Denkmal der G-ttesliebe

Das Modell von Siegfried Schwinn ist ein Beitrag gegen das Vergessen und erinnert an das jüdische Erbe in der fränkischen Stadt Bad Königshofen im Grabfeld.

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Hobbykünstler Siegfried Schwinn präsentiert die ehemalige Synagoge von Bad Königshofen in Miniatur, die er aus rund 2.000 kleinen Hölzern gefertigt hat. © Josef Kleinhenz

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: 2021 wird vielen Menschen bewusst werden, dass das Judentum ein fester Bestandteil des Landes und der Kultur gewesen war und nach wie vor ist, wie sich Josef Schuster aus Würzburg in einem publizierten Beitrag ausdrückte. Josef Schuster ist der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Durchaus gibt es heute konstruktive Beiträge in der Bevölkerung, die das Ansehen der Juden deutlich und sichtbar machen. So hat der Rentner Siegfried Schwinn aus dem fränkischen Sylbach im Landkreis Haßberge etwa das jüdische G-tteshaus in Bad Königshofen (Landkreis Rhön-Grabfeld), das in der NS-Zeit zerstört und später abgetragen wurde, in einem bewundernswerten Modell dargestellt.
Es ist als ein Beitrag gegen das Vergessen zu verstehen und erinnert an das jüdische Erbe in der fränkischen Stadt Bad Königshofen im Grabfeld. Die Synagoge ist jene jüdische Gebetsstätte, die dort nahezu 50 Jahre existierte. Nur noch ein Gedenkstein in der Bamberger Straße erinnert daran, dass sie hier einmal gestanden hat.
Beim Nachbau ging es darum, eine sichtbare Verbindung zum jüdischen Erbe herzustellen. Wenn der Rentner konzentriert Holzstäbchen auf Holzstäbchen legt, um das Original im Maßstab 1:100 nachzubilden, zeigt sich die künstlerische Begabung des ehemaligen Fabrikarbeiters, der am 11. August 1949 in dem kleinen Grabfeld-Ort Zimmerau nahe der Landesgrenze zu Thüringen zur Welt gekommen ist.
Wichtig ist dem Hobbykünstler, der heute in einem Ortsteil der Stadt Haßfurt lebt, dass bei seinen Werken die Kirchen und Gebetsstätten nicht zu kurz kommen. Denn sie prägen deutlich die religiöse Kultur des Frankenlandes. Der überwiegende Teil der Bevölkerung identifiziert sich damit in Tradition und Brauchtum.

»Etwas schwierig war anfänglich die Imitation der Rundbogenfenster. Letztendlich konnte ich sie aber maßgerecht in den Bau integrieren.«
Siegfried Schwinn

Synagoge als bleibendes Denkmal der G-ttesliebe. Der Handwerker misst zunächst an Ort und Stelle den Grundriss des Objektes aus. Seine Frau Gisela ist mit dabei. Sie stellt sich mit einem drei Meter langen Zollstock vor das ausgewählte Bauwerk. Der Künstler macht ein Foto, anhand dessen er später die Höhe des Gebäudes abschätzen kann. So erspart er sich eine mühevolle Vermessung.
Bei der Synagoge war es allerdings anders. Hier war Siegfried Schwinn auf historische Bilder angewiesen. Auch eine Luftaufnahme stand zur Verfügung. Das war die Basis, um Proportionen und Größe für den Nachbau ermitteln zu können.
Die Synagoge gehörte zu Schwinns wenigen Auftragsarbeiten. Erteilt hatte sie der Verein für Heimatgeschichte im Grabfeld. Heute erinnert nahe dem ehemaligen Standort ein Gedenkstein der Stadt an die Gebetsstätte. Sie weist in einem traurigen Kapitel der Geschichte auf die Verfolgung und Leiden ihrer jüdischen Mitbürger hin.
Die Historie erzählt, dass deren Zahl um 1900 in der Stadt stark angestiegen war. „Zuerst war ein Betsaal vorhanden, der zur jüdischen Gemeinde Königshofen im Grabfeld gehörte.“ Der Betsaal habe sich bis 1904 in einem Haus in der Rathausstraße befunden, und auch die jüdische Schule war gegen Mitte des 19. Jahrhunderts in dem Gebäude eingerichtet worden. Erstmals werden in der Stadt Königshofen gegen Ende des 13. Jahrhunderts Juden erwähnt.

