„Beziehungen vertiefen und erweitern“

Mordechai Rodgold, Israels neuer Botschafter in Wien, spricht im WINA-Interview über die Gefahr durch den Iran, den Kampf gegen den Antisemitismus und die guten Beziehungen der beiden Länder.

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Mordechai Denis Paul Rodgold wurde 1964 in Paris geboren. In das Außenamt in Jerusalem kam er 1991. Er erwarb seinen Master of Business Administration 1996 an der Hebrew University, wo er zuvor auch den Bachelor in BA und International Relations abschloss. Nach Stationen in Marokko und der Schweiz folgten vier Jahre in Rom als Handelsdelegierter für Italien, Malta und Albanien. Vor dem Botschafterposten in Österreich leitete Rodgold die Abteilung für Information und Public Diplomacy im Außenamt. © Reinhard Engel

Wina: Herr Botschafter, Sie waren auf Posten in Marokko, Italien und der Schweiz. Welche Assoziationen verbinden Sie mit Österreich?
Mordechai Rodgold: Österreich habe ich in meiner Kindheit besucht, und später war ich mit meiner Familie als Tourist in Wien. Aber ich kenne Österreich hauptsächlich aus der Literatur: Ich bin ein großer Fan der Autoren zwischen den beiden Weltkriegen, also Arthur Schnitzler, Joseph Roth, Stefan Zweig und Rainer Maria Rilke. Ich war sehr positiv überrascht, als ich bei der Buch Wien gesehen habe, dass einer der Hauptpreise nach Leo Perutz benannt wurde, denn er zählt zu meinen Lieblingsautoren. Er ist 1938 nach Jerusalem ausgewandert. Es war schön, mit anderen Lesern über ihn reden zu können.

Sie übernehmen die Position des israelischen Botschafters in Österreich zu einem Zeitpunkt, wo die Beziehungen so gut sind wie nie zuvor. Es heißt, Bundeskanzler Kurz und Premierminister Netanjahu sprechen übers Mobiltelefon direkt miteinander. Welche Aufgaben bleiben dann noch für einen diplomatischen Vertreter?
❙ Es ist unsere Aufgabe, diese guten Beziehungen auf höherer Ebene dafür zu nutzen, konkrete Projekte zwischen den beiden Ländern voranzutreiben. Wir wünschen uns eine Kontinuität, aber auch eine Erweiterung und Vertiefung der Beziehungen. Ich sehe diese konkreten Schwerpunkte im stärkeren Austausch zwischen unseren Ländern auf den Gebieten der Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie. Wichtig ist es, das Gewicht insbesondere auf die junge Generation an den Universitäten, Forschungszentren und anderen Institutionen zu legen. Wir werden versuchen, auf allen Ebenen die unterschiedlichen Partner in Österreich und Israel zu vernetzen. Ich bin sehr interessiert daran, konkrete Projekte zu realisieren.

Woran denken Sie da konkret?
❙ Israel ist ja nicht nur eine Start-up-Nation, sondern auch in anderen Technologien weltweit wettbewerbsfähig. Sei es das Gesundheitswesen, die Cyber Security, die Informations-, Klima- und Umwelttechnologie, da haben wir auch sehr viel anzubieten. Nicht zu vergessen Robotics und die automotive Industrie. Österreich hat eine sehr starke Industrie, und die Vernetzung des Know-hows mit Israels Kapazitäten ist eine Win-win-Situation für beide. Wir sind beide mittelgroße Länder, können daher gleiche Maßstäbe ansetzen und auf gleicher Augenhöhe miteinander sprechen.

