Briefe an die Liebsten

Wie bringt man das, was man seinen liebsten Menschen nicht (weil sie ermordet worden waren) oder zu deren Lebenszeit nur ansatzweise (weil das Erlebte zu schrecklich war) erzählen konnte, doch irgendwann zu Papier? Die Schoah-Überlebende Helena Ganor, die als Kind durch die Hölle ging, kleidete ihre Erinnerungen an die NS-Zeit in vier Briefe: an die von den Nazis ermordete Mutter und Schwester, an den Vater und die Stiefmutter, mit denen sie schließlich nach dem Krieg eine behütete Jugend erleben sollte. Der Böhlau Verlag publizierte die berührenden Schilderungen nun auch auf Deutsch.

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Was Helena Ganor als kleines Mädchen erleben musste, zerreißt einem das Herz: Die Mutter schob sie im letzten Moment einer fremden Frau zu, damit nur sie selbst, nicht aber ihr Kind deportiert wurde. Kurz darauf sah das Mädchen, wie SSLeute Säuglinge und Kinder, die nicht gehen konnten, aus den Fenstern eines Krankenhauses aus dem vierten, fünften, sechsten Stock auf einen Lastwagen warfen. „Ihre Körper und Schädel zerschellten mit dem gedämpften Klang eines weichen Schlags. Ich habe sie nicht schreien hören, ich hörte die Schreie der Frauen, die versuchten, auf die Wagen zu springen und die Kinder aus der Luft zu fangen, aber sie haben es nicht geschafft – sie wurden auf der Schnelle erschossen.“

Die spätere Ärztin, die den ersten Teil ihrer Kindheit im Gebiet der heutigen Ukraine verbrachte, nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen die Schule abschloss und studierte und schließlich 1969 noch einmal einen neuen Aufbruch wagte und mit ihrer Familie in die USA emigrierte, sollte in den folgenden Jahrzehnten unter wiederkehrenden Albträumen leiden. Einen davon beschreibt sie in ihrem Buch Vier Briefe an die Zeugen meiner Kindheit so: „Ich träume von Körpern, die in der Luft heftig um sich schlagen, Körper von Babys und Kindern, die still hinunterfallen, aber in meinem Albtraum erreichen sie nie die Pritsche des Lastwagens. Durch irgendeine magische Macht in meinem Traum halte ich sie in der Luft und lasse sie dort flattern wie Schmetterlinge oder geistige Wesen, die den Menschen überlegen sind, wie die sagenhaften Engel aus der Mythologie.“

 

„Ihre Körper und Schädel zerschellten
mit dem gedämpften

Klang eines weichen Schlags.“
Helena Ganor

Ganors Kindheitserinnerungen sind gespickt von Begebenheiten, die ihren Tod bedeuten hätten können, dem sie aber immer wieder entronnen ist. Statt Bitterkeit und Härte strahlen diese vier Briefe vor allem eines aus: Liebe zur Mutter, zur Schwester, dem Vater, der Stiefmutter. Und in gewisser Weise auch Vertrauen, dass sich alles zum Guten wenden kann. Die Erzählungen zeigen aber auch, wie stark ein sieben-, acht-, neun-, zehnjähriges Mädchen sein kann, dass sich phasenweise als Straßenkind allein durchschlägt, dabei immer der Gefahr ausgesetzt, als jüdisch erkannt und ermordet zu werden.
Aus der Perspektive der älteren Frau, Jahrzehnte nach dem Holocaust, berührt es, wie sehr sie auch retrospektiv die positiven Momente ihrer Kindheit, die glücklichen Tage vor der Machtübernahme der Nazis, aber auch die Jugendjahre, die sie wieder in Geborgenheit verbringen konnte, zu schätzen wusste. Das Gute im Menschen, das Schlechte im Menschen: Beidem gibt Ganor in ihren Erinnerungen Raum. Das Wichtigste ist ihr aber das Erinnern an jene, die das Leid, das ihnen angetan wurde, nicht mehr selbst anprangern konnten. „Es ist nicht wahr, dass Ungerechtigkeit immer irgendwie ausgeglichen wird, und es stimmt nicht, dass die Schuldigen immer bestraft werden. Oft ist es für beides zu spät. Diejenigen, die gelitten haben, sind nicht nur körperlich zugrunde gegangen, sehr oft sind sie auch vergessen worden. Das ist der Hauptgrund, warum ich davon sprechen will; deshalb schreibe ich diese Briefe.“

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