Brodelnder Tanz am Rande des Abgrunds

Den größtenteils jüdischen „Kosmos der Wiener Tanzmoderne“ in der Zwischenkriegszeit beleuchtet die Schau Alles tanzt im Theatermuseum. Mit der Kuratorin Andrea Amort sprach Anita Pollak.

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Gertrud Kraus in Wodka, Wien, um 1924, Foto: Martin Imboden. © Theatermuseum/KHM-Museumsverband

Blutige Zehen haben sich diese Tänzerinnen nicht geholt. Barfuß, mit wallenden Gewändern und offenem Haar bewegten sie sich kraftvoll, expressiv und rhythmisch. Und sie bewegten andere, sich zu bewegen. Weder mit dem klassischen Ballett der Hofoper noch mit den erotischen Verrenkungen halbseidener Mädchen hatte die nach der Jahrhundertwende aufblühende Szene irgendwelche Berührungspunkte. Aus der Freude an der Bewegung, am eigenen weiblichen Körper entstand der moderne Tanz, sein Bestreben war nicht bloße Ästhetik, sondern künstlerischer Ausdruck von Emotion und Geist. „Ausdruckstanz“ ist denn auch die gängige Bezeichnung für ein von Frauen dominiertes Genre, das mit seinen Protagonistinnen so gut wie verschwunden ist. Ein Großteil von ihnen entstammte dem aufgeschlossenen jüdischen Bürgertum in Wien, das in der Zwischenkriegszeit eine, wenn nicht die Metropole des freien Tanzes war.

Ruth St. Denis, Wien, 1907/1908,
Foto: Madame d’Ora. © Theatermuseum/KHM-Museumsverband

Aus dem Maccabi. „Sehr viele der Tänzerinnen kamen aus dem jüdischen Sportverein Maccabi, wo auch für die neuen Tanzstudios geworben wurde, mindestens 80 Prozent der Künstlerinnen waren jüdisch“, erzählt Andrea Amort. Die Tanzhistorikerin zeichnet für gleich zwei nahezu simultan in Wien laufende Ausstellungen verantwortlich, die ganz unterschiedliche Tanzwelten beleuchten.
Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne holt im Wiener Theatermuseum die vertriebene, verdrängte und nahezu vergessene Kunst der freien Choreografie noch einmal vor den Vorhang. „Bei allem Historischen habe ich aber immer die Zeitgenossenschaft bedacht, die Verbindungen zur Gegenwart gesucht, die Nachwirkungen in den verschiedenen Szenen bis heute.“ Und die reichen von Amerika und Australien bis Israel, in die einzelnen Exilländer der im Nationalsozialismus vertriebenen Künstlerinnen.
In einem Altersheim nahe Tel Aviv lebt noch eine von ihnen, und bis vor wenigen Jahren hat sie auch noch getanzt, mit langem offenen weißen Haar und riesigen schwarz geschminkten Augen. Wera Goldmann, heute 98 Jahre alt, ging 1939 von Wien nach Palästina. „Es war eine Aljia, kein Exil“, hat sie 2008 gesagt, als sie bei einem Tanzfestival in ihrer Geburtsstadt auftrat. In Tel Aviv wurde die junge Goldmann bei der bereits 1935 ausgewanderten Wiener Tänzerin und Pädagogin Gertrud Kraus ausgebildet, eine Mitbegründerin der höchst lebendigen Tanzszene des jungen Staates. Kraus wiederum war in Wien Schülerin von Gertrud Bodenwieser gewesen, wie auch Grete Margalit Ornstein, die überhaupt als Pionierin des modernen Tanzes in Eretz Israel gilt. Mit ihren 1911 in Innsbruck geborenen Zwillingstöchtern, den Ornstein Sisters, begründete sie in Israel eine Tanzdynastie, wie die Enkelin und Tanzhistorikerin Gaby Aldor im ausgezeichneten Begleitband zur Ausstellung berichtet.

