
Handbuch 126 S., 29.95 EUR

Das weiß ich nicht, auf alle Fälle war es eine wichtige Zeit. Damals hat sich entschieden, ob ich ein Straßensänger werde oder ein bekannter Künstler. Es hat sich dann zur erwünschten Seite hin entwickelt. Außerdem war ich jung und hatte kleine Kinder, das ist von Haus aus ja schon die glücklichste Zeit. In Paris muss man sehr jung oder sehr reich sein. Wir waren irgendwann beides nicht mehr und kehrten zurück nach Israel und Wien.

Mittlerweile sind Sie wahrscheinlich reich – wäre Paris noch eine Option?

Ich bin bestimmt nicht reich genug, um in Paris einen Lebensstandard zu haben wie ich ihn in Wien habe. Weit entfernt davon! Hier habe ich eine Gründerzeitvilla, die ich mein ganzes Leben lang hergerichtet und zurechtgeschneidert habe und die einen wundervollen Garten hat. Das ist in Paris so weit weg wie der Mond.

Sie haben aber nicht nur Ihre Villa in Wien, sondern auch ein Haus in En Hod. Ist das Leben in einer Künstlerkolonie tatsächlich so irre, wie ich es mir vorstelle?

Ich weiß nicht, was Sie sich vorstellen, und ich glaube auch nicht, dass es so wahnsinnig irre ist. Aber zu Anfang, als es aus Ruinen heraus gegründet wurde, hatte es tatsächlich etwas Irres. Denn damals, in den späten 1950er-Jahren, hat jeder mit Nichts das gemacht, was er will. Es war phantastisch! Keiner hatte ein Auto, keiner einen Fernseher, wir haben Schach gespielt und gesungen. Das war eine tolle Zeit.

Wie kann man sich das Leben dort heute vorstellen?

Es unterscheidet sich immer noch von anderen Ansiedlungen und hat Künstlercharakter. Es gibt zahlreiche Galerien und viele Leute, die mit Kunst und von Kunst leben. Aber die Mehrheit lebt mittlerweile davon, das eigene Haus zu vermieten, weil es für sie als Künstler schwer ist, in einem Land wie Israel zu existieren, das kulturell eine Insel ist.

Weil wir im aktuellen wina das zentrale Thema Familie haben und ich weiß, dass Sie ein begnadeter Witzeerzähler sind: Erzählen Sie doch bitte Ihren Lieblingswitz über die jüdische Mutter.

(lacht) Sitzt am Strand in Tel Aviv eine polnische jüdische Mamme mit ihrem Baby. Kommt eine große Welle und reißt ihr das Baby aus der Hand. Sie betet gen Himmel, „Ribono shel olam! Gib mir mein Kind zurück!“ Kommt eine riesige Welle und wirft ihr das Kind zurück in die Arme. Blickt sie wieder in den Himmel: „Ribono shel olam! Wo ist seine Mütze!?“

ZUR PERSON
Arik Brauer wurde 1929 als Sohn eines aus Litauen stammenden jüdischen Schuhmachers in Ottakring geboren. Der bekannte Wiener Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Sänger und Dichter zählt zu den Hauptvertretern der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Brauer ist Vater von Timna, Talja und Ruth Brauer. 22. Jänner bis 25. Mai
Jüdisches Museum Wien
Von Generation zu Generation. Die neue Haggada von Arik Brauer.
Die Erinnerung an bedeutende Ereignisse von Generation zu Generation weiterzugeben, ist ein wichtiger jüdischer Grundsatz. Dies gilt besonders für Pessach. Jedes Jahr am so genannten Sederabend, der den Eingang zu diesem Feiertag im Frühjahr markiert, lesen Juden in aller Welt die Geschichte von der Befreiung der Juden aus der Sklaverei – die Haggada schel Pessach.  jmw.at

1 KOMMENTAR

  1. lacht, und wo is say miatserl? der rebbe steht am fenster einen jux will er sich machen… rostiger die feuerwehr kommt…der spiiritus…4o jahr und frische sockn foa weg midn radl drah mi ned um, i foa weg midn radl und drah mi nimmer um…schöne lieder, danke! ich möchte fragen, ob der satz, das runde fliegt von ihnen ist. ich las einmal in den 80er jahren des vorigen jahrhunderts ein buch mit diesem titel. wenn ich schreibe:

    “Das Runde fliegt”, Arik Brauer

    ist das dann richtig?

    ach, ja, nachträglich Alles Gute zum Geburtstag, wie ich oben las war der heuer 😉

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