Die Schätze Wiesenthals in neuen Händen

Die Historikerin Sandra B. Weiss leitet seit diesem Jahr das Archiv des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocauststudien (VWI). Warum die Arbeitstage immer zu wenige Stunden zu haben scheinen und in welchen Momenten sie weiß, warum sie diese Aufgabe so gerne übernommen hat, schildert sie im Gespräch mit WINA.

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SANDRA B. WEISS, geb. 1982 in Sterzing/Südtirol, Matura in Brixen, danach Studium der Geschichte und Ägyptologie in Wien, 2008 Abschluss des Diplom-, 2012 des Master- und schließlich 2017 des Doktoratsstudiums. Seit 2009 als Historikerin in verschiedenen Kontexten und Themengebieten tätig, darunter etwa Mitarbeit an wissenschaftlichen Projekten für das Institut für Geschichte der Juden in Österreich in St. Pölten, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beziehungsweise des Instituts für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien (Projekt Die Akten des Kaiserlichen Reichshofrats) oder Erstellung einer Datenbank für die Stadt Wien (Wiener Gelehrte und Buchbesitz. Handschriften und Inkunabeln der Palatina im Eigentum von Professoren der Universität Wien im 15. bis 16. Jahrhundert). Seit 2022 Archivarin im Wiener Wiesenthal-Institut für Holocauststudien (VWI). Weiss lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern, dreijährigen Zwillingen, in Wien. www.sandra-weiss.at ©Daniel Shaked

Die Archivalien, die Simon Wiesenthal hinterließ, sichten, ordnen, fachgerecht aufbewahren, digitalisieren: Das ist der eine Aufgabenbereich von Weiss (mehr Infos zu dieser Sammlung siehe Kasten). Der andere: Anfragen aus aller Welt zu bearbeiten und zu beantworten und den Lesesaal zu betreuen, in dem Studierende, Wissenschafter und Wissenschafterinnen (darunter auch die Fellows, die am VWI tätig sind), aber auch Privatpersonen Materialien für ihre Studien oder Recherchen nutzen können.

Dabei stehen ihnen auch weitere Bestände zur Verfügung, wie etwa die Holocaust-bezogenen Teile des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien. Sie sind eine Leihgabe der IKG bis Juni 2031 und umfassen 332 Kartons, die dem VWI 2018 übergeben wurden, erläutert Susanne Uslu-Pauer, die Leiterin des IKG-Archivs.

Zugang bietet das VWI aber auch zu Zeitzeugendatenbanken: Das Fortunoff-Videoarchiv der Yale University bietet etwa 4.400 Interviews mit einer Gesamtlaufzeit von mehr als 12.000 Stunden in 22 Sprachen. Das Austrian Heritage Archive ist Teil der 800 Interview umfassenden aufgezeichnete Austrian Heritage Collection. Sie wurden mit österreichisch-jüdischen Emigranten in den USA sowie Palästina/Israel geführt und werden transkribiert und mit Dokumenten zur Lebensgeschichte der jeweiligen Person versehen. Und schließlich sind am VWI rund 245 Videointerviews mit in Großbritannien lebenden jüdischen Geflüchteten, ehemaligen Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen sowie Holocaust-Überlebenden („Refugee Voices“) einsehbar. Außerdem betreut das VWI auch verschiedene Datenbanken, in denen auch im Internet recherchiert werden kann, wie die Datenbank zur ungarisch-jüdischen Zwangsarbeit oder ns-quellen.at. Demnächst werde auch eine digitale Ausstellung über Wiesenthals Zeit in Linz online gehen, kündigt Weiss an.

Ursula B. Weiss kennt die Bestände bereits sehr gut und hilft auch persönlich bei den Anfragen. ©Daniel Shaked

Die Bestände des Simon Wiesenthal Archivs

Fast 60 Jahre lang spürte Simon Wiesenthal nationalsozialistischen Tätern nach, korrespondierte mit Zeugen, sammelte Zeitungsberichte, auch zum Thema Rechtsextremismus generell. Über die Jahre entstand auch eine umfangreiche Bibliothek und eine Fotosammlung. Das Archiv des VWI verfügt heute über Wiesenthals Sammlung zu NS-Tätern und NS-Verbrechenskomplexen (Umfang: 35 Laufmeter bzw. rund 8.000 Akten), seine Bibliothek (etwa 3.500 Druckwerke), seine Sammlung von Lebensdokumenten, Manuskripten, Korrespondenzen in eigener Sache sowie Presseberichten (39 Laufmeter), seine Sammlung zu Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, welche den Zeitraum 1960 bis 2004 abdeckt, sowie die rund 3.500 Bilder und Dias umfassende Fotosammlung, darunter viele Porträtaufnahmen Wiesenthals, aber auch Fotos, die bei Vorträgen oder Ehrungen aufgenommen wurden. vwi.ac.at

Ziel bei der Gründung des VWI war es, hier Archivalien und Testimonials von Zeitzeugen zusammenzuführen und der Holocaustforschung zur Verfügung zu stellen. Dieses Angebot wird inzwischen auch gerne angenommen. Fünf bis zehn Anfragen pro Tag trudeln in ihrer Mailbox ein, erzählt Weiss. Die Erstrecherche übernehme sie dabei in allen Fällen, soll heißen: Sie sieht nach, was die Bestände, auf die im VWI Zugriff besteht, zu dem Thema oder der Person beinhalten. Leben die Anfragenden weit entfernt, sichte sie auch das Material und übermittle es in digitaler Form. Aber es sei auch die persönliche Arbeit eben im Lesesaal am Rabensteig möglich, etwa für Studierende und Forschende.

