Vor 180 Jahren gab es in Wien eine fast revolutionäre Entwicklung in der Brautechnik, die Auswirkungen auf die ganze Welt hatte. Anton Dreher braute in Schwechat erstmals sein Lagerbier, das als neuer Biertyp einen erfolgreichen Siegeszug durch alle Kontinente antrat. Zugleich begann Adolf Ignaz Mautner (später von Markhof) seine Brautätigkeit in einem damals kleinen Betrieb in St. Marx am Beginn der Simmeringer Hauptstraße“, heißt es im Vorwort des Bildbandes Die Geschichte der Brauerei Schwechat von Alfred Paleczny, Christian Springer und Andreas Urban.

Die beiden Brauerei-Gründungen lagen nur wenige Kilometer voneinander entfernt und sollten sich etwa 70 Jahre später in einer Aktiengesellschaft zusammenschließen. „25 Jahre danach übernahm die Familie Mautner Markhof diese Brauerei und führte sie als ,Brauerei Schwechat‘ ein halbes Jahrhundert als eines der größten Brauunternehmen Österreichs weiter, bis sie 1978 ein Tochterbetrieb der heutigen Brau Union Österreich AG wurde.“
Franz Anton Dreher aus dem schwäbischen Pfullendorf zog es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach Wien. Er war ein Nachgeborener, der älteste Bruder übernahm zu Hause die Gastwirtschaft, so suchte Franz Anton sein Glück in der Fremde. In Wien arbeitete er erst als Bäcker und Bierkellner, dann wagte er sich in die Selbstständigkeit und pachtete mit der Mitgift seiner Frau die Herrschaftsbrauerei der Grafen Königsegg-Aulendorf in Oberlanzendorf. „Die Brauerei in Oberlanzendorf war sehr klein“, liest man in Die Geschichte der Brauerei Schwechat. „Sie besaß als Zugkraft nur eine Kuh. […] Wir wissen von Franz Anton, dass er bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten manchmal mit seiner Frau eine Wallfahrt nach Mariazell unternahm, um Gottes Segen zu erbitten.“

Dreher suchte daher neue, bessere Chancen und fand sie 1782 im Leopoldstädter Brauhaus, das er nun pachtete. Der tüchtige Unternehmer brachte den Betrieb in Schwung und konnte 14 Jahre später das Brauhaus Klein Schwechat kaufen. Die Pacht des Leopoldstädter Brauhauses gab er dann zurück. Sein Sohn Anton „der Ältere“ sollte für den geradezu kometenhaften Aufstieg der Schwechater Brauerei verantwortlich zeichnen. Dafür waren Wagemut und neue Technologien vonnöten.

Anton Dreher braute in Schwechat erstmals sein Lagerbier,
das als neuer Biertyp einen erfolgreichen Siegeszug durch alle Kontinente antrat.

Doch am Anfang stand eine „teils unverschämte Industriespionage“ für die Beschaffung der neuen Brautechniken. Anton Dreher reiste – gemeinsam mit einem Junior der Münchner Spaten-Brauerei – nach Böhmen, Thüringen und schließlich nach England, um den aktuellen Stand der Brauindustrie zu erkunden. Dabei ging es etwa um den Einsatz von Dampfmaschinen oder um die Kühlung des Biers, um es haltbarer zu machen. Die jungen Männer aus Kontinentaleuropa waren dabei recht einfallsreich. Wenn man ihnen bei Betriebsbesuchen nicht erlaubte, Proben zu ziehen, taten sie das etwa heimlich mit einem Spazierstock, der ein Ventil und einen röhrenförmigen Behälter aus Blech enthielt.

Nach seiner Rückkehr nach Wien begann Dreher, die ersten Modernisierungsschritte zu setzen, konzentrierte sich immer mehr auf das so genannte niedergärige Bier, das sich bei korrekter Kühlung monatelang frisch hielt, und wurde ab Anfang der 1840er-Jahre außergewöhnlich erfolgreich. „Die Kombination von hellem Malz, das gemäß englischer Mälzungstechnologie hergestellt wurde, und die lange kühle Lagerung, entsprechend der untergärigen Gärmethode, waren Teil des Erfolges. Der Wiener Bierstil eroberte ab 1841 die Welt, die Art des Herstellverfahrens revolutionierte das Brauwesen.“ Parallel zur Erweiterung der Kapazitäten mit den neuen Produktionsmethoden baute die Schwechater Brauerei systematisch ihr Vertriebssystem aus, belieferte immer mehr Gaststätten in Wien – dem entsprach natürlich auch ein Sterben kleiner Brauhäuser. Und die Zahlen gingen steil nach oben: 1851 erzielte man schon einen Ausstoß von fast 100.000 Hektoliter, damit „führte Dreher bereits die größte Brauerei der Monarchie“. 1860 galt sie als größte des europäischen Festlandes, nur die englischen Konkurrenten erzeugten mehr. Überdies hatte man Betriebsstätten in Ungarn, Triest und Mähren erworben. Anton Dreher starb 1863, sein Sohn Anton „der Jüngere“ war da erst 14 Jahre alt.

