Joseph Roth mit der Lupe gesehen

Die Literatur- und Kulturwissenschaftler:innen Victoria Lunzer-Talos und Heinz Lunzer widmen sich seit fast 40 Jahren dem Leben und Werk des 1939 im Pariser Exil gestorbenen großen jüdischen Autors. Nach zahlreichen internationalen Ausstellungen, Publikationen, Vorträgen und Studienreisen gründeten sie 2008 die Internationale Joseph Roth Gesellschaft. Seit 2021 geben sie im Rahmen der Schriftenreihe der Gesellschaft eine neue Roth-Edition heraus. Über ihre Begegnungen mit Joseph Roth und dessen Werk und ihre Vorstellungen für die Publikationsreihe erzählen die beiden anlässlich des Erscheinens der ersten Bände im Gespräch mit WINA

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Victoria Lunzer Talos und Heinz Lunzer wollen von ihre Faszination für Roths Werk erzählen und sie weitergeben. © Joseph Roth Gesellschaft

WINA: Wann hat eure Faszination mit Joseph Roth begonnen?
Heinz Lunzer (HL): In der Bibliothek meiner Eltern stand eine Erstausgabe des Radetzkymarsch aus dem Jahr 1932, die ich als Gymnasiast gelesen habe – ein erstes historisches Erleben einer Epoche, das mir viel mehr Authentizität als der Geschichtsunterricht vermittelt hat. Mein zweites Leseerlebnis war ein Auswahlband mit Texten Roths, der mir die Breite seiner Arbeiten, seine Strenge, seine Ironie, seine Verschmitztheit zeigte. Jahre später erhielten meine Frau und ich im Auftrag des Außenministeriums die Gelegenheit, Ausstellungen über österreichische Literatur und bildende Kunst zu konzipieren und zu gestalten. Die begleitenden Kataloge sollten die Leser:innen interessieren wie auch forschungsrelevante neue Dokumente zeigen. Wir haben immer versucht, neue Aspekte zu „verpacken“, die ein breites Publikum ansprechen.

Victoria Lunzer-Talos (VLT): Es ist nicht leicht, sich zurückzutasten, wenn so viel an fabelhaften, fantasievoll ausgestalteten Informationen über einen Autor kursieren – viele von ihm selbst verbreitet, viele zu Klischees verhärtet. Vielfältiges Apperzipieren und Erleben von Roths Denken, seinem Schreiben, der frühen Lust auf Literatur und Sprachgestaltung, dem Aufzeigen von Zeitgeschichte, den Konflikten, dem hektischen Leben und dem frühen Sterben – also sein Leben, seine Biografie, sein Werk zu befreien aus den noch immer gängigen Legenden, etwa von einem Galizien als Ort glücklicher Völker unter benevolenter kaiserlich-österreichischer Herrschaft … Ein Impuls in dieser Richtung war für mich die Ausstellung zu Manès Sperber gewesen, die ich 1987 anlässlich der Übernahme seines Nachlasses für die Österreichische Nationalbibliothek machen konnte und Material zu seinen Erinnerungen suchen musste. So lernt man vielseitiges Recherchieren in Museen und Archiven, nach den historischen Bedingungen, nach Information und Bildmaterial zu Orten, zu Personen, zu Ereignissen. Viele Funde bereicherten unser Wissen von Roths Aufenthaltsorten und Personengruppen, was erlaubte, sein Leben, sein Arbeiten in vielen wichtigen Facetten zu zeigen.

Brief an die Schwiegermutter. Roth, der viel unterwegs war, hat selbst nicht viel aufgehoben, manches bei Freunden deponiert, die das Material nach seinem Tod verstecken mussten. © Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, Wien

Der nächste Schritt war eure erste Ausstellung über Joseph Roth?
HL: Genau. So durften wir zum ersten Mal in den 1980er-Jahren den großen Nachlassteil Roths, den das Leo Baeck Institute in New York aufbewahrt, besuchen und auswerten; da fühlt man sich schon wie ein Schatzgräber. Wir konnten uns einen sehr guten Eindruck verschaffen, was alles da ist, durften viele Kopien machen – digitale Reproduktion gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