»Der Iran ist eine Gefahr für die ganze Region und für den Weltfrieden. […] Daher haben wir westlichen Demokratien ein gemeinsames Interesse, den Iran zu stoppen.«

Nach Ihrer Ankunft in Wien hatten Sie Gelegenheit, auch Ihre erste Ansprache beim Gedenkmarsch Light of Hope zu halten.
❙ Ich war sehr beeindruckt, dass diese Veranstaltung von der Jugend organisiert wurde. Daher sagte ich in meiner ersten Rede, dass wir die Bemühungen Österreichs, das eine offene Auseinandersetzung mit der dunklen Vergangenheit zuletzt forciert und auch die Mitverantwortung dafür übernommen hat, voll anerkennen und schätzen. Ich habe betont, wie wichtig das für die jüdische Gemeinde und auch Israel ist.
Sehr klar und eindeutig hat sich auch Außenminister Schallenberg bei einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht geäußert, und zwar, dass die Sicherheit Israels zur Staatsräson Österreichs gehört. Das wurde von der vorletzten Regierung mehrfach festgehalten. Es ist wichtig, dass diese Verpflichtung auch in der nächsten Regierungsvereinbarung explizit erwähnt wird. Wenn diese Kontinuität gewahrt bleibt, werden sich unsere Beziehungen vertiefen und erweitern.

Der iranische Präsident Hassan Rohani hat den Start der Anreicherung in der Nuklearanlage in Fordow angekündigt. Damit ist das Wiener Iran-Abkommen obsolet. Wie groß ist die aktuelle Bedrohung durch den Iran?
❙ Der Iran ist die größte Bedrohung, denn es ist der einzige Staat auf der Welt, der Israel öffentlich mit seiner Vernichtung droht. Der Iran ist aber auch eine Gefahr für die ganze Region und für den Weltfrieden. Denn der Iran hat eine imperialistisch-hegemonistische Ideologie, deshalb exportieren die Mullahs bereits die schiitische islamische Revolution. Im Libanon, in Syrien, im Irak und im Jemen ist der Iran schon längst militärisch aktiv. Wir haben kein Problem mit den Menschen im Iran, das Land hat eine große Kultur, Geschichte und Tradition. Alle menschlichen Tragödien, die im Nahen Osten passieren, gehen leider auf das Konto des Iran. Der Iran versteckt ja seine militärische Ambitionen gar nicht. Er versucht sowohl mit konventionellen Waffen wie auch durch die Erlangung der Atombombe aufzurüsten. Daher haben wir westlichen Demokratien ein gemeinsames Interesse: den Iran zu stoppen.

»Wir sprechen nicht nur von Politik, sondern wollen Israel in seiner Vielfältigkeit der Welt zeigen –
mit Themen, die sonst nicht gleich mit Israel assoziiert werden.«

Premierminister Netanjahu setzt Israels Interessen stark auf die Verlässlichkeit von US-Präsident Trump. Ist das kein großes Risiko?
❙ Die USA zählen seit Jahrzehnten zu unseren engsten Verbündeten, ungeachtet dessen, wer Präsident ist. Donald Trump ist ein starker Unterstützer Israels, aber wir haben auch viele andere Freunde und Verbündete in Europa und in der Welt. Österreich ist auch ein guter Freund und ein Staat, mit dem wir viele gemeinsame Interessen haben, vor allem dieselben liberalen demokratischen Werte teilen.

Vor Kurzem wurde der 24. Todestag von Premierminister Yitzhak Rabin begangen. Hat sich Israel mit dem Status quo abgefunden, ist die Zweistaatenlösung keine Option mehr?
❙ Israel und die Mehrheit der israelischen Bevölkerung will mit all unseren Nachbarn und den Palästinensern in Frieden leben. Daher sind wir jederzeit bereit, mit den Palästinensern direkte bilaterale Gespräche ohne Vorbedingungen zu führen. Aber der Ball ist im palästinensischen Lager: Wenn ihre Führung zu Hass und Gewalt aufruft und Terroristen, die in Israel einsitzen, ein laufendes Gehalt aus dem Budget beziehen, das eigentlich für Erziehung, Bildung und die Wirtschaft gedacht ist, sind die Aussichten auf Frieden düster. Unter diesen Umständen leidet das Vertrauen in die palästinensische Führung. Wenn jemand ehrlich den Frieden will, waren wir immer bereit: So war es mit Präsident Sadat und auch mit König Hussein.

