Die Bilder der Frau Oestreicher

Das Jüdische Museum Wien präsentiert Maria Austria. Sie wurde in Karlsbad geboren, machte ihre Ausbildung in Wien und wurde nach der Flucht in die Niederlande eine bekannte Fotografin.

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Die Tänzerin; Yvonne Georgi wirft Fotos in die Luft, 1950. © Maria Austria / Maria Austria Institute, Amsterdam

FOKUS! JETZT! MARIA AUSTRIA – FOTOGRAFIN IM EXIL
Bis 14. Jänner 2024
Jüdisches Museum Wien
Dorotheergasse 11, 1010 Wien
So.–Fr., 10–18 Uhr
jmw.at

Die Betrachterin betrachtet Betrachter. Die Frau sitzt ganz versunken im halbdunklen Museumsraum. Vor ihr wechseln sich langsam große Schwarz-weiß-Fotos ab, die an die Wand projiziert werden. Auf ihnen sieht man eine kleine Gruppe von Menschen in Nachkriegskleidung. Sie starren aufmerksam auf eine Wand voller kleiner Bilder, wohl aus einem Kinder- oder Jugendzimmer.

Die Fotoreportage von Maria Austria entstand 1954 bei einem Besuch jenes Amsterdamer Hauses, in dem sich Anne Frank vor den Nazis versteckt hatte. Die Besuchergruppe, die Austria damals begleitete, recherchierte für ein Bühnenstück über Anne Frank, das für New York geplant war.

Austrias Fotos sollten dann als Vorlagen für ein realistisches Bühnenbild dienen. Maria Austria besaß gleich mehrere unmittelbare Bezüge zu dieser Arbeit. Einerseits hatte sie selbst mehrere Jahre in Amsterdam im Untergrund überlebt, anderseits verfügte sie über Erfahrung in der Theaterfotografie. Sie hatte ihre ersten Bühnenfotos bereits während ihrer Ausbildung im Wien der Zwischenkriegszeit gemacht.

Der schwenkbare Bücherschrank. Hinter diesem befand sich das geheime Versteck von Anne Franks Familie. Amsterdam, 1954. © Maria Austria / Maria Austria Institute, Amsterdam

Geboren wurde Marie Karoline Oestreicher im Jahr 1915 in eine jüdische, assimilierte Familie in Karlsbad. Ihr Vater Karl, ein Kurarzt und Balneologe, starb noch in ihrem Geburtsjahr, sie wuchs mit deutlich älteren Geschwistern auf. Grundschule und Gymnasium absolvierte sie in Karlsbad, nun nicht mehr in der Donaumonarchie, sondern in der Tschechoslowakei. Zunächst wusste sie noch nicht genau, was sie werden wollte, schwankte etwa zwischen Turnlehrerin und irgendetwas mit Chemie. Doch dann packte sie die Fotografie, und sie zog nach Wien, um das Handwerk ordentlich zu lernen, an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Eigene Kameras besaß sie schon: eine zweiäugige Rolleiflex und eine handliche Leica.

In der „Graphischen“ lernte sie nicht nur Technisches, die Fotografie und die Filmausarbeitung betreffend, man unterrichtete auch kunsthistorische und künstlerische Aspekte der Fotografie. Und Marie absolvierte parallel dazu ein – unbezahltes – Praktikum bei einer der damals besten Adressen in der Branche, im Atelier der Fotoagentur Willinger auf der Kärntner Straße. In Ihrem Zeugnis aus dem Jahr 1935 liest man, unterzeichnet vom Chef selbst, von Wilhelm Willinger: „Frau Oestreicher hat sich außerordentlich bewährt, sie ist tüchtig und zuverlässig und wird sich bestimmt in jeder Art von fotografischen Betrieben als tüchtig beweisen.“ Ein Jahr später hielt sie ihr Abgangszeugnis von der Graphischen mit „Sehr gut“ in den Händen.