»Ein neues Lebensmodell der Tänzerin
als Beruf mit Auftritten und dem Aufbau
eigener Studios wurde geschaffen.«

Andrea Amort

Tanz-Hype. Doch wer kennt heute noch die einstmals berühmten Namen, die in Wien auf riesigen Plakaten prangten und für volle Häuser sorgten? Rosalia Chladek, deren umfangreicher Nachlass für Amort Ausgangspunkt der Schau war, mag in der Szene noch ein Begriff sein, wie darüber hinaus auch Grete Wiesenthal, als Choreografin und Solistin eine Koryphäe, die fast weltweit Triumphe feierte, ebenso wie ihr charismatisches Vorbild Isadora Duncan. „Duncans Gastspiele in Wien lösten überhaupt die Begeisterung für den modernen Tanz aus, sie war die eigentliche Pionierin“, erzählt Amort. Der von Duncans Strahlkraft ausgelöste Hype erfasste Mädchen und emanzipierte junge Frauen aus verschiedenen Schichten. „Ein neues Lebensmodell der Tänzerin als Beruf mit Auftritten und dem Aufbau eigener Studios, in denen man wiederum Mitglieder für die eigenen Tanzgruppen herangezogen hat, wurde geschaffen. In den 1920er-Jahren gab es in Wien 45 anerkannte Studios, der moderne Tanz war wirklich eine große Bewegung.“
Und das im Wortsinn. Denn keineswegs elitär wie das aristokratische Hofopernballett stand diese Bewegung ideologisch durchaus im Einklang mit den sozialen und volksbildnerischen Bestrebungen des Roten Wien. Gerade im Arbeiterbezirk Favoriten gründeten Olga Suschitzky und ihre Tochter Karla, Angehörige der vielfach künstlerisch begabten und weitverzweigten jüdischen Familie Suschitzky, ihre Schule für Gymnastik und Tanz. „Abendkurse für arbeitende Frauen. Kalte und warme Duschen“ wurden im Prospekt angeboten. Die gut besuchten Aufführungen fanden nicht in eleganten Etablissements, sondern in Volksbildungshäusern statt, und Verbindungen zu „Politischen Kabaretts“ waren durchaus intendiert. Gesellschaftspolitisches, kämpferisches Engagement formte auch teilweise die Choreografien der Linken Gertrud Kraus oder der im NS-Widerstand aktiven Kommunistin Hanna Berger.

Gertrud Bodenwiesers Ensemble in Dämon Maschine, 1936, Foto: d’Ora-Benda. © Theatermuseum/KHM-Museumsverband

Ende und Überleben. „Sowohl die Leiterinnen der Studios und ihre Klientel wie auch die Fotografinnen, etwa Trude Fleischmann, die Journalistinnen und das Publikum waren überwiegend jüdisch, ebenso ihre musikalischen Begleiter, die Pianisten und Komponisten. 1938 kamen dann die Aufforderungen, die Schulen zu schließen.“
Eine Hochblüte fand damit ein jähes Ende. Über 200 Künstlerinnen wurden vertrieben oder ermordet. Einzelnen gelang es, in ihren Exilländern wieder etwas aufzubauen, was aber, obwohl Tanz ja keine Sprache braucht, schwierig gewesen sein muss. In Palästina etablierte sich eine neue Tanzszene, die ausschließlich von Emigrantinnen aufgebaut wurde. „Alles shiftet sich von Wien dorthin, Bewegungslehren und Methoden, das Bewegungsmaterial findet sich in späteren Generationen wieder, sogar im Kibbuz, es ist fast mysteriös. Choreografien haben teilweise in anderen Körpern überlebt.“

Andrea Amort ist es in ihrer Ausstellung, in der man allein mit dem Videomaterial viele Stunden verbringen könnte, gelungen, viel von dieser vergessenen, verdrängten und lange nicht rehabilitierten Kunstform wieder in das Licht zu rücken. Und zu zeigen, was wo und in welcher Form in zeitgenössischen Choreografien davon noch wirksam ist.
„Obwohl es mit meiner Familie nichts zu tun hat, hatte ich das Gefühl, etwas wieder gutmachen zu müssen. Ich wollte einmal Archäologie studieren, also ich grabe sehr gerne.“

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