Das Engagement Vieler wird zum Guten – am Jüdischen Friedhof Währing

Ausstellung am Währinger Jüdischen Friedhof eröffnet Während die Sanierung des Währinger Jüdischen Friedhofs, nicht zuletzt dank des Engagements des Vereins „Rettet den Jüdischen Friedhof Währing“ Stück für Stück voranschreitet, wurde am Montag im ehemaligen Tahara-Haus eine Dauerausstellung eröffnet. Sie informiert künftige Besucher und Besucherinnen des Areals nicht nur über die Geschichte des Friedhofs, sondern auch über jüdische Begräbnis- und Trauerkultur.

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In der NS-Zeit wurden Teile des Währender Friedhofs geräumt, Steine zerstört, das Areal wurde verwüstet.

Über dem Portal des Tahara-Hauses findet sich ein Relief einer geflügelten Sanduhr. Dieses Symbol für Vergänglichkeit verleihe dem erdenschweren Thema Tod durch die Flügel Leichtigkeit, erklärte Renate Stockreiter, die für das Grafik-Design der Schau verantwortlich zeichnet. Man habe dieses Symbol aufgegriffen und daraus das Logo des Jüdischen Friedhofs Währing gestaltet. Sowohl die Sanduhr als auch die Flügel sind zudem wiederkehrende Elemente der Ausstellung.

Portal des Tahara-Hauses. © Renate Stockreiter

Das Tahara-Haus diente sowohl dem Waschen der Verstorbenen als auch der Verabschiedung von den Toten. Es wurde vor mehr als zehn Jahren komplett saniert – und nun als Ausstellungsort gestaltet. Das sei „wieder ein kleiner Schritt in Richtung Gesamtsanierung des Währinger Friedhofs“, betonte Ariel Muzicant, heute Präsident des European Jewish Congress (EJC) und 2017 Gründungsmitglied des Vereins „Rettet den Jüdischen Friedhof Währing“. Er unterstrich die kulturhistorische Bedeutung des Friedhofs, der, wenn einmal fertig hergerichtet, sich mit dem Jüdischen Friedhof Prag, heute ein Tourismusmagnet, messen können werde. Seit 1985 engagierte er sich für die Sanierung des Friedhofs, sagte Muzicant, und er hoffe, dass er es noch erleben dürfe, dass das gesamte Areal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könne.

Bis dahin ist es allerdings noch ein Stück des Weges. Der historische Friedhof entstand ab 1784, damals erwarben die damaligen Wiener Juden und Jüdinnen ein 5.500 Quadratmeter großes Grundstück, das schließlich durch drei Erweiterungen 24.000 Quadratmeter maß. Bis 1879 wurde der Friedhof für Neubelegungen genutzt, danach öffnete das Erste Tor am Zentralfriedhof. Bis 1912 kam es allerdings noch zu einzelnen Nachbelegungen. Bekannt sind über 8.500 Grabsteine, von denen noch rund 7.000 erhalten sind. Die Sterbebücher nennen an die 30.000 Personen, die hier begraben liegen, die Hälfte davon waren Kinder.

In der NS-Zeit wurden Teile des Friedhofs geräumt, Steine zerstört, das Areal wurde verwüstet. In den Nachkriegsjahrzehnten verfiel der Friedhof weiter, die Natur überwucherte die Steine, Wege waren nicht mehr begehbar. Verschiedenste Initiativen – etwa seitens der Wiener Grünen – bemühten sich über die Jahre immer wieder, die Gräber zu säubern. Doch bis zum Ende des großen Friedhofs stieß man mit Freiwilligenaktionen nie vor. Ab 2017 erstellte der Verein (am Montag auch vertreten durch Jennifer Kickert) ein Konzept, wie nach und nach die einzelnen Gräbergruppen saniert werden können. In dieses Konzept reiht sich nun die Eröffnung des Tahara-Hauses als Ausstellungsort ein.

Ansicht aus der Ausstellung im Tahara-Haus. © Natalie Neubauer

Inhaltlich wurde die Schau von Martha Keil, Leiterin des Instituts für jüdische Geschichte in St. Pölten, gestaltet. Sie betonte, die Ausstellung wende sich an Besucher und Besucherinnen mit viel Vorwissen – oder fast gar keinem. Deshalb gibt es auf den vom Architekturbüro KENH entworfenen und von der Atelier Renate Stockreiter grafisch gestalteten Informationstafeln einerseits Informationen zur Geschichte dieses konkreten Friedhofs nachzulesen, andererseits aber auch Grundsätzliches zu Begräbniskultur im Judentum. Aufgestöbert werden konnte im Zug der Arbeit an der Schau auch der Originalplan des Tahara-Hauses. Er gibt ein plastisches Gefühl dafür, wie der Ort, an dem der Besucher, die Besucherin gerade steht, einst, als der Friedhof noch belegt wurde, praktisch funktionierte.

Stichwort einst – Das Tahara-Haus ist heute denkmalgeschützt:

„Was macht Architektur in einem denkmalgeschützten Gebäude? Sie hält sich zurück,“

so Natalie Neubauer von KENH. Man habe einerseits versucht, große Informationsflächen zu schaffen, andererseits durch Akustikpaneele die Akustik des Raumes auszutarieren und beides zu bewerkstelligen, ohne die denkmalgeschützte Struktur zu berühren.

Die Tafeln, in braun gehalten, wenn es um die aktive Belegungszeit des Friedhofs geht, in grau, wenn die Geschichte der Zerstörung und des Verfalls erzählt wird, bieten in Text und Bild jede Menge Information (auf Grund der Kleinheit des Raumes nur auf Deutsch, für internationale Besucher gibt es aber gedrucktes Begleitmaterial auf Englisch). „Einen emotionalen Zugang eröffnen sieben deutsche Grabgedichte, wie sie auf dem Friedhof auf hunderten Grabsteinen zu finden sind“, so Keil. Ergänzend gibt es dazu eine größere Auswahl an Grabgedichten auch als Buch zu erwerben.

Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler meinte bei der Eröffnung, das Projekt Jüdischer Friedhof Währing sei ein schönes Beispiel,

„wie das Engagement der Vielen zu etwas Gutem wird.“

1988 sei sie erstmals als Studentin auf dem Areal gewesen, im Rahmen eines Freiwilligentages, aber da sei noch so unendlich viel zu tun gewesen, dass man am Ende des Tages das Gefühl gehabt habe, gar nichts vorwärts gebracht zu haben. Sie freue sich, den Ort nun wiederzuentdecken und auch als Stadt die Sanierung zu unterstützen. Sie erinnerte aber auch daran, dass die rund 30.000 hier bestatteten Menschen keine homogene Gruppe gewesen seien, vielmehr seien sie aus den unterschiedlichsten Regionen Europas gekommen.

Zur Eröffnung der Ausstellung waren auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka sowie seitens des IKG-Präsidiums Claudia Prutscher und Oskar Deutsch gekommen. IKG-Präsident Deutsch und Muzicant brachten am Montag auch an den beiden Türen des Ausstellungsraumes Mesusot an – und setzten damit den Schlusspunkt des offiziellen Festaktes. Danach führte Kickert Interessierte über das ansonsten noch der Öffentlichkeit nicht ständig zugängliche Areal des Jüdischen Friedhofs Währing.

https://jued-friedhof18.at/

Coverfoto: © Patrick Morawetz

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