Der Mann in der zweiten Reihe

Die Geschichte von einem, der sich selbst stets zurücknahm. Der organisierte und im Hintergrund agierte. Der sich für seine Kollegen einsetzte und immer erst zuletzt an sich dachte. Der nie aufgab und zeitlebens die Hoffnung nicht verlor. Das ungewöhnliche Leben des Arthur Gottlein, eines österreichischen filmischen Multitalents und späteren Puppentheaterleiters – ein Forschungsbericht.

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Mit der Dietrich. Arthur Gottlein bei Dreharbeiten zu Der Pfarrer aus Kirchfeld, 1937. ©Uli Jürgens

Ein zweimonatiges Stipendium für Wissenschaftsjournalismus der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ermöglichte die Beschäftigung mit einer vielschichtigen, doch bisher nur bruchstückhaft beforschten Figur aus dem österreichischen Filmleben. Arthur Gottlein wurde 1895 in Wien geboren, seine Eltern waren jüdische Kaufleute, die wenige Jahre vor seiner Geburt aus Böhmen und Mähren nach Österreich gekommen waren. Zunächst wohnhaft in Wien-Leopoldstadt, übersiedelte die Familie bald nach Favoriten, wo Vater Emil Gottlein einen Gemischtwarenhandel betrieb. Arthur heiratete im Jahr 1920 seine große Liebe Hermine Knöpfmacher. Soweit die persönlichen Daten, die aus jüdischen Matriken und Lehmanns Adressbuch herauszulesen sind.
Das, was die Person Arthur Gottlein wirklich ausmacht, ist im Filmarchiv Austria zu finden. Dort lagert in zahlreichen Schachteln ein vom Umfang her beachtlicher, vom Inhalt bedeutsamer Nachlass, zwar geordnet, aber noch nicht wirklich aufgearbeitet. Neben Drehbüchern, Gedichten und Erinnerungen befinden sich dort zahlreiche Fotografien, Personal- und Reisedokumente. Als besonders aussagekräftig entpuppt sich die Sammlung von penibel geführten Taschenkalendern aus den Jahren 1928 bis 1974. In den mit Bleistift in Kurrent geschriebenen Einträgen finden sich nicht nur jüdische Feiertage, Geburtstage und Sterbetage von Freunden und Verwandten, Arthur Gottlein notierte auch alle Treffen, Telefonate, Briefkontakte – außerdem Einkaufslisten und Aufstellungen über diverse Einkünfte. Schnell stellt sich heraus, dass Arthur Gottlein in mehrerer Hinsicht von großer Bedeutung für die (film-)historisch-biografische Forschung ist: Aufgrund seiner filmischen Tätigkeit, aufgrund seines Lebensweges ins Exil und aufgrund seiner manischen Sammelleidenschaft.

Arthur Gottleins beeindruckende Lebensgeschichte
steht für viele vertriebene österreichische
Künstlerinnen und Künstler.

Arthur Gottlein begann als 18-Jähriger, beim Film zu arbeiten, zunächst als Kleindarsteller und Hilfsregisseur. Dabei kam er bereits mit den ganz Großen seiner Zeit in Berührung – er arbeitete mit und für die Wiener Filmpioniere Louise und Anton Kolm, außerdem für den legendären Filmproduzenten Graf Sascha Kolowrat. Im Ersten Weltkrieg war er im Kriegspressequartier beschäftigt, später wirkte er in verschiedenen Positionen (vor allem als Aufnahme- und Produktionsleiter) bei rund 100 (Stumm-)Filmproduktionen mit. Bei rund 15 Spielfilmen der frühen 1920er-Jahre führte Arthur Gottlein selbst Regie. 1927 war der stets an den neuesten Apparaten interessierte Mann an vorderster Front bei der Etablierung des Tonfilms beteiligt, mit dem Kabarettisten Karl Farkas drehte er eine ganze Serie von Lustspielen. Und ganz nebenbei stellte Arthur Gottlein über 100 Kultur- und Werbefilme her, für die er nicht nur das Skript schrieb, sondern auch den Schnitt übernahm. In den wirtschaftlich schweren frühen 1930er-Jahren engagierte sich Arthur Gottlein im Filmbund, das damals beschlossene Kontingentgesetz rettete die österreichische Filmproduktion zumindest vorerst vor dem völligen Untergang, wie Gottlein in seinen Erinnerungen schreibt.

Die Taschenkalender aus den Jahren 1928 bis 1974 geben Einblick in Arthur Gottleins Leben. ©Uli Jürgens

