Von der Hitlerei beschädigt

Eine Kindheit in ständiger Todesangst. Von seinen Jahren auf der Flucht und in Verstecken erzählt Georges-Arthur Goldschmidt im wieder aufgelegten Band Der unterbrochene Wald.

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Beim Spaziergang an der Hand des Vaters durch den deutschen Wald stößt der Bub auf den moosbewachsenen Gedenkstein für einen an dieser Stelle ermordeten jüdischen Hausierer, und „so als sei seine Angst im Moment seines Todes derart stark gewesen, daß sie sich, Jahrhunderte später, eingrub in den Kopf des anderen“, sieht er ihn immer wieder vor sich.

Bilder der Angst, der Todesangst, werden das Kind begleiten auf seinen Fluchten. Im Wald wird es sich Gruben graben, sich im Stall bei französischen Bauern vor den deutschen Soldaten verstecken, deren Sprache es doch so gut versteht. Vor der Peitsche der Internatsleiterin wird der Junge zittern und die Züchtigung gleichzeitig herbeisehnen.

Ausgestoßen. Bereits 1938 erkennen die aus einer jüdischen Familie stammenden, aber längst protestantisch getauften Eltern Goldschmidt die herannahende Gefahr und senden ihre beiden Söhne, den zehnjährigen Jürgen-Arthur und den vier Jahre älteren Erich, weg aus dem Kindheitsparadies in einer großen weißen Villa bei Hamburg nach Italien in Sicherheit.

Als der nunmehrige Georges-Arthur 1949 sein Geburtshaus wieder besucht, stellt er fest: „Die Möbel waren geblieben, und er, er hatte wegmüssen.“

Dazwischen liegen die von Furcht, Angst, Scham und Schuldgefühlen geprägten Jahre, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen werden. In mehreren autobiografischen Büchern hat der in Frankreich lebende Schriftsteller und Essayist Georges-Arthur Goldschmidt davon erzählt. So auch in der 1991 auf Französisch verfassten Erzählung Der unterbrochene Wald. Sein Freund Peter Handke, dessen Bücher Goldschmidt wiederum ins Französische übersetzte, hat sie kongenial und einfühlsam in ein poetisches Deutsch übertragen. Damals im Schweizer Amman Verlag erschienen, war der Band lange vergriffen und ist jetzt mit einem luziden deutschsprachigen Nachwort des heute 94-jährigen Autors im Wallstein Verlag neu zugänglich. „Die ganze Natur, alles, Wiesen und Wälder waren von der Hitlerei ausgesogen, herabgesetzt, vermindert, vergällt, beschädigt, verdorben, bis in die Ewigkeit hinein“, heißt es da über die mit „Leib und Seele“ geliebte Landschaft SchleswigHolsteins, aus der er als „Nicht-Arier“ verstoßen worden war.

„Die Möbel waren geblieben,
und er,

er hatte wegmüssen.“

Erst mit über 50 konnte Goldschmidt ein Buch in seiner Muttersprache schreiben, Die Absonderung, in dem er ebenso die traumatisierenden Erfahrungen aus der Zeit des Holocaust thematisiert.

Perverse Rituale. Weite Landschaften, Züge, Gleise, Schienen, ferne Horizonte bilden die fast idyllisch imaginierte Kulisse für das Schreckliche, das aber dennoch vor dem noch Schrecklicheren bewahrt. „Alles war gut, wenn es um das Überleben ging.“

Quälend auch für den Lesenden die perversen Rituale der Züchtigungen, der ständigen Bestrafungen im französischen Internat, dem der dort gleichsam als versklavter „Domestik“ Dienende seine Rettung verdankt. Andeutungen von Missbrauch, dunkle Verrätselungen wechseln mit peniblen Schilderungen, präzisen Selbstbeobachtungen, detaillierten Erinnerungen an Demütigungen und teils masochistische Angstlust.

Herzzerreißend die Einsamkeit, als der Junge nach dem Krieg Fotos aus den KZs sieht und vom Tod seiner Mutter erfährt, die Scham, wenn er, „eingeschlossen in der Toilette, sich das Gesicht streichelte, um zu erfahren, wie es war, gestreichelt zu werden“.

Der Vater überlebt Theresienstadt, stirbt aber 1947, ohne seinen Sohn wiedergesehen zu haben. Kein Wort, nirgends, über den älteren Bruder Erich, mit dem er als Kind das Elternhaus verlassen, das Schicksal geteilt hatte. Eine Leerstelle, auf die Goldschmidt erst Jahrzehnte später sein Verleger aufmerksam gemacht haben soll, woraufhin vor einem Jahr Der versperrte Weg, der „Roman des Bruders“ im Wallstein Verlag erschien, dem wir nun auch die Wiederentdeckung des zeitlos gültigen Dokuments einer beschädigten Kindheit verdanken.

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