Mit den Golfstaaten hat sich Israels Verhältnis verbessert. Kämen Sie als Vermittler in Frage?
❙ Die Beziehungen zu einigen arabischen Staaten sind besser geworden, weil sie das Existenzrecht des jüdischen Staates de facto, wenn auch nicht de jure, anerkannt haben. Die Palästinenser müssen direkt mit uns verhandeln, nicht durch Vermittler. Für ein friedliches Zusammenleben braucht es gegenseitiges Vertrauen und die Anerkennung des anderen. Die palästinensische Führung verharrt leider in dieser Ambiguität.

Angesichts des steigenden Antisemitismus in Europa fühlen sich auch gut integrierte, blühende Gemeinden in Deutschland und Österreich bedroht. Nur zu sagen, „dann kommt alle nach Israel“, wird nicht reichen. Wie sehen Sie da die Rolle des Staates Israel?
❙ Wir machen da viel mehr, als vielleicht bekannt ist. Im Kampf gegen den Antisemitismus intervenieren wir in internationalen Gremien, wenn es um jüdische Gemeinden in der ganzen Welt geht. Israel setzt sich überall dort ein, wo es notwendig ist. Österreich ist im Kampf gegen Antisemitismus sehr aktiv, es hat im November 2018 während der EU-Präsidentschaft eine große Konferenz zu diesem Thema organisiert. Es hat auch als einer der ersten Staaten in der EU die IHRA-Definition für Antisemitismus und Antizionismus angenommen. Wir unterstützen die Diaspora auf dem Gebiet der Erziehung, Bildung und Kultur. Die Entscheidung, nach Israel einzuwandern, bleibt dem Einzelnen überlassen.

Sie haben in einer Videobotschaft zu Ihrem Amtsantritt erzählt, dass Sie in der Abteilung für Public Diplomacy etwa 1.000 verschiedene Filme über Israel gedreht haben. Ist Israels Image dadurch in der Welt besser geworden?
❙ Wir waren das erste Außenministerium in der Welt, das bereits Mitte der 1990er-Jahre das Internet genutzt hat, und wir waren die Pioniere in der Digital Public Diplomacy. Heute wird dieses Fach an vielen Universitäten weltweit unterrichtet. Ja, man kann auf den digitalen Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram sehen, wie viele Menschen auf die Inhalte zugegriffen haben, egal in welcher Form. Ein Animationsfilm, den wir in zwölf Sprachen übersetzt haben, wurde auf Youtube sieben Millionen Mal gesehen. Wir haben heute die Chance, viel mehr Menschen zu erreichen: Für die arabische Welt haben wir auf Facebook eine Plattform entwickelt, die mehr als eine Million Follower hat. Wir haben eine eigene für den Irak und auch eine in Persisch erfolgreich aufgebaut.

Wird da mehr geboten als nur Regierungspropaganda?
❙ Wir sprechen nicht nur von Politik, sondern wollen Israel in seiner Vielfältigkeit der Welt zeigen – vor allem Themen, die sonst nicht gleich mit Israel assoziiert werden, wie z. B. Kultur, Gastronomie, Tourismus oder Technologie sowie Mode, Lifestyle, Strand- und Sportaktivitäten. Unser Film von der Carmen in der Wüste vor Massada war so ein großes Ereignis: Opernkunst aus Israel wird normalerweise nicht erwartet.

Was wünschen Sie sich, dass man nach Ihrer vierjährigen Amtszeit über Sie sagt?
❙ Jeder Botschafter hofft, eine Spur seiner Amtszeit zu hinterlassen. Ich fühle mich als project manager in spirit. Daher hoffe ich, dass es mir gelingt, die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern noch zu verstärken und zu vertiefen, von den höchsten Ebenen bis zur Zivilgesellschaft. Und dass vor allem mehr Jugendliche aus Österreich Israel kennenlernen und umgekehrt. Die Auswirkung auf unsere gemeinsame Zukunft ist das Wichtigste. Und da ein Fest bevor steht: Happy Chanukka!

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