Der Europäische Tag der jüdischen Kultur

Seit 1999 organisiert die European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage (AEPJ) am ersten Sonntag im September den Europäischen Tag der jüdischen Kultur. Die AEPJ ist eine Organisation des Europarats, die diese Kulturtage in Kooperation mit der Europäischen Union und der Nationalbibliothek Israels veranstaltet. Ziel dieses besonderen Tages ist, das große und vielfältige jüdische Kulturerbe zu feiern und das Verständnis und den Respekt jüdischer Traditionen, Geschichte und Bräuche zu fördern. 27 europäische Länder mit ihren jüdischen Gemeinden, Museen und Gedenkstätten sind eingeladen, ein spezielles Programm für diesen Tag oder auch länger an ihren Standorten zu präsentieren.

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Europäische Tage der jüdischen Kultur: „Memory“ heißt der Jahresschwerpunkt 2023, das Programm steht fest.

In diesem Jahr nehmen 17 europäische Länder aktiv teil und gestalten ein Programm zu dem sehr breit gefassten Thema „Memory“. Die Burgenländische Forschungsgesellschaft ist dabei Programmkoordinatorin für Österreich. Erstmals war es möglich, ein Programm auch außerhalb der Grenzen des Burgenlandes anzubieten, und so werden zwischen dem 3. September und 19. Oktober gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Wien und dem Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest) in St. Pölten an fünfzehn verschiedenen Orten insgesamt zwanzig Veranstaltungen stattfinden. Das Programm bietet ein umfangreiches Angebot in Synagogen, zudem Friedhofsführungen, Lesungen, Vorträge und Konzerte.

„Diese Tage sollen jüdische Inhalte in das breitere Bewusstsein bringen, was sehr zu begrüßen ist. Leider hat es seit 1999 sehr lange gedauert, bis dieser Tag breiter aufgestellt war. Für jüdische Kultureinrichtungen ist allerdings jeder Tag ein Tag der jüdischen Kultur, und so sind die Veranstaltungen, wie Führungen durch Museen oder auf Friedhöfen, nur teilweise aussagekräftig und eher nur ein Label für Veranstaltungen, die ohnehin stattfinden würden“, beschreibt Injoest-Leiterin Martha Keil ihre Gedanken zu diesem besonderen Tag. Sie würde es vielmehr begrüßen, wenn nicht jüdische Institutionen gemeinsam mit jüdischen Partnern mehr Aktivitäten setzen würden und den Europäischen Tag jüdischer Kultur auch als Brückenfunktion sehen. Am 3. September wird es von Christoph Lind eine Führung auf dem neuen jüdischen Friedhof und zu den Steinen der Erinnerung in St. Pölten geben. „Natürlich ist aber die breitere Öffentlichkeitsarbeit aller beteiligten Institutionen eine sehr gute Sache und fördert den Austausch und Dialog zwischen jüdischen und nicht jüdischen Besucherinnen und Besuchern“, sieht Martha Keil die Bedeutung dieser Kulturtage.

„Durch diese Spurensuche werden die Leerstellen
mit Wissen und Erinnerung aufgefüllt und so
wenigstens partiell dem Vergessen entrissen.“
Burgenländische Forschungsgesellschaft

 

In Wien sind Führungen durch die Sonderausstellungen des Jüdischen Museums Superjuden. Jüdische Identität im Fußballstadion und Fokus! Jetzt! Maria Austria – Fotografin im Exil geplant.

Im Burgenland finden die Europäischen Tage der jüdischen Kultur bereits zum zehnten Mal statt. Seit 2014 werden an diesen Tagen Geschichte, Traditionen und Religion der ehemaligen jüdischen Gemeinden einer breiten Öffentlichkeit vermittelt. Koordiniert werden die Veranstaltungen von der Burgenländischen Forschungsgesellschaft unter der Leitung von Alfred Lang und Michael Schreiber.

Unter anderem erinnert in diesem Jahr in der Synagoge das Ensemble der Kobersdorfer Schloss-Spiele in einer Lesung mit musikalischer Begleitung an die jüdischen Kobersdorferinnen und Kobersdorfer. Kittsee präsentiert seine Vergangenheit im Rahmen eines Vortrags und eines geführten Rundgangs. Und im Österreichischen Jüdischen Museum in Eisenstadt liest Peter Menasse aus seinem Buch Ella Schapira.

