Sind wir wirklich „Israeliten“?

Ein Plädoyer für eine „Jüdische Kultusgemeinde“.

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Photo by Aneta Pawlik on Unsplash

Schuld ist der Kaiser. Seit der junge Franz Josef I. am 3. April 1849 jüdische Honoratioren als Vertreter der „Israelitischen Gemeinde von Wien“ ansprach, gilt diese Bezeichnung. Bis heute. Er, der wegen seiner offen bekundeten Abneigung gegen antisemitische Tendenzen in seinem Reich gern der „Judenkaiser“ genannt wurde, wird diesen Begriff nicht von ungefähr gewählt haben. Schon seit der Aufklärung galt „jüdisch“ im gesamten deutschen Sprachraum als antisemitisch belastet, so dass in der Folge Juden selbst die Bezeichnung „Israeliten“ vorzogen, um damit eine eher konfessionelle als nationale Zugehörigkeit zu betonen.
„Ein gesunder Instinkt aber, der richtig erkannt hatte, daß mit dem offiziellen Wechsel des Namens nichts erreicht sei, wehrte sich dagegen, die historisch gewordene Bezeichnung (Juden), mit der soviel stolze und auch traurige Erinnerungen verknüpft waren, abzutun“, konstatierte das Jüdische Lexikon im Jahr 1929!

Es ist an der Zeit, mit der Sprache herauszurücken und die Dinge beim Namen zu nennen. Wir sind Juden, von mir aus gegendert auch Jüdinnen. Politisch korrekt müsste das allemal sein.

Dass die zionistische Bewegung den Terminus „Israeliten“ konsequenterweise ablehnte, hänge naturgemäß mit dem „erwachenden jüdischen Selbstgefühl“ zusammen.
Fast hundert Jahre lang war die Gefahr einer Verwechslung mit „israelisch“ nicht gegeben. Doch nach der Staatsgründung Israels 1948 ist eine solche mehr oder minder bewusste, mehr oder minder intendierte Verwechslung leider nicht selten. Wir erleben es bei „Versprechern“ von gar nicht unprominenten Politikern, und dass auch manch unbedarftere Zeitgenossen mit „israelitisch“ nicht viel oder nur das Falsche anfangen können, verwundert wenig.
Zur Vermeidung des J-Wortes wurde nach dem Krieg das Unwort „mosaisch“ amtlich eingeführt, das es bezeichnenderweise nur im Adjektiv gibt. Man kann mosaisch sein, aber sicher kein Mosaiker. Also was ist man dann als jemand, dem in seiner Selbstbezeichnung kein Substantiv zur Verfügung steht? Ein Israelit, eine Israelitin? Wohl kaum ein Angehöriger unserer Gemeinde würde sich so nennen. Oder?
In meinen Dokumenten, meinen Zeugnissen steht „mos.“, und schon in meiner Schulzeit waren mir diese drei Buchstaben peinlich. Mit dem vom Elternhaus verordneten Stolz auf „unser Judentum“ ließ sich diese verschämte Abkürzung kaum in Einklang bringen. Mittlerweile ist man im offiziellen Schriftverkehr dort, wo das Religionsbekenntnis noch verzeichnet wird, zur Abkürzung „isr.“ zurückgekehrt, die vor dem Krieg gebräuchlich war. Nur jetzt eben missverständlich ist. Nein, nicht „israelisch“, sondern „israelitisch“, muss man vielleicht mancherorts aufklären. Schimmern bei derartigen Nachfragen nicht zumindest hintergründig Zweifel an der patriotischen Loyalität der sogenannten „Mitbürger“ durch?
Es ist an der Zeit, mit der Sprache herauszurücken und die Dinge beim Namen zu nennen.
Wir sind Juden, von mir aus gegendert auch Jüdinnen. Politisch korrekt müsste das allemal sein. Wir sollen und dürfen als Glaubensgemeinschaft eine „Jüdische Kultusgemeinde“ sein. Nicht israelitisch oder mosaisch, sondern unverschämt, d. h. im Wortsinn ohne Scham und selbstbewusst jüdisch.
Dies wäre überdies ein Weg, zumindest hierzulande die unterschiedlichen Etikettierungen zu vereinheitlichen. Denn warum es eine „Jüdische Gemeinde Graz“, hingegen eine „Israelitische Kultusgemeinde Linz“ geben soll, ist wohl schwer argumentierbar. Übrigens gibt es offenbar auch in Deutschland und der Schweiz ähnliche Dilemmata, wir hätten also die Chance, als „Jüdische Kultusgemeinde“ mit gutem Beispiel voranzugehen. Nützen wir sie.

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