Ein Fall für Freud

In seinem Buch Unter uns hieß er der Rattenmann rekonstruiert Georg Augusta die Biografie und jüdische Familiengeschichte Erich Lanzers, der als Psychoanalyse-Patient berühmt werden sollte.

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Georg Augusta: Unter uns hieß er der Rattenmann: Die Lebensgeschichte des Sigmund-Freud-Patienten Ernst Lanzer. Mandelbaum 2020, 143 S., € 15,77

Als älteste Söhne ehrgeiziger jüdischer Väter, die in die Reichshauptstadt gezogen waren, um ihren Kindern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen, wuchsen beide in der Leopoldstadt auf.
Zeitweilig wohnten sie sogar im selben Haus, die neunköpfige Familie Freud und der Fleischkassier Heinrich Lanzer mit Frau und Kindern. Die Söhne besuchten dasselbe Gymnasium, Sigmund allerdings rund 20 Jahre vor seinem späteren Patienten Ernst.
Und auch als beide Familien mit fortschreitendem Wohlstand in die Pazmanitengasse gezogen waren, wohnten sie zumindest für einige Zeit an derselben Adresse. Erstaunliche Parallelen.
Dass Sigmund Freud sich an Heinrich Lanzer erinnerte, als dessen Sohn Ernst am 1. Oktober 1907 seine Praxis in der Berggasse 19 aufsuchte, sei also zumindest vorstellbar, folgert Georg Augusta aus seinen peniblen Recherchen zu dem als „Rattenmann“ in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangenen Patienten.
Während eines Manövers in Galizien hatte ein antisemitischer Hauptmann mit seiner lustvoll-sadistischen Schilderung der „Rattenfolter“ den jungen Lanzer provoziert. Diese angeblich orientalische, raffiniert grausame Strafmethode sollte fortan in den verworrenen Zwangsvorstellungen des Mannes eine quälende Rolle spielen.

»Vater hatte sich nie taufen lassen,aber sehr bedauert,
daß seine Ahnen ihm nicht dieß unangenehme
Geschäft abgenommen.« 

Ernst Lanzer

Emanzipationsgeschichte. Ernst Lanzer muss eine durchaus beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein, und das nicht nur auf Grund seiner exquisiten Fallgeschichte. Die Intelligenz und der Scharfsinn des jungen Zwangsneurotikers, der sich psychoanalytische Hilfe in einer Zeit suchte, als diese Methode noch keineswegs anerkannt war, haben offenbar nicht nur Sigmund Freud fasziniert, sondern über ein Jahrhundert danach auch den Wiener Psychoanalytiker Augusta, der weit über das Schicksal Lanzers hinaus auch die Spuren von dessen verzweigter Familie mit geradezu hingebungsvoller Konsequenz verfolgt.
Es ist die ganz typische Geschichte einer Emanzipation aus dem jüdischen Kleinbürgertum in der Provinz in das gehobenere Bildungsbürgertum Wiens, das die Lanzers auch mit den Freuds teilten. Zum letzten Schritt, der Taufe, kam es allerdings nicht.
„Vater hatte sich nie taufen lassen, aber sehr bedauert, daß seine Ahnen ihm nicht dieß unangenehme Geschäft abgenommen. Ihm sagte er oft, daß er ihm nichts in den Weg legen würde, wenn er Christ werden wolle“, protokolliert Sigmund Freud die Aussagen des Patienten in seinen Behandlungsnotizen.
In sechs Sitzungen wöchentlich analysierte er den 29-jährigen Juristen über vier Monate lang und präsentierte nach erfolgreicher Analyse die Fallgeschichte des „Rattenmanns“, den er als „Dr. Lorenzer“ anonymisierte, in diversen Fachkreisen. Ernst Lanzer gelang es daraufhin, sich als Anwalt zu etablieren und seine seit Jahren verehrte Gisela in der Leopoldstädter Synagoge zu heiraten. Lang war ihm das Glück nicht beschieden, denn gleich nach Beginn des Ersten Weltkriegs fiel der junge Leutnant 1914 an der Ostfront.

Nachleben. Drei Lanzer-Schwestern kamen im Holocaust um, auch hier eine späte Parallele zu Freud, dessen drei Schwestern ebenso deportiert und ermordet wurden. Einer Schwester gelang die Flucht in die USA, gemeinsam mit Mann und Tochter, der späteren Schriftstellerin Elisabeth Freundlich. In ihrem Roman Der Seelenvogel zeichnete sie, die mit dem Schriftsteller Günter Anders verheiratet war, die Geschichte ihrer Familie auf. In diesem „Gedenkbuch“, das erst 1986 in Österreich erscheinen konnte, erinnert sich Freundlich auch liebevoll an ihren Onkel Ernst, den Sigmund Freud als „Rattenmann“ zu einer zweifelhaften Prominenz verhalf.

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