Die Sache mit der Würde

Würdig sollen Gedenkveranstaltungen, die an die Shoah erinnern, verlaufen. Doch wer definiert, was darunter zu verstehen ist? Und welche Rolle kommt dabei Jüdinnen und Juden zu?

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Zeichnung: Karin Fasching

Es gibt inzwischen so etwas wie einen Jahreskreislauf des Shoah-Gedenkens. Dieses beginnt mit dem internationalen HolocaustGedenktag am 27. Jänner. An diesem Tag im Jahr 1945 wurde das Vernichtungslager AuschwitzBirkenau von der Roten Armee befreit. Im März erinnert man sich hier zu Lande an den so genannten „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938, an die Begeisterung der Menschen, die Adolf Hitler am Heldenplatz zujubelten, an die Übergriffe gegenüber Juden und Jüdinnen, Stichwort „Reibpartien“. Im Mai begeht man das Ende des Zweiten Weltkriegs, eng verbunden mit der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. Einen weiteren Erinnerungshöhepunkt gibt es dann im November: 1938 hatten die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung organisiert, die in Wien besonders ausuferten.

Bis heute für Gänsehaut sorgt bei mir der Bericht des „Reichssenders Wien“ über die Zerstörung des Leopoldstädter Tempels in dieser Nacht. „Die erbitterten arischen Einwohner dieses Bezirks haben nach dieser ruchlosen Tat von Paris es sich nicht nehmen lassen, um auch hier ihren abgrundtiefen Hass gegen das Judentum zu bezeigen. Der Judentempel war in wenigen Minuten ein Raub der Flammen“, erklärt da der Reporter, der direkt aus der Tempelgasse berichtet. Und er sagt weiter: „Die Wiener Bevölkerung, die immer mit erbittertem Grimm in der Tempelgasse an diesem Prunkbau vorbeigegangen ist, steht jetzt auf der Straße, und jeder möchte gerne hereinsehen, möchte sich überzeugen, wie es hier aussieht und ob es tatsächlich alles so ist, wie es ihm ums Herz ist, nämlich so, dass man es nicht wieder aufbauen kann.“ Diesen Satz gilt es zu verinnerlichen: „So, dass man es nicht wieder aufbauen kann.“ Das ist der Kern. Die Auslöschung des Judentums, die Auslöschung der Juden und Jüdinnen – das war das Ziel des nationalsozialistischen Rassenwahns.

 

Wer das Gedenken an die NS-Zeit rundum würdig gestalten möchte,
der hält einen cordon sanitaire zu den Freiheitlichen ein.

 

Sprung ins Heute: Die Erinnerung an die Schrecken des Damals, sie soll würdig sein. Es geht um das Bekennen zu Verantwortung, die richtigen Worte, das richtige Setting. Die Stimmung hat ein bisschen andächtig zu sein, ritualisierte Trauer mit einer Prise Pathos, verbale Versatzstücke und das Bekenntnis zu den Verfehlungen vorangegangener Generationen, genau die richtige musikalische Umrahmung – vorzugsweise Stücke verfolgter Komponisten oder jiddische Melodien. Je mehr das Schtetl herauszuhören ist, desto passender. Und auch ganz wichtig: Authentizität, etwa in Form eines Zeitzeugenauftritts. Oder zumindest in Person eines Juden als Gast, als Redner.

Das „Nie mehr wieder“ wird gebetsmühlenartig beschworen, da darf dann auch die – richtige und wichtige – Kritik an der FPÖ nicht fehlen. Wie hohl das alles ist, führte allerdings diesen Mai bei einer Gedenkfeier im Parlament Michel Friedman vor. Er sagte in Richtung Freiheitliche, sie seien „Antidemokraten“, rügte in der Folge aber auch die ÖVP, weil diese immer wieder mit der FPÖ koaliere. Und dass er der Einladung ins Hohe Haus unter anderem auch deshalb gefolgt sei, um das den Mandataren, die es betrifft, ins Gesicht zu sagen. Die Angesprochenen waren sichtlich irritiert.

Ja, die Politik macht heute viel gegen Antisemitismus und viel für die jüdischen Gemeinden. Das ist anzuerkennen. Und dennoch: Juden müssen deshalb nicht dankbar sein und dürfen dennoch – so wie Friedman – sagen, was zu sagen ist. Und zu sagen ist viel. Dieses Frühjahr schloss die ÖVP mit der FPÖ in Niederösterreich eine Koalition, und während man in Mauthausen der Ermordung von Juden in der NS-Zeit gedachte, liefen in Salzburg ebenfalls Verhandlungen zwischen Schwarz und Blau. Wer das Gedenken an die NS-Zeit rundum würdig gestalten möchte, der hält jedoch einen cordon sanitaire zu den Freiheitlichen ein. Alles andere ist unglaubwürdig

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