Berührende Begegnungen. Ein Teil der Anfragen wird allerdings von Privatpersonen gestellt: Entweder handelt es sich dabei um Familienmitglieder von Opfern, die mehr über ihre Vorfahren herausfinden möchten. Aber auch Nachkommen von Tätern melden sich immer wieder. Sie haben etwa ein Foto des Großvaters oder Urgroßvaters, das diesen in einer SS-Uniform zeigt, gefunden und wollen nun wissen, ob etwas über von ihm verübte Verbrechen bekannt ist. Hier kann Weiss oft nicht weiterhelfen und muss an andere Einrichtungen verweisen, wie etwa das Staatsarchiv. Wiesenthal habe Akten zu den führenden Köpfen des NS-Unrechtsregimes angelegt, bei den Anfragen gehe es allerdings oft „nur“ um SS-Männer.

Berührend sind oft die Begegnungen mit Opferfamilien, die sich dann bedanken, weil sich im Archiv Dokumente fanden, erzählt Weiss. „Gestern war eine Familie da, die etwas zu den Großeltern gesucht hat, die ausgewandert waren und dazu Formulare ausfüllen mussten. Und dann saßen da Mutter und Tochter im Lesesaal vor einem dieser Formulare, und die Mutter sagte zur Tochter, ‚schau mal, das ist die Unterschrift meiner Großmutter und deiner Urgroßmutter.‘ Das zeigt, wie wichtig und wertvoll unsere Arbeit hier ist.“ Das seien auch die Momente, in denen man spüre, „dass Menschen für jede Kleinigkeit dankbar sind, dafür, dass man etwas herausgefunden hat“.

Um hier in Erinnerung an die 65.000 ermordeten österreichischen Juden und Jüdinnen sowie für deren Nachfahren bestehende Informationen und Dokumente noch besser zusammenzuführen, sind Weiss und Uslu-Pauer nun übrigens dabei, ein neues mehrjähriges Projekt zu designen. Dieses soll sich mit der personenbezogenen Erschließung von Dokumenten, wie etwa der Hauslisten, beschäftigten, und es sollen dafür auch zusätzliche Projektmitarbeiter und -arbeiterinnen zum Einsatz kommen.

„[…] dass Menschen für jede Kleinigkeit dankbar sind, dafür,
dass man etwas herausgefunden hat“.
Sandra B. Weiss

Stichwort Unterstützung: An manchen Tagen weiß Weiss nicht, was sie als Erstes tun soll. Mailanfragen abarbeiten, Besprechungstermine absolvieren, Bestände sichten: Und schon ist der Tag wieder herum. Aktuell wird die Archiv-Leiterin von einer Archivarin unterstützt, die die Erschließung koordiniert, sowie einem Mitarbeiter, der Schriftstücke digitalisiert. Zudem gibt es eine studentische Kraft, internationale Praktikanten und Praktikantinnen und die wissenschaftliche Arbeit der Fellows. „Ich hätte natürlich gerne, dass alles erschlossen, ordentlich verzeichnet und für alle zugänglich ist“, erzählt Weiss. Dazu bräuchte sie allerdings ein größeres Team – ein Wunsch, von dem sie weiß, dass er schwer zu finanzieren ist.

So freut sie sich auch über die kleinen Momente, etwa wenn sie für eine Familie das eine existierende Dokument finden konnte, und arbeitet sich ansonsten langsam Schritt für Schritt vor. Dazu gehört auch, sich um das Projekt EHRI zu kümmern, an dem das VWI teilnimmt. Dabei handelt es sich um die Errichtung eben einer European Holocaust Research Infrastructure. Hier wird Vernetzung europaweit gedacht.

Das vernetzte Denken in großen Zusammenhängen ist Weiss seit ihrer Studienzeit ein Anliegen. Ihr Geschichtsstudium begann sie eigentlich mit dem Wunsch, sich im Bereich der Holocaust-Forschung zu spezialisieren, nachdem sie in der Schule bereits eine vorwissenschaftliche Arbeit zur NS-Zeit geschrieben hatte. Doch 2001, als sie zu studieren begann, habe es außer Überblickslehrveranstaltungen dazu noch wenig gegeben. So ging sie in eine ganz andere Richtung, rückte das Thema Wissenschaftsgeschichte in den Vordergrund, widmete sich der Ägyptologie und schnupperte auch die Astronomie und Erdwissenschaften hinein. Ihre beruflichen Stationen führten sie schließlich im Rahmen von Projekten quer durch die historischen Epochen.

„Mir ist das Verständnis von größeren Zusammenhängen wichtig“, sagt sie dazu. Es geht auch immer darum, eine Entwicklung zu sehen und nicht nur zu wissen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert ist. Das Studium der Hieroglyphen haben sie zudem Durchhaltevermögen und sich durchzubeißen gelehrt – beides Eigenschaften, die eine Archivarin brauchen kann, um die Mühen des Alltags gut zu meistern. Archivarbeit ist angesichts der großen Zahl der Dokumente, die einer fachgerechten Lagerung und Erschließung harren, niemals Sprint, sondern immer Marathon. Hier ist also Ausdauer gefragt. Und davon scheint Weiss jede Menge mitzubringen.

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