Charme, Scharfsinn und Eleganz

Den dritten Todestag der Schauspielerin Lotte Tobisch begeht die Wienbibliothek mit einer kleinen, aber feinen Ausstellung, die auch Objekte aus ihrem Nachlass zeigt.

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© Starpix / picturedesk.com

Unsere treue Abonnentin und aufmerksam-kritische Leserin Lotte Tobisch hat uns vor drei Jahren verlassen. Fast auf den Tag genau eröffnete die Wienbibliothek im Rathaus nun eine kleine, aber feine Ausstellung zur Erinnerung an diesen großartigen Menschen. Wer sie gut kannte, lehnt die Bezeichnung „Wiener Salondame“ ebenso ab wie Tobisch selbst. Daher heißt die Ausstellung auch sehr treffend Wiener Salondame? Ein Albtraum! Letzteres ein Originalzitat der Frau, die alles andere war, als diese Bezeichnung insinuiert.

„Wiener Salondame? Ein Albtraum!“ Lotte Tobisch. Charme, Engagement, Courage. Wienbibliothek im Rathaus, Ausstellungskabinett bis 31. März 2023 Rathaus, 1010 Wien, Eingang Felderstraße Mo.–Fr., 9–19 Uhr Eintritt frei!

Der musisch begabten, politisch äußerst belesenen und mutigen Tochter aus sehr gutem Haus wurden die meisten Zuordnungen während und nach ihrer Zeit als Organisatorin des Opernballs (1982–1996) durch diverse Medien und TV-Auftritte keinesfalls gerecht: Natürlich war Lotte Tobisch eine „Dame“, in ihrem Auftreten und in ihrer ganzen Erscheinung. Aber Salon? Nein, wirklich nicht. Der jungen Lotte stand weder der Sinn danach, noch erlaubte ihr die oft einsame und unruhige Jugend in den 1930er-Jahren, aber auch während und gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, diese oberflächlichen Vergnügungen. Dafür war diese Schönheit viel zu bodenständig, lebensnah und anpackend – sie nähte zum Beispiel für ihr Leben gern, einmal sogar im Hilton Hotel in Tel Aviv. Beim Gastspiel des Wiener Burgtheaters 1978 in Israel zerriss Kammerschauspieler Alexander Trojan die einzige Hose, die er für seine Lesung in Tel Aviv mitgebracht hatte. Lotte Tobisch rettete den Abend.

Apropos Israel. Bereits am 25. Juni 1967, zwei Wochen nach dem Sechstagekrieg, fand im Volkstheater die Spendenaktion Wiener Künstler-Matinee für Israel statt. Innerhalb von wenigen Stunden hatten sich Schauspielerinnen und Sänger, Musiker und Tänzerinnen darauf verständigt, demonstrativ und spontan „ihr Mitgefühl mit einem schwergeprüften Volk in den Tagen neuer Bedrohung rückhaltlos zu bekunden“, wie es Direktor Leon Epp damals formulierte. „Dieser Aktion verdanke ich den zweiten Mann, die zweite große Liebe in meinem Leben“, drückte es Lotte Tobisch aus. Bei der Übergabe des Geldes verliebten sich Botschafter Michael Simon und die Burgtheater-Schauspielerin ineinander.

Das Schwarz-weiß-Foto der beiden bei der Übergabe in der israelischen Botschaft befindet sich ebenso unter den rund 300 oft erstmals gezeigten Exponaten wie Audio- und Filmaufnahmen von Tobischs vielfältigem privaten und beruflichen Lebensweg. Auf ihren eigenen Wunsch hin gelangte 2019 ein Teil ihres schriftlichen Nachlasses als Schenkung an die Wienbibliothek im Rathaus, der nun, ergänzt um Korrespondenzen und Fotografien aus Privatbesitz, bis 31. März 2023 in der Ausstellung zu sehen ist.

Lotte Tobisch übergibt im Juni 1967 den Reinerlös einer Künstlermatinee als Spende für Israel an den israelischen Botschafter und späteren Lebensmann Michael Simon. © Wienbibliothek im Rathaus

Lotte Tobisch erkannte das Potenzial ihrer Popularität, die sie sich auch als Opernball-Organisatorin erworben hatte, und nutzte diese für ihr vielfältiges soziales Engagement: „Ich mache nur bei den diversen Events und im ORF bei den Seitenblicken mit, weil ich damit auf unser Künstlerheim in Baden Künstler helfen Künstlern aufmerksam machen will – und so auf Spenden hoffe“, gestand Tobisch ganz freimütig in ihrer direkten Art. Denn Tobisch scheute sich keineswegs, eine kontroversielle Meinung zu äußern oder Missstände klar aufzuzeigen: Sie trat ebenso gegen die Kriminalisierung von Flüchtlingen auf, wie sie auch auf armutsbetroffene Frauen aufmerksam machte. Besonders setzte sie sich für die Enttabuisierung der Alzheimer-Krankheit ein. „Der zweite Mann in meinem Leben ist an Alzheimer gestorben, ich weiß, wovon ich rede und was das heißt“, so Tobisch über ihren Einsatz für die Alzheimer-Gesellschaft. Tanja Gausterer und Kyra Waldner, die Kuratorinnen der Ausstellung, haben auch einen umfangreichen Katalog produziert, der im Residenz Verlag erschienen ist. Gleichzeitig und im selben Verlag veröffentlichte Harald Klauhs, Germanist und Historiker, eine Biografie über Tobisch mit dem passenden Titel Dame wider Willen – Die sieben Leben der Lotte Tobisch. Aber die humorvolle und schlagfertige Frau schrieb auch selbst drei Autobiografien: 2013 erschien bei Brandstätter Langweilig war mir nie. Warum es sich lohnt, neugierig zu bleiben (mit Marie-Theres Arnbom); 2016 und 2019 zeichnete Michael Fritthum zwei Tobisch-Bücher auf: Alter ist nichts für Phantasielose und Auf den Punkt gebracht. Beides erschien im Amalthea Verlag.

Daher wiederholen wir hier nicht, dass sie als Inbegriff des geistreichen Charmes und dank ihres Scharfsinns nicht nur mit dem deutschen Philosophen Theodor W. Adorno befreundet war (Tobisch veröffentliche die langjährige Korrespondenz mit Adorno), sondern auch regen geistigen Austausch mit Fritz Hochwälder, Elias Canetti, Bruno Kreisky, Christine Lavant oder Gershom Scholem pflegte. Zur begeisterten Leserin von Jugend an wurde sie dank ihres jüdischen Stiefvaters Gustav David Lederer, dessen umfangreiche Bibliothek zu ihrem ständigen und liebsten Aufenthaltsort wurde.

Mit der unprätentiösen Eleganz, der beherzten Courage, Offenheit und Schlagfertigkeit zählte Tobisch über Jahrzehnte hinweg zu den prägenden Persönlichkeiten des Wiener Gesellschaftsund Kulturlebens. Beim Besuch dieser Ausstellung kommen diese Erinnerungen alle hoch, man spürt noch schmerzlicher die menschliche Lücke, die entstanden ist – und wie sehr ihre Stimme in dieser Stadt fehlt.

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