Ein halbes Jahr Feinarbeit steckt in der Synagoge. © Josef Kleinhenz

Die Einweihung der neuen Synagoge, verbunden mit einem Festzug, wurde als Ehren- und Freudenfest für die israelitische wie auch für die Stadtgemeinde Königshofen gefeiert. Bei der Übergabe betonte der damalige Spitalpfarrer Dr. Frank laut historischer Aufzeichnung: „Die israelitische Gemeinde wird es gewiss niemals bereuen, aus eigenen Kräften den Bau hergestellt zu haben, der ein bleibendes Denkmal ihres Glaubens und ihrer G-ttesliebe ist. Ich glaube keinem Widerspruch zu begegnen, wenn ich sage, dass der geschmackvolle, elegante, formgerechte Bau es auch verdient, ein Schmuck für Königshofen und eine Zierde des ganzen Grabfeldgaus genannt zu werden.“
Der fromme Wunsch hielt nicht lange: Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Innenraum von den Nazis zerstört. Im Krieg diente die Synagoge als Unterkunft für australische Kriegsgefangene. 1951 wurde sie abgetragen.
Siegfried Schwinn stellte sich der Herausforderung, die Synagoge aus kleinen Hölzern akribisch im Modell nachzubauen, um ihr neues Leben einzuhauchen. Sechs Monate benötigte er dafür. „Etwas schwierig war anfänglich die Imitation der Rundbogenfenster“, erzählt der Hobbybastler. „Letztlich konnte ich sie aber maßgerecht in den Bau integrieren“, freut er sich nachträglich.
Freilich geht nicht immer alles glatt über die Bühne. „Es passiert auch mal ein Fehler bei der feinfühligen Arbeit“, gibt der Künstler zu. So kann es vorkommen, dass die Maße in der Länge oder Breite nicht 100-prozentig zusammenpassen und eine Korrektur erfordern. Geht alles gut, setzt der 71-Jährige millimetergenau ein Holzstäbchen auf das andere oder Holzstab auf Holzstab.
Wichtig ist ihm, dass sich Menschen über dieses Handwerk freuen. Wenn seine Arbeit wertgeschätzt werde, sei dies nicht nur der größte Lohn seiner Mühen, sondern auch Ansporn für weitere historische Bauwerke.
Die Zahl der Bewunderer ist indessen groß. Als er etwa die Burg Lisberg bei Bamberg nachgebaut hatte, meldete sich prompt ein Kaufinteressent. Eigentlich wollte Siegfried Schwinn die Burg nicht hergeben – tat es schließlich schweren Herzens doch und schaute seinem Werk wehmütig hinterher. Das Geschaffene habe für ihn einen hohen ideellen Wert. „Wenn es weg ist, habe ich es nicht mehr vor Augen – das tut dann schon ein bisschen weh“, verrät er.
Mehr als 2.000 kleine Bastelhölzer braucht der Rentner im Durchschnitt für ein Bauwerk. „Fenster fertige ich mit Kunststoff- und Balsaholz. Das Fachwerk bepinsele ich mit roter Farbe, damit auch alles originalgetreu aussieht.“ Für den Unterbau der Objekte verwendet er hauptsächlich Sperrholz. Auch Streichhölzer kommen zum Einsatz, teils sogar bereits verwendete. Hinzu kommen Schere, Messer – und viel Klebstoff.
„Meine Arbeitsstunden habe ich noch nie gezählt“, sagt Schwinn. „Auf jeden Fall kommen da eine ganze Menge zusammen.“ Für das Schloss Unsleben im Landkreis Rhön-Grabfeld zum Beispiel habe er rund drei Monate gebraucht. „Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich täglich durchgehend arbeite oder größere Pausen einlege.“
Für die Synagoge investierte der Hobbykünstler ein halbes Jahr an Arbeitszeit. Er machte dabei mehrere Pausen, zumal es nicht ganz einfach gewesen sei, alle Holzelemente formgerecht zu platzieren. Hoch konzentriert saß Schwinn vor dem Objekt, um alle Details originalgetreu ins rechte Licht zu rücken.
Eines seiner weiteren Meisterwerke ist das Modell des 1900 infolge eines Blitzeinschlags abgebrannten Schlosses von Kleineibstadt im fränkischen Grabfeld, wenige Kilometer von Bad Königshofen entfernt. Auch dort lebten früher viele hochgeachtete jüdische Familien. Das Schloss galt als eine der schönsten Renaissanceanlagen Unterfrankens. Aus einem Buch über Burgen und Schlösser hatte der Bastelkünstler von dem Brand des ihm bis dahin völlig unbekannten Gebäudes erfahren. Mit dem Namen Kleineibstadt wird gleichzeitig an den Teil der jüdischen Bevölkerung im Ort erinnert. Denn das Schloss war ein Wahrzeichen des Dorfes und gehört zur Geschichte des Ortes ebenso wie die Juden, die hier gelebt haben.
Siegfried Schwinns Renaissancebau in Miniatur erhielt längst seinen Ehrenplatz in Kleineibstadt. Emil Sebald, bis Ende der Legislaturperiode 2020 Bürgermeister, freute sich stets, in der Erzählung der Ortsgeschichte auf das Schloss im Dorf hinzuweisen und das gelungene Modell zu präsentieren. „Schaut doch bitte mal her, so hat unser abgebranntes Schloss einmal ausgesehen!“, rief er seinen Besuchern zu und präsentierte eines von Schwinns Meisterstücken. So etwa den Schulkameraden, die bei einem Klassentreffen ihre ehemalige Schule inspizierten und aufmerksam an dem Schlossmodell vorbeigingen.
Zu seinem Hobby war Siegfried Schwinn 1975 eher durch Zufall gekommen. Bei einer schlesischen Familie in Sylbach entdeckte er eine Windmühle. Sie faszinierte ihn so sehr, dass er sie unbedingt im Kleinformat nachbauen wollte. Das Gefallen am selbst erstellten Modell bestärkte ihn, später auch die Synagoge in Bad Königshofen im Nachbau zu errichten. Sie zeigt sich in Miniatur als kleines, hübsches Bauwerk zum Anfassen und hat einen Platz im Museum gefunden.

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