 

„Vielfältiges Apperzipieren und Erleben von Roths Denken, seinem Schreiben, der frühen Lust auf Literatur
und Sprachgestaltung […].“
Victoria Lunzer-Talos

 

Wie kam dieser unglaubliche Nachlass überhaupt nach New York?
HL: Das ist eine abenteuerliche Geschichte: Roth, der viel unterwegs war und fast nur in Hotels lebte, hat selbst nicht alles aufgehoben, manches bei Freunden deponiert. Als er 1939 im Exil in Paris starb, packten Freunde wie Soma Morgenstern und Hermann Kesten, Zweigs erste Frau Friederike und Roths Übersetzerin Blanche Gidon, was sie fanden, und gaben, als Frankreich von Deutschland besetzt wurde, das Material an Gidon, die ein Versteck dafür bei ihrer Hausmeisterin fand, nachdem sie als Jüdin selbst untertauchen musste. Andere Papiere hatte Roth bei einem befreundeten Journalisten deponiert, und dieser, Joseph Bornstein, rettete seine und Roths Papiere nach Amerika. Nach Ende des Krieges konnte Roths Neffe Fred Grubel die wertvollen Papiere in den Bestand des New Yorker Leo Baeck Instituts einbringen, wo auch Bornsteins Papiere aufgenommen worden waren oder wurden. So gibt es heute im Leo Baeck Institute zwei Roth-Sammlungen.

Joseph Roth verstarb 44-jährig in Paris an den Folgen einer doppelseitigen Lungenentzündung © wikipedia/Elisabet Charlotte (Lotte)_Altmann

Eure erste Ausstellung zu Joseph Roth entstand 1989, zu der es auch einen Begleitband der Reihe Zirkular gab. 1994 folgte dann die große Ausstellung im Jüdischen Museum der Stadt Wien. Wie kam es dazu?
HT: Das Museum selbst wurde kurz davor, im Jahr 1993, im Palais Eskeles in der Dorotheergasse gegründet, und Julius H. Schoeps, der Gründungsdirektor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäischjüdische Studien an der Universität Potsdam, wurde zum ersten Direktor des neuen Museums in Wien ernannt. Bei einem unserer ersten Gespräche schlug er vor, eine Literaturausstellung für das Haus zu gestalten. Unser Vorschlag, Roth zu seinem 100. Geburtstag eine Großausstellung zu widmen, wurde gern akzeptiert – die Ausstellung erhielt dann so viel positive Resonanz, dass wir hier wenige Jahre darauf eine weitere Großausstellung zu Karl Kraus gestalten durften.

Im Rahmen dieser Ausstellung habt ihr zum ersten Mal auch die enge Verbindung zu Roths Judentum, seine enge Bindung zu seinem Geburtsort Brody herausgearbeitet.
VLT: Tatsächlich konnten wir damals dank unserer bereits aufgebauten Kontakte nach New York zahlreiche Originale aus Roths Nachlass überhaupt zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Und wir haben begleitend zur Ausstellung auch eine mehrtägige Reise in die Ukraine organisiert, wo wir neben Brody auch Lemberg und andere Orte, die Roth in seinen Werken immer wieder literarisch aufgriff, besucht haben. Es war eine der ersten Reisen in die damals noch junge Ukraine, die erst 1991 ihre staatliche Unabhängigkeit erlangt hatte.

 

„Der Arbeitsprozess ist oft ebenso
interessant wie das fertige Werk.“
Heinz Lunzer

 

Es gibt heute weitere Archive, in denen sich Teilnachlässe befinden, mit denen ihr arbeitet.
VLT: Parallel zur Wiener Ausstellung im Jahr 1994 konnten wir einen Teilnachlass zu Roth für das Literaturhaus in Wien ankaufen, die Sammlung von David Bronsen, der die erste große Biografie Roths geschrieben hatte – eine Fundgrube von Details. Mit diesem Material haben wir dann auch relativ rasch eine weitere kleinere Literaturausstellung eingerichtet. In den 1990er-Jahren wurden frühe Werke Roths in Handschriften und Typoskripten aus dem Archiv des alten Kiepenheuer Verlags angeboten. Auch diesen Bestand hätten wir gerne für Wien angekauft, doch hat uns damals das Literaturarchiv in Marbach überboten, wo das Material seither in sehr guten Händen liegt.

