„Aros fun Otobus, aran in Rothschild“

Erinnerungen an einen jüdischen Kindergarten

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© Konrad Holzer

Die Schaukel ist nicht mehr da. Einmal habe ich angehalten, bin aus dem Auto gestiegen und habe versucht, durch das Gitter einen Blick auf den Garten zu erhaschen. Hinter dem Haus, zwischen hohen Bäumen, die den Hof verschatteten, da war sie aufgehängt. Eine einfache Holzschaukel, mein Kinderglück.
Ab welchem Alter erinnert man sich? Jedenfalls gehört diese Schaukel gemeinsam mit den mit ihr verbundenen Erlebnissen zu meinen frühesten Erinnerungen.
In den späten Nachkriegsjahren war Wien grau. An der Mauer gegenüber unserem Wohnhaus in der Josefstadt waren noch russische Schriftzeichen zu erkennen, und der nahe Hamerlingpark, die einzige Grünoase, wurde von alten Frauen und Tauben bevölkert.
Großeltern hatten wir nicht, sie sind „umgekommen“, sagten die Eltern und verstummten.
Also wurde ich in einen Kindergarten geschickt. In einen jüdischen Kindergarten. Eine große Auswahl wird es damals nicht gegeben haben, und ich bezweifle sehr, dass sich meine Eltern mit dieser Frage überhaupt befasst haben. Es waren andere Zeiten, sie hatten andere Sorgen und schon gar keine Zeit, mich irgendwohin zu führen und wieder abzuholen. Da traf es sich gut, dass dieser Kindergarten eine Transportmöglichkeit bot, vielleicht war das ja überhaupt ausschlaggebend gewesen.
Und so begleitete mich meine Mutter jeden Morgen den kurzen Weg hinunter an die Ecke Feldgasse/Alserstraße, wo alsbald ein Bus anhielt und ich, ein kleines Mädchen von etwa drei Jahren, einstieg. Ich muss da fast allein gesessen sein, denn erst beim nächsten Halt füllte sich der Bus. Es war das Rothschild-Spital am Währinger Gürtel, das nach dem Krieg als Displaced-Persons-Lager für jüdische Flüchtlinge diente. Sie kamen zumeist aus Osteuropa, warteten auf ihre Auswanderung nach irgendwohin, und sie hatten kleine Nachkriegskinder.

Das Mädchenwaisenhaus in der Döblinger Ruthgasse, einst gestiftet von den Brüdern Wilhelm und David Gutmann. © Konrad Holzer

Jankele, Surele, Moischele, Rifkele, Berele und wie sie alle hießen stiegen also in den Bus, dessen Chauffeur nur jiddisch sprach. Auch die Kinder sprachen jiddisch, ich verstand also nichts. Das sollte sich aber bald ändern.
Endstation war ein beeindruckender ziegelroter hoher Backsteinbau in der Döblinger Ruthgasse, der mir damals noch monströser erschienen sein muss.
Wir wurden in den Garten geführt und losgelassen. Und eben dort hing die Schaukel, für das Stadtkind eine Verheißung. Mehr weiß ich nicht mehr aus dieser frühen Kindergartenzeit. Nur an den täglichen Rückweg kann ich mich lebhaft erinnern.
Erste Station war nun das Rothschild-Spital. „Jankele, Surele, Moischele, Rifkele, Berele! Aros fun Otobus, aran in Rothschild!“, rief die kräftige Stimme des Chauffeurs. Und die Kleinen drängten hinaus zu ihren Müttern, die vor dem, was einst das stolze Jüdische Spital gewesen ist, eine Stiftung Anselm Salomon Rothschilds, auf sie warteten. Und wie! Dieses Bild habe ich immer noch vor Augen, denn es muss auf mich doch etwas befremdlich gewirkt haben. Magere Frauen mit Kopftüchern und langen, fleckigen Schürzen, sichtlich gerade aus der Küche herbeigeeilt, hielten oft noch ungerupfte Hühner in einer Hand und nahmen mit der anderen ihre Kleinen in Empfang. Schnell verschwanden sie im riesigen Gebäude.
Wieder blieb ich allein im Bus bis zur Ecke, an der meine Mama stand, die nie ohne Hut und Lippenstift das Haus verließ.
„Jankele, Surele, Moischele, Rifkele, Berele! Aros fun Otobus, aran in Rothschild“, trompete ich daheim zum Gaudium der Familie. Es wurde zum geflügelten Wort. Weil meine Eltern trotzdem befürchteten, dass ich in der Ruthgasse wohl nicht viel mehr als Jiddisch lernen würde, war meine Karriere dort nur von kurzer Dauer. Bald darauf wurde ich in einen Kindergarten in die Lederergasse gebracht. Die Leiterin sprach deutsch. Sie entriss mich meiner Mutter und führte mich über dunkle Treppen in den ersten Stock. Panische Angst befiel mich, und ich spürte, wie meine Hose nass wurde. Auch das werde ich nie vergessen.
Manchmal fahre ich durch die Ruthgasse. Nie versäume ich es, vom Autofenster aus kurz hinüberzublinzeln auf das Gartentor.
Nun weiß ich dank der Recherchen von Ursula Prokop, dass dieses neugotisch anmutende Gebäude, ein Fremdkörper in seiner Umgebung, vom späten 19. Jahrhundert bis zur „Arisierung“ ein jüdisches Mädchenwaisenhaus gewesen ist, das sich einer Stiftung der Brüder Wilhelm und David Gutmann verdankte, die neben den Rothschilds zu den reichsten jüdischen Familien zählten. Im Stiegenhaus ist eine Tafel für Sophie von Gutmann angebracht, die ich entdeckte, als das hohe Tor einmal zufällig offenstand. Also eine erstaunliche Verbindung zwischen den beiden Schauplätzen meiner kindlichen Erinnerung, quasi von Stiftung zu Stiftung.
„Als die Liegenschaft 1953 an die Kultusgemeinde restituiert wurde, hatte hier vorübergehend eine Hebräische Schule ihren Sitz“, schreibt Prokop (siehe DAVID, Nr. 124, S. 46). Zu dieser muss wohl „mein“ Kindergarten gehört haben.
Wo Jankele, Surele und all die anderen wohl gelandet sind?

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