„Positionen, die quer zur Mehrheit stehen“

Der Dramaturg Tobias Herzberg erzählt, wie er an das Burgtheater kam und welche neuen Formate er für das „Kasino“ plant.

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© Marcella Ruiz Cruz

Wina: Direktor Martin Kušej hat Ihnen als Dramaturgen die Projektleitung der Spielstätte Kasino (am Schwarzenberglatz) übertragen. Sie waren zuletzt künstlerischer Leiter des Studio Я* am Gorki Theater in Berlin. Wie kam es zu diesem Engagement nach Wien?
Tobias Herzberg: Das Studio Я ist nicht nur als kleine Spielstätte des Maxim Gorki Theaters gedacht, sondern als Ort mit eigenem Profil und eigener Programmatik. Von der Gründung 2013 bis 2015 stand es unter der künstlerischen Leitung der Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann. Anschließend übernahm der Autor Necati Öziri und ich folgte von 2017 bis 2019. Es gelang uns nicht nur, mit internationalen Künstlern und Künstlerinnen sowie Gruppen neue Formate für Diskussionen und Schaffensprozesse zu entwickeln, sondern auch mit einer Reihe von neuen Stücken der Kurzlebigkeit von Festivals oder Themenwochenenden entgegenzuwirken, indem wir beide Schienen unter einem Dach vereinten: einerseits das Ensemble- und Repertoiretheater und zusätzlich das kurz geprobte, kuratierte Sonderprogramm.
Meine Aktivitäten für das Studio Я blieben meinen jetzigen Dramaturgie-Kollegen und -Kolleginnen am Wiener Burgtheater nicht verborgen, und so kam es schon 2018 zu der ersten Annäherung. In den daraus resultierenden Gesprächen mit Martin Kušej ging es immer um die Frage: Was braucht ein Theater heute in einer großen Stadt wie Wien, um relevant zu sein? Und wie kann es gelingen, einer kleinen Bühne, die zu so einem großen Apparat gehört, ein eigenes programmatisches Profil zu geben, das einen Wiedererkennungswert schafft?

Die neue Leitung des Burgtheaters möchte dem gesellschaftspolitischen Diskurs und der Jugendarbeit programmatische Schwerpunkte widmen. Sie sagten: „Das Kasino soll als neuer zentraler Ort für Literatur, Verständigung und Streitkultur dienen.“ Am 9. November – zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938 – eröffneten Sie Ihr Programm mit dem Kollektivsalon und nannten es ein „literarisches Störmanöver gegen die Gleichgültigkeit“. Wie sieht dieses „Störmanöver“ konkret aus?
❙ Wir haben die Gruppe Hydra eingeladen, mit uns gemeinsam ein Format zu entwickeln, das stets an historisch-beladenen Daten Störmanöver startet. Aber wer oder was soll da gestört werden? Sicher nicht jene, an die gedacht werden soll, sondern eher jene, die sich zu selbstverständlich in den Ritualen des Gedenkens eingerichtet haben. Als wäre die Vergangenheit abgeschlossen. Der Auftrag lautete daher: Schreibt uns einen Text, den wir gemeinsam mit Schauspielern und Schauspielerinnen des Burgtheater-Ensembles für diesen Abend erarbeiten können und der das spezifische Datum zum Anlass nimmt zu fragen: Wie lässt sich unsere Gegenwart bewältigen?

»Die spezifisch queere Erfahrung besteht nun darin, sich nicht im Ausgegrenztsein einzurichten,
sondern daraus Stärke zu entwickeln.«

Welche Projekte werden Sie in der laufenden Saison im Kasino betreuen?
❙ Der Kollektivsalon wird weitergeführt, mit Augenmerk auf historisch beladene Daten; als nächstes folgt der 12. März und 8. Mai. Es sollen stets neue Texte entstehen, die künstlerischen Anspruch haben, also weder journalistisch noch essayistisch sind, sondern die dramatisch funktionieren, um im künstlerischen Kontext gesagt zu werden. Das Schreibkollektiv Hydra fungiert als Gastgeber und lädt auch andere Gruppen zur Mitarbeit ein, als nächstes das europäische Dramatiknetzwerk Fabulamundi.