Es hat dann doch eine Zeit gedauert, bis ihr zu deinem Abschied als langjähriger Leiter der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur und des Literaturhauses 2008 eine weitere große Ausstellung realisieren konntet.
HL: Die Ausstellung trug den Titel Joseph Roth im Exil in Paris 1933 bis 1939 und wurde von einem Buch begleitet, in dem wir detailreich über diese sechs schwierigen Jahre berichtet haben. Die Ausstellung wanderte 2009 an das Jüdische Museum in Paris; eine Variante der Ausstellung wurde dann auch in München gezeigt.

VLT: Was uns wirklich sehr gefreut hat, war, dass zur Pariser Ausstellung über 100 der nur auf Deutsch erschienenen Kataloge verkauft wurden!

2008 war auch der Zeitpunkt, an dem ihr erkannt habt, dass es einen Verein braucht, der sich dem Leben und Werk Joseph Roths widmet.
HL: Ja, ein „Pensionstraum“. Erste Anregung war, eine neue Briefausgabe zu bringen. Es liegen, seit die erste 1970 herausgekommen war, viel mehr Dokumente vor, die man im Text kontrollieren und ausgiebig kommentieren kann. Zugleich stellte sich die Frage nach dem erzählenden und journalistischen Werk Roths: Auch da gäbe es viele Fehler zu korrigieren und die erhaltenen Vorstufen und die Nachdrucke zu Roths Lebzeiten einzubeziehen. Ein Beispiel fehlerhafter Textausgaben ist etwa, wenn – ungenau gelesen in der oft schwierigen Frakturschrift einer alten Zeitung – aus dem Wort „Exotik“ das Wort „Erotik“ wird – ein nicht unwesentlicher Unterschied, wie wir meinen. Roths ganz individuelle, nach akustischem Eindruck und älteren Regeln geformte Rechtschreibung wurde in den meisten Nachkriegseditionen „normalisiert“ bzw. „modernisiert“, also niedergebügelt. Mit solchen Argumenten kommt man zum Wunsch, eine ganz neue Werkausgabe anzudenken, in der auch die enge Verbindung zwischen Roths „privatem“ und „öffentlichem“ Schreiben berücksichtigt wird, also die Briefe als Teil des Werks verstanden werden. Hinzu kommt, dass auch die Entstehung der Texte, also die Frage, wie arbeitete Roth, anhand der erhaltenen Handschriften und Typoskripte berücksichtigt werden soll. So ist ein umfangreicher Plan entstanden, der sich nicht rasch und in ein paar Bänden realisieren lässt. Das entspricht allerdings nicht den Verkaufsstrategien der üblichen Literaturverlage, und so haben wir uns entschieden, dieses Projekt vorerst als Privatdruck im Rahmen unseres Vereins zu realisieren.

2021 sind 1921: Schreiben für die Zeitung und 1921: Briefe und andere Dokumente erschienen. Was genau kann man sich da vorstellen?
HL: Um die Zusammenhänge zwischen Briefen, kurzen Werken für Zeitungen und Zeitschriften und längeren für Verlage zu verdeutlichen und deren Entwicklung im Lauf der Zeit zu zeigen, ist unsere Joseph Roth Edition primär nach Jahren gegliedert. Und so haben wir uns gedacht, blicken wir mit den ersten Bänden genau 100 Jahre zurück – und haben mit dem Jahr 1921 begonnen. Die beiden ersten Bände stellen auch gleich zwei Schreibbereiche vor: Die Serie Briefe und andere Dokumente der Edition wird alles, was zu Roths Leben und Schreiben gehört, bündeln, also Briefe von ihm und an ihn, Meinungen anderer, aber auch Informationen darüber, was in der konkreten Zeitspanne passiert ist. Die Serie Schreiben für die Zeitung enthält alles, was in einem Jahr von Joseph Roth in Zeitungen und Zeitschriften erschienen ist. Mit allen Varianten in Nachdrucken zu Lebzeiten, die wir zur einfacheren Unterscheidung und besseren Lesbarkeit in Farben wiedergeben – und das direkt neben dem Text und nicht versteckt in einem Anhang. Insgesamt wird die Joseph Roth Edition, kurz JRE, bis zu fünf Reihen umfassen: Briefe und andere Dokumente, Schreiben für die Zeitung, Prosa (Romane und Erzählungen) sowie von Roth nicht veröffentlichte Texte und schließlich Fragmente und seine jugendliche Lyrik, die bislang zu wenig Beachtung gefunden hat. Einbezogen werden sämtliche erhaltenen Fassungen und Erscheinungsformen aller Werke. Kein Autor verfasst seine Texte so, wie sie zwischen den Buchdeckeln erscheinen; vieles ist mit Änderungen, selbstkritischen Kürzungen oder Verbesserungen entstanden. Der Arbeitsprozess ist oft ebenso interessant wie das fertige Werk.