„Die Veranstaltungen bieten eine einzigartige Gelegenheit für Menschen unterschiedlicher Herkunft, zusammenzukommen und den enormen Reichtum der jüdischen Kultur zu erkunden und in einen sinnvollen Dialog zu treten“, beschreibt Michael Schreiber von der Burgenländischen Forschungsgesellschaft die Ziele des Kulturtags.


forschungsgesellschaft.at/edjc

Ein Hauptziel der europäischen Initiative besteht darin, Stereotypen entgegenzuwirken, Antisemitismus zu bekämpfen und die Kluft zwischen verschiedenen Gemeinschaften zu überbrücken. Durch die Öffnung jüdischer Kulturräume für Besucher und durch die Veranstaltungen verschiedener jüdischer Institutionen sollen Missverständnisse ausgeräumt und ein gemeinsames Gefühl für die europäische Geschichte gefördert werden. Der Besuch aller Veranstaltungen ist kostenfrei. „Viele jüdische Museen und ehemalige Synagogen, die normalerweise für die Öffentlichkeit geschlossen sind, werden an diesem Tag geöffnet sein. Es wird Führungen geben, die den Besuchern Einblicke in die architektonischen Wunder und Geschichten dieser Räume geben“, beschreibt Schreiber die geplanten Aktivitäten der Kulturtage. Dabei werden erstmals nicht nur innerösterreichische Grenzen überschritten, sondern im Rahmen einer Studienfahrt am 10. September 2023 neben der Wertheimer-Synagoge in Eisenstadt und der ehemaligen Synagoge in Kobersdorf auch die kürzlich renovierte Synagoge im ungarischen Köszeg besucht.

Dem Vergessen entreißen. Aufgrund des vorgegebenen Themas „Memory“ gedenken die Veranstaltungen fast zwangsläufig der grausamen Vergangenheit in der jüdischen Geschichte. Der entstandene Wegfall gegenwärtigen jüdischen Kulturlebens stellt die Veranstalter vor komplexe Aufgaben. Die Burgenländische Forschungsgesellschaft ist sich der Problematik einer jüdischen Kultur ohne Juden sehr bewusst. „Bereits bei den ersten Tagen der Europäischen Kultur im Burgenland im Jahr 2014 haben wir daher etwa die Rundgänge durch einige ausgewählte Stätten ehemaligen jüdischen Lebens im Burgenland „Empty Spaces“, Leerstellen, genannt. Damit wollen wir darauf aufmerksam machen, dass auch die Vertreibung der Jüdinnen und Juden sowie die Opfer der Shoah Teil der Geschichte der Burgenland-Juden ist. Unter fachkundiger Führung wurden die Spuren jener Menschen aufgesucht, die bis 1938 Gebäude und Straßenzüge mit Leben erfüllten. Durch diese Spurensuche werden die Leerstellen mit Wissen und Erinnerung aufgefüllt und so wenigstens partiell dem Vergessen entrissen.“

Die Veranstaltungen reichen von klassischen Konzerten über Tanzaufführungen bis zu Theaterinszenierungen. Die Aufführungen zeugen vom kulturellen Reichtum und von den künstlerischen Ausdrucksformen, die seit Jahrhunderten fester Bestandteil des jüdischen Lebens sind. Renommierte Wissenschaftler, Historikerinnen und Experten halten Vorträge über verschiedene Aspekte der jüdischen Kultur: In Oberwart spricht Ursula Mindler-Steiner über das „Jüdische Oberwart“ und leitet anschließend eine Führung. In Frauenkirchen erzählen jüdische Bewohner und Bewohnerinnen per Videointerviews über ihr Leben. Michael Feyer führt eine Oberstufenklasse durch das jüdische Mattersburg. Und Walter Reiss spricht in Stadtschlaining mit der Historikerin Shoshana Duizen-Jensen über jüdische Geschichte und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart. Die Präsentationen des Reichtums des jüdischen Kulturerbes geben den Menschen die Möglichkeit, bei den Veranstaltungen miteinander in Kontakt zu treten und die gegenwärtigen gemeinsamen Werte zu schätzen, die Europäer verbinden. Durch den offenen Zugang zu kulturellen Räumen, ansprechende Programme und interreligiöse Dialoge wollen die Kulturtage Brücken bauen und Vorurteile hinterfragen. Für Martha Keil wäre es „wünschenswert, wenn so ein Tag Anregung gibt, sich das ganze Jahr über mit der jüdischen Geschichte und Kultur des eigenen Ortes auseinanderzusetzen. Dann wäre viel erreicht.“

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