„Frau Oestreicher hat sich außerordentlich bewährt,
sie
ist tüchtig und zuverlässig.“
Wilhelm Willinger, 1935

 

Theater- und Modefotografin. Ihre beruflichen Anfänge führten sie zu unterschiedlichen Magazinen und Zeitungen, etwa dem Moment-Magazin, zum Interessanten Blatt, zur Bühne und zum Sonntag, der illustrierten Wochenend-Ausgabe der Tageszeitung Der Tag. Sie lieferte Reportagen, etwa über den Christkindl-Markt oder über eine Glasbläserei, sie schoss Porträts und erste Theaterfotos.

Doch die politischen Verhältnisse wurden zunehmend bedrohlicher. 1933 hatte Engelbert Dollfuß den Nationalrat ausgeschaltet und eine autoritäre Regierung etabliert. In Deutschland war bereits Adolf Hitler an der Macht, und seine Intentionen, Österreich anzuschließen, wurden bald erkennbar. Aber auch auf einer ganz praktischen Ebene wurde es schwerer für junge berufstätige Frauen. Man sah für sie eher den häuslichen Herd vor. „All das war sicherlich Grund genug für Marie Oestreicher, diese Stadt Anfang Juli 1937 zu verlassen, um andernorts ihr Glück zu versuchen“, liest man im Katalog der Ausstellung Fokus! Jetzt! Maria Austria – Fotografin im Exil.

Marie zog nach Amsterdam zu ihrer älteren Schwester Lisbeth. Diese hatte nach einer Textilausbildung am Bauhaus inzwischen in den Niederlanden eine Kleiderwerkstatt gegründet und entwarf auch Strickmuster für eine Frauenzeitschrift. Mit ihr gemeinsam gründete Marie das Atelier Model en Foto Austria. Marie fotografierte die Modelle ihrer Schwester – und es gelang ihr auch, erste eigene Fotoaufträge zu akquirieren. Doch 1940 besetzten die Nazis die Niederlande. Ab nun wurden Juden und Jüdinnen interniert, vor allem im Lager Westerbork, von wo aus viele dann in KZs und Vernichtungslager weiter transportiert wurden. Lisbeth ließ sich nach Westerbork abholen – und überlebte die Internierung. Marie hingegen ging in den Untergrund, versteckte sich und arbeitete als Fotografin für den Widerstand, etwa mit der Produktion von Fotos für gefälschte Pässe.

Der Treppenaufgang. Er führte in das Versteck von Anne Frank. Amsterdam, 1954. © Maria Austria / Maria Austria Institute, Amsterdam

Auch sie überlebte und gründete nach Kriegsende gemeinsam mit anderen Untergetauchten – unter ihnen ihr späterer Mann Henk Jonker – die Bildagentur Particam, ein Zusammensetzung der Wörter Partisan und Camera. Nun nannte sie sich Maria Austria, und ihre Karriere begann Fahrt aufzunehmen: erst mit Reportagen über das Nachkriegselend, dann zunehmend mit Fokus auf den Kulturbereich und mit expressiver Bühnenfotografie. Vor allem für das Avantgardetheater Mickery arbeitete sie, und in diesem traten auch immer wieder renommierte internationale Truppen auf. In der Ausstellung sind unter anderem ausdrucksstarke Porträts zu sehen – vom jungen Pianisten Daniel Barenboim bis zum Komponisten Leonard Bernstein mit seinen Geschwistern, vom Schauspieler Peter Ustinov bis zum Geiger Yehudi Menuhin oder zum Dirigenten Bruno Walter.

Nur einmal, 1960, kehrte Austria kurz nach Wien zurück. Von dieser Reise sind einige Bilder klassischer Street Photography zu sehen, mit bürgerlichen Menschen vor einer Meinl-Filiale in der City, in der Opernpassage oder am Buffet der Staatsoper. Ganz andere Reportagen entstanden bei ihrer Israel-Reise einige Jahre später: einfache Leute am Markt, lächelnde Soldaten, Menschen, die in eine schier endlose Wüstenlandschaft blicken.

Noch einmal zurück ins Versteck von Anne Frank: Etliche der Fotos an ihrer Wand hatte sie aus einer Zeitung ausgeschnitten. Eines davon stammte von Maria Austria. Diese starb 1975 in Amsterdam.

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