Wie sehen die Pläne für die nächsten Schritte aus?
HL: Als nächstes ist ein Jahr geplant, in dem Roth auch einen Roman publizierte.

VLT: Und nach diesem „Roman-Jahr“ soll die Edition chronologisch weitergehen.

HL: Wir wollen dann jeweils mindestens ein Arbeitsjahr Roths pro Jahr herauszubringen. Wichtig ist uns dabei, dass wir keine riesigen „Wälzer“ produzieren, sondern handliche Bände, die wir gerne in nach Jahren zusammengefassten Kassetten vorlegen würden.

Wie ist diese Edition, die aktuell ohne jede öffentliche Förderung von euch erarbeitet wird, überhaupt finanziell möglich?
HL: Zu unserer großen Freude kamen von Mitgliedern großzügige Spenden für Druck und Versand, die weitere Ausgaben ermöglichen. Die Begeisterung so vieler Mitglieder hat uns darin bestärkt, unsere Vision von dieser Werkausgabe beizubehalten.

Man kann sich also als interessierte Leser:in an der Edition beteiligen?
HL: Ja. Der Verein steht bewusst für alle offen, die sich mit Joseph Roth auseinandersetzen wollen und unsere Edition als Annäherung an sein Schaffen wertschätzen. Die Mitglieder ermöglichen mit ihren Beiträgen und Spenden Druck und Versand der Bände. Man könnte also hier von einem Crowd-Funding-Projekt sprechen.

HL: Ja, ganz genau. Im Verein sind die Mitglieder der finanzierende und profitierende Teil. Wir als die Herausgeber:innen stellen die Inhalte der Bände zusammen, sind aber auch Mitglieder des Vereins und erhalten für diese sehr aufwendige, minutiöse Arbeit keinerlei Bezahlung. Alle Beitrag zahlenden Mitglieder des Vereins erhalten die durch dieses Zusammenspiel gemeinsam ermöglichten Bände in ihrer Eigenschaft als Mitglieder. Wir würden uns sehr freuen, noch mehr Mitglieder zu gewinnen, die unsere Arbeit auch in den kommenden Jahren mit jenem großen Interesse begleiten, dem wir auch in den letzten Jahren mit viel Dankbarkeit begegnen durften.


 

 

 

 

 

 

INTERNATIONALE JOSEPH ROTH GESELLSCHAFT
Mitgliedsbeitrag: 60 € pro Jahr
Anmeldung per Mail an: heinz.lunzer@yahoo.de
Mehr über den Verein auf literaturhaus.at


J
oseph Roth Edition (JRE)
Herausgeber:innen: Heinz Lunzer und Victoria Lunzer-Talos in Zusammenarbeit mit Helen Chambers, Madeleine Rietra und Rainer-Joachim Siegel Die beiden ersten Bände – 1921. Schreiben für die Zeitung (372 S. m. Abb.) und 1921. Briefe und andere Dokumente (36 S. m. Abb.) sind 2021 in der Schriftenreihe der Internationalen Joseph Roth Gesellschaft erschienen und wie alle Bände der Edition nur für Mitglieder erhältlich.

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