Alexandru Weinberger-Bara: „Was Wien ausmacht, ist die Multikulturalität“

Alexandru Weinberger-Bara wurde 1995 in Oradea, Rumänien, geboren und studierte Theaterregie am Max Reinhardt Seminar. Zu seinen Inszenierungen seit 2017 zählen u. a. Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs von Milo Rau am Volkstheater Wien, Strindbergs Fräulein Julie am Stadttheater Oradea und Werner Schwabs Mein Hundemund am WERK X-Petersplatz. Weinberger-Bara lebt als freischaffender Regisseur in Wien.

1955
© Ronnie Niedermeyer

Ich hätte mir nie vorstellen können, jemals nach Wien zu ziehen. Doch meine damalige Freundin wollte hier studieren, und ich – ich bin ihr halt gefolgt. Natürlich recherchierte ich zuerst, ob es in Wien ein angesehenes Studium für Theaterregie gebe und kam dadurch auf das Max-Reinhardt-Seminar. Damals konnte ich noch kein Wort Deutsch und hatte von deutschsprachigem Theater keine Ahnung. Ich wusste nicht einmal, wer Max Reinhardt gewesen war. In den sechs Monaten bis zur Aufnahmeprüfung begann ich, die Sprache zu lernen und meine Inszenierungskonzepte vorzubereiten – eines davon für Volksvernichtung (dieses und andere Stücke des Autors Werner Schwab haben meinen Zugang zur Regie stark beeinflusst). Zu meinem Erstaunen wurde ich aufgenommen. Wenn ich darüber nachdenke, was Wien im Besonderen ausmacht, ist das bestimmt die Multikulturalität, die diese Stadt über die Jahrhunderte begleitet hat. Hier trifft man Menschen verschiedenster Nationalitäten und Ethnien, die alle möglichen Sprachen sprechen – damit kann ich viel anfangen. Meine Mutter ist Rumänin und Christin; mein Vater Ungarnjude. Diese ethnische Vielfalt hat mir geholfen, meine Herkunft distanzierter und reflektierter zu betrachten. Muss man sich für eine Welt auf Kosten der anderen entscheiden? Wie jedes Scheidungskind weiß, gibt es wenige Fälle, in denen die getrennten Eltern einen guten Umgang zueinander finden. Zu meinem Glück fand ich in der Großmutter jene Bezugsperson, die mir meine jüdischen Wurzeln näherbringen konnte. Während des Krieges versuchten ihre Eltern, sich und ihre Tochter vor der Deportation zu retten, indem sie zum Katholizismus konvertierten. Ihr Vater wurde dennoch am 2. Juni 1944 in Auschwitz ermordet. Meine Großmutter und Urgroßmutter sind die einzigen Weinberger, die die Schoah überlebt haben. Mein ermordeter Urgroßvater, Alexandru-Salamon Weinberger, hatte gerne seine Sommerferien in Wien verbracht. Dort trat er außerdem als Tenor in der Amateuroper auf. Obwohl ich nicht an das Schicksal glaube, verleiht diese Tatsache meinem Aufenthalt in dieser Stadt eine tiefere Bedeutung.
Tipp: „Das Café International am Yppenplatz wurde 1983 als Beratungseinrichtung für Ausländer*innen gegründet. Gegenüber steht das Haus, in dem Werner Schwab zwischen 1990 und 1991 wohnte. Auf der Gedenktafel prangt das Zitat: „Wir wurden in die Welt gevögelt und können nicht fliegen.“ (Aus Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos)

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