Es gelang dem Management dennoch, die Firma solide weiterzuführen, und als der Erbe volljährig war, baute er wiederum aus, investierte daneben auch in Immobilien und andere Branchen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs, 1913, kam es dann zur großen Wiener Braufusion zur „Vereinigten Brauereien Schwechat, St. Marx, Simmering – Dreher, Mautner, Meichl Aktiengesellschaft“.

Erfolgreiches Comeback. Die zweite Gruppe, die in diesem Konzern eine Rolle spielte, gehörte der Familie Mautner. Diese wiederum hatte – wie ein halbes Dutzend anderer – neben Dreher in den 1840er-Jahren in Wien ebenfalls mit neuen Brautechniken zu experimentieren begonnen. Diese Unternehmer stammten zum Teil auch aus anderen Kronländern, wie Adolf Ignaz Mautner, der 1840 von Böhmen nach St. Marx gekommen war und ebenfalls revolutionäre Methoden, vor allem beim Kühlen, anwendete.

Alfred Paleczny, Christian Springer, Andreas Urban: Die Geschichte der Brauerei Schwechat. Von den Bierbaronen Dreher und Mautner Markhof in die Gegenwart. Böhlau 2021, 280 S.,€ 36

Adolf Ignaz war freilich sein geänderter Name, ursprünglich hatte er Abraham Isaac geheißen. Neben den neuen Braumethoden – etwas anders als jene der Drehers – entwickelte er gemeinsam mit steirischen Brauern industrielle Techniken zur Hefeproduktion. Um seinen ökonomischen Aufstieg zu erleichtern, ließ er sich 1846 taufen. Und dieser Aufstieg erfolgte fast ebenso rasant wie jener der Drehers. 1870 war die St. Marxer Brauerei der Mautners die drittgrößte auf dem europäischen Festland, und auch sie verfügte über weitere Dependancen in der Monarchie. 1872 wurde Adolf Ignaz Mautner zum Ritter von Markhof nobilitiert.

Der Zusammenschluss der Brauereien im Großraum Wien – die dritte, kleinere war jene der Meichls – erfolgte 1913 freilich nicht nur aus reiner Freude. Es krachte schon im Gebälk, nicht alle Betriebsstätten waren auf dem Stand der Zeit, man versuchte sich nach vorne in die Größe zu retten. Krieg und Elend der Folgejahre sollten sich auch äußerst negativ auf die ganze Branche auswirken, die Produktionszahlen gingen teils dramatisch zurück, früher profitable Tochterbetriebe befanden sich auf einmal in anderen Ländern und mussten verkauft werden. In den 1930er Jahren hielten bereits die Banken die Aktienmehrheit an der Brauerei, die Mautners hatten sich schwerpunktmäßig auf ihre Lebensmittelindustrie zurückgezogen. Doch dann gelang der nächsten Generation „ein sehr erfolgreiches Comeback“. Unter der Leitung von Georg III. schafften es vier Brüder bzw. Cousins, die Aktienmehrheit zu erwerben, vor allem die Creditanstalt hatte durchblicken lassen, dass sie ihre Industriebeteiligungen reduzieren wollte. Es wurde ein komplexes Geschäft, aber Ende 1936 hatten es die Mautners geschafft. Doch bald wurde Österreich von Nazi-Deutschland annektiert, und nun ging der Kampf um die Brauerei weiter. Mit Verhaftungen versuchten die neuen Machthaber, die Besitzer zur Übergabe zu erpressen, aber die lange zurückliegende Taufe des Vorfahren Ignaz gab keine aktuelle Handhabe nach den NSRassengesetzen, die Mautners galten nur mehr als „Achteljuden“. Man konnte ihnen die Fabriken nicht einfach wegnehmen, zwang sie aber, aus der Geschäftsführung abzutreten.

Nach dem Krieg sollten dann zwei Generationen von Mautners – Manfred Mautner Markhof I. und später Manfred II. – als Brauer, Industrielle und Kultursponsoren das Außenbild der Schwechater Brauerei prägen. Doch Ende der 1970erJahre schrieb man Verluste, und 1978 kam es zur ersten Fusion mit der Brau-Holding der Linzer Brau AG. 1998 schloss man sich noch mit der Steirerbrau zusammen, 2003 übernahm schließlich der niederländische HeinekenKonzern. Aktuell ist Schwechater eine Biermarke in einem internationalen Portfolio, gebraut wird nach wie vor am alten Standort, Lagerbier, Zwickl und Wiener Lager. Zusätzlich füllt man andere Konzernmarken in Dosen ab, das Bier wird dafür aus Göss oder Wieselburg in Tankwagen angeliefert.

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