Der gesamte Aufwand nur für einen Abend?
❙ Ja, denn gerade das Theater lebt davon, dass es manchmal verschwenderisch ist. Diese einzelnen Schwerpunktabende stellen den Anspruch an das Publikum, dann auch wirklich zu kommen. Das heißt aber nicht, dass die Texte danach verschwinden.

Tobias Herzberg. „Studio Я blieb
meinen jetzigen Dramaturgie-Kollegen und -Kolleginnen am Wiener Burgtheater nicht verborgen.“© Nihad Nino Pusija/ Theater Gorki

Haben Sie bei der Gestaltung des Programms völlig freie Hand?
❙ Das Kollektiv bildet sich auch hier am Haus ab, denn es gibt keinen Chefdramaturgen oder Chefdramaturgin: Am Burgtheater gibt es fünf gleichberechtigte Programm-Dramaturgen und -Dramaturginnen, und wir gestalten den Spielplan zusammen, für alle Häuser und im Austausch mit Martin Kušej und der stellvertretenden Direktorin Alexandra Althoff. Mein Hauptaugenmerk liegt auf dem Programm des Kasinos, wo u. a. die Gesprächsreihe Apropos Gegenwart, abwechselnd moderiert von Isolde Charim und Sasha M. Salzmann, zu Hause ist. Sie laden monatlich internationale Persönlichkeiten aus Politik und Publizistik zu Gesprächen ein.

Womit beginnen Sie das Jahr 2020?
❙ Am 17. Jänner startet die Europamaschine, das ist eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe, die von Srećko Horvat und Oliver Frljić kuratiert und mit der Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine eröffnet wird und danach zwei Monate unterschiedliche Formate präsentiert: Filmvorführungen, Performancekunst, Theater und Debatte. In dieser Zeit kooperieren wir auch mit anderen Institutionen, z. B. veranstalten wir die Schule des Widerspruchs: Da lernen Jugendliche eigene Ausdrucksmöglichkeiten in Theorie und Praxis.

Sie wurden 1986 in Hamburg geboren. Haben dort und an der Zürcher Hochschule der Künste Regie studiert. Gab es eine familiäre künstlerische Vorprägung?
❙ Keine unmittelbare, meine Eltern waren bis zur Pension beide Lehrer für Deutsch und Geschichte. Beide waren im Schultheater aktiv, vielleicht habe ich damals Theaterblut geleckt.

Auf der Bühne. „Ich war so aufgewühlt von der Tatsache, dass man im Drama alles sagen durfte, was sonst im politischen Leben nicht gesagt werden durfte.“ © Nihad Nino Pusija/ Theater Gorki

Warum wollten Sie zum Theater?
❙ Die Eltern haben mir eine große Offenheit für die Auseinandersetzung mit historischen und politischen Ereignissen gewährt. Auch für die Musik und das Theater haben sie mir die Türe weit aufgestoßen, aber durchgehen musste ich selbst. Eigentlich hat mich die Lektüre von Büchner und Lessing, die ich mit 16 Jahren gelesen habe, zur Berufsentscheidung gebracht. Ich war so aufgewühlt von der Tatsache, dass man im Drama und somit auf der Bühne alles sagen durfte, was sonst im politischen Leben nicht gesagt werden durfte. Diese Chuzpe, die die Bühne ermöglicht, weil man auch die Scham ablegt, hat mich fasziniert. Ich schloss daraus, dass das Theater ein Ort sein muss, an dem alles geht. Am Hamburger Schauspielhaus führte damals Tom Stromberg als Intendant eine riesige Anarchiemaschine, dort habe ich mich in einer Schreibwerkstatt ausprobiert und darauf bestanden, den Text selbst zu inszenieren. Danach hieß es, der Text sei nicht so gut, aber vielleicht sollte ich mal überlegen, Regisseur zu werden. So habe ich dann hospitiert, assistiert, studiert und schließlich inszeniert. Ich habe auch selbst gespielt und wurde dann Dramaturg.