Stationen eines vertriebenen Lebens. Wie für viele andere jüdische Filmschaffende stellte auch für Arthur Gottlein das Jahr 1938, der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, eine Zäsur in seinem Schaffen dar. Im Jahr davor stand er noch als Aufnahmeleiter beim letzten unabhängig in Österreich gedrehten Spielfilm hinter der Kamera. Der Pfarrer von Kirchfeld, inszeniert vom Regiepaar Louise und Jakob Fleck (die Filmpionierin Louise Kolm hatte nach dem Tod ihres Mannes ihren jüdischen Kameramann Jakob Fleck geheiratet). Diese Produktion ist vor allem in Hinsicht auf ihre jüdischen Mitwirkenden und deren weiteres Schicksal interessant: Produzent Siegfried Lemberger und Kameramann Ernst Mühlrad wurden im KZ Auschwitz ermordet. Der Drehbuchautor Friedrich Torberg, der für diesen Film das Pseudonym Hubert Frohn verwendete, flüchtete über Paris und Lissabon in die USA. Der Textdichter Hans Weigel und der Schauspieler Karl Paryla überlebten im Schweizer Exil. Der Komponist Viktor Altmann entkam nach Großbritannien. Der Komponist Karl M. May flüchtete über Paris nach Spanien, er starb 1943 in Madrid. Die Schauspieler Hans Jaray und Ludwig Stössel gingen in die USA ins Exil, Louise und Jakob Fleck nach Shanghai.
Auch Arthur Gottlein verließ seine Heimat, ein Vertrag mit der amerikanischen Filmproduktion Minerva Pictures ermöglichte ihm zunächst die Flucht auf die Philippinen, später wurde wegen des Kriegsverlaufes aus einem Besuch in Shanghai ein mehrjähriger Aufenthalt. Die lange Zeit der Emigration – 1939 bis 1949 – ist anhand der erwähnten Taschenkalender fast Tag für Tag rekonstruierbar. Arthur Gottlein gibt Auskunft über alle Stationen seiner Flucht, über Arbeitsprojekte und seine weiteren Pläne. Einige Einträge sind sehr persönlich, etwa wenn es um Gottleins Frau Hermine, seine „Minka“, geht, die ihm erst im November 1940 ins Exil nachfolgte. Ab und zu findet sich seltsam Berührendes, etwa die Notiz aus der Zeit des Shanghaier Ghettos, es habe abends „Erbsensuppe mit Würstel“ gegeben – offensichtlich ein besonderer Tag. Wie viele andere Exilanten suchte auch Arthur Gottlein in seinen ersten Shanghaier Jahren nach einer Beschäftigung und Geldquelle. Er gründete die Shanghaier Puppenbühne, ein Marionettentheater, suchte Kontakt zu Puppenbauern und Näherinnen, organisierte Proben und Auftritte. Es existieren Theatertexte mit handschriftlichen Hinweisen und Anmerkungen, das Ensemble spielte Stücke von Johann Nestroy und Ferdinand Raimund – zunächst auf Deutsch, dann auch auf Englisch und Chinesisch. Bisher sind nur wenige Fotografien des Theaters aufgetaucht, diese geben aber einen interessanten Einblick in die sehr professionelle Gestaltung der Puppenbühne. In Shanghai traf Arthur Gottlein auch viele seiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, so entstand etwa ein reger Austausch mit Louise und Jakob Fleck. Offenbar plante man Filmprojekte, eine Zeitlang fanden mehrmals pro Woche Treffen statt. Und als die Situation im Ghetto kritischer wurde, begannen Arthur Gottleins Frau Hermine und Louise Fleck damit, Handschuhe zu stricken und zu verkaufen, in einem später von Arthur Gottlein verfassten Namenstaggedicht für Louise Fleck bezieht er sich darauf. Schließlich kam es jedoch zum Bruch, im März 1946 ist im Taschenkalender zu lesen: „KRACH MIT FLECK!“ Was wirklich passiert war, bleibt im Verborgenen.
In den ersten Shanghaier Nachkriegsjahren setzte sich Arthur Gottlein für andere Exilanten ein, nutzte seine Kontakte, um die Weiterreise vor allem in die USA in die Wege zu leiten. 1949 gingen er und seine Frau Hermine selbst an Bord eines Passagierschiffes, nach einer langen Reise quer über den Erdball (Manila, San Francisco, New York, Neapel) erreichten sie Wien am 12. April. Ein wirklicher Neuanfang im Filmgeschäft gelang Arthur Gottlein nicht, allerdings begann er sich gewerkschaftlich zu engagieren, war jahrelang Vorstand der Gewerkschaft Kunst und freie Berufe. Und er begann zu sammeln: Porträtaufnahmen von österreichischen Filmschaffenden ab den 1910er-Jahren, Fotografien der ersten Filmateliers in Wien, Plakate, Dokumente, Zeitungsausschnitte. Diese umfangreiche Sammlung vermachte er vor seinem Tod dem Filmarchiv Austria. 1977 starb der vielfach mit Preisen und Ehrenzeichen ausgezeichnete Mann im Alter von 82 Jahren.
Arthur Gottlein stand nie in der ersten Reihe, er war ein Mann im Hintergrund, stand künstlerisch stets im Schatten der großen Regisseure und Produzenten. Seine beeindruckende Lebensgeschichte steht für viele vertriebene österreichische Künstlerinnen und Künstler, für jene Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft oder Gesinnung aus Österreich vertrieben wurden und es im Exil schafften, sich mit Mut, Fleiß und Optimismus eine neue Existenz aufzubauen.


Uli Jürgens arbeitet als Autorin, Regisseurin und Radiojournalistin in Wien. Im Frühjahr 2019 erschien ihre Biografie der ersten österreichischen Regisseurin Louise Fleck, Louise, Licht und Schatten (Mandelbaum Verlag). Die Aufarbeitung des biografischen Materials zu Arthur Gottlein ist noch lange nicht abgeschlossen, die Recherchen werden fortgesetzt und sollen im Frühjahr 2021 in Buchform unter dem Titel Der Fädenzieher bei Mandelbaum erscheinen.

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