Editorial

„Um ein Land zu verteidigen, braucht man eine Armee, aber um eine Zivilisation zu verteidigen, braucht man Bildung.“ Rabbi Lord Jonathan Sacks

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Der Krieg tobt nicht nur in der Ukraine, Demonstration gegen den Krieg in der Ukraine in Frankfurt am Main. © Boris Roessler / dpa / picturedesk.com

Die Erzählung vom Auszug der Juden aus Ägypten, die jedes Jahr zu Pessach aus der Haggada vorgelesen wird, ist wohl die älteste kontinuierlich erzählte Geschichte der Freiheit. Die Rituale, die das Fest begleiten, sind seit Jahrtausenden so unverändert wie die Geschichte selbst. Wir essen statt Brot Matze, um uns an die Eile zu erinnern, mit der wir über Nacht aus Ägypten fliehen mussten. Wir beißen in Maror und erinnern uns an die Bitterkeit der Unterdrückung als Sklaven. Wir sitzen auf Polstern und lehnen uns nach hinten, um uns daran zu erinnern, dass wir mit der Flucht die Freiheit erlangten. Und wir feiern den Sederabend zu Hause mit unserer Familie und unseren Freunden, um an diesem Abend nicht nur die Freiheit selbst, sondern auch die Kraft der Familie zu feiern, die uns gegen Unterdrücker, gegen die Widrigkeiten des Lebens schützen kann.

Moses, der die Sklaven aus Ägypten herausführte und sie zum Volk werden ließ, forderte die Menschen mehrmals auf, die Geschichte des Auszugs ihren Kindern und allen nachfolgenden Generationen zu erzählen. Moses verstand, dass die Freiheit zu erlangen notwendig war, um eine freie Gemeinschaft aufzubauen. Freiheit auf Dauer zu behalten, kann jedoch nur durch Bildung gelingen, und die beste Bildung erreichen wir immer noch durch das Erzählen von Geschichten, denn spannende Storys prägen sich besser ein als schnöde Fakten. Das wissen Lehrer, Werbefachleute und Autor:innen gleichermaßen. Denn wir brauchen Geschichten. Wir brauchen Märchen, Sagen und Legenden um die Welt um uns zu entschlüsseln und zu verstehen. Hätten die Menschen nicht bereits in Urzeiten angefangen, ihre Erfahrungen in Geschichten zu verwandeln, hätte die Menschheit vermutlich nicht bis heute überlebt.Nach Moses sollen die Eltern aber nicht über die Freiheit erzählen, sondern vor allem über die Unterdrückung und den Ausbruch aus ihr.

Denn dieses Wissen, unterstützt durch die traditionelle Dramaturgie eines Sederabends, die es erfahrbar macht, soll den Wunsch nach Freiheit in uns auf lange Sicht erhalten.Der Angriffskrieg gegen die Ukraine führt uns den Verlust der Freiheit hautnah vor Augen, macht aber auch die Kraft einer Gemeinschaft und ihres Glaubens an den Sieg über ihren Unterdrücker deutlich. Und gleichzeitig spüren wir auch, dass der Krieg nicht nur dort, sondern in uns allen ausgetragen wird.

Deshalb wünsche ich uns allen wunderbare Feiertage im Kreise unserer Lieben, die zumindest den persönlichen inneren Frieden für einige Zeit einstellen lassen.

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