Hatten Sie ein jüdisches Zuhause?
❙ Mein Vater wurde 1951 in Haifa geboren und ist als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Für meine Großeltern war es eine Rückkehr, für meinen Vater die erste Emigration. Der Großvater väterlicherseits war sehr hellsichtig, weil er schon 1934 abgehauen ist. Meine Großmutter lernte er bereits in Israel kennen, die war aus Westfalen als 16-Jährige ohne Eltern und Geschwister mit der Jugend-Alija ausgereist. Die Jüdischkeit meines Vaters – meine Mutter ist nicht jüdisch – hat immer eine Rolle gespielt, aber nicht im religiösen Sinn.

Dennoch beschäftigen Sie zeitgenössische jüdische Positionen, wie Ihr Mitwirken am Kongress Desintegration zeigt. Gemeinsam mit dem Lyriker Max Czollek und der Autorin Sasha Marianna Salzmann hinterfragen Sie die jüdische Identität jenseits der Themen Schoah, Antisemitismus und Israel-Nahost-Konflikt. Wie sieht Ihr Denkanstoß dazu aus?
❙ Mit dem Denkanstoß von Czollek und Salzmann konnte ich schon etwas anfangen, trotzdem fragte ich etwas skeptisch nach: „Wenn euer Kongress im Untertitel ‚zeitgenössische jüdische Positionen‘ heißt, warum wollt Ihr dann mich?“ Denn falls ich etwas aus der Position einer Minderheit erzählen sollte, dann war das die eines schwulen Mannes und nicht unbedingt die eines jüdischen Deutschen, fand ich. Weil diese Eigenschaft oder diese Praxis mein Leben, meine politische Positionierung und meinen Alltag vielmehr zu prägen schien, als dass mein Vater Jude ist.
Max Czollek ermunterte mich dann, genau davon zu erzählen. In meiner Arbeitshypothese dachte ich zuerst, dass das eine wichtiger sei als das andere. Denn ich fragte mich selbst nach meiner Befugnis, über mein Jüdischsein zu sprechen. Doch dann erlebte ich, wie diese Kugel abgelenkt wurde und mich voll getroffen hat: Ich erkannte, dass es Quatsch ist zu behaupten, dass die eine Identität wichtiger sei als die andere. Irgendwann kapiert man, dass die Ausgrenzungserfahrung, die man als Kind mit einem jüdischen Elternteil in einer mehrheitlich nicht-jüdischen Gesellschaft macht vergleichbar ist mit der Erfahrung, schwul zu sein, wenn es die Mehrheit eben nicht ist. Das sind Positionen, die quer zur Mehrheit stehen. Die spezifisch queere Erfahrung besteht nun darin, sich nicht im Ausgegrenztsein einzurichten, sondern daraus Stärke zu entwickeln. Und das geht nur, wenn man sich zusammentut.

Sie waren Stipendiat des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES), einer Begabtenförderung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Sie sind dort auch im Kuratorium des Kunstprogramms Dagesh.
❙ Dieses Studienwerk ist pluralistisch aufgestellt, und es wird einem positiv vermittelt, dass man einfach dazugehört, egal, ob die Eltern aus der Sowjetunion kamen oder aus Israel, ob man Bar oder Bat Mitzwa hatte, ob man beschnitten ist oder nicht. Ich habe mich dort zu Hause gefühlt, weil ich ähnlich wie in einem Schwulenklub nicht alleine war. Hier wie dort merkt man: „Du gehörst hierher“ – in diese Gemeinschaft, dieses Land, in diese Gesellschaft. Und das ist ein befreiendes Gefühl.

*Я ist der kyrillische Buchstabe für YA (russisch „Ich“).

Der Jänner 2020 im Kasino:

18. Jänner
Multimedia-Vortrag
Throw your Bodies into the Machine. A speculative Event von und mit Srećko Horvat

22. Jänner
Lesung & Gespräch mit Ivana Sajko und  Marko Dinić

24. Jänner
Performance von und mit Jasmina Polak und Jan Sobolewski

29. Jänner
Apropos Gegenwart
Isolde Charim im Gespräch mit Jan-Werner Müller

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