Die Stadtneurotikerin

Das Werk der Schriftstellerin Fran Lebowitz liegt mehr als 40 Jahre zurück. Und dennoch ist sie eine populäre öffentliche Figur, tritt als Rednerin auf Bühnen auf und erinnert an die besten Zeiten der New Yorker Jewish Stand-up Comedians.

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Fran Lebowitz als Ikone ihrer selbst: biografische Serien-Hommage von Wegbegleiter Martin Scorsese, Pretend it’s a City (2021) (u.). Und Wiener Live-Auftritt inklusive Signierstunde in der Urania im April dieses Jahres. © Carsten Koall/dpa; Netflix / Courtesy Everett Collection

Mit grimmiger Entschlossenheit stapft sie durch ihre Stadt. Zu erkennen ist sie leicht: Unter einer in der Mitte gescheitelten dunklen Mähne trägt sie einen langen blauen Wollmantel, Levis Jeans und blitzblank polierte Cowboy Boots. Ja, und in der Brusttasche des Mantels steckt stets ein Paar gelber Lederhandschuhe.

Fran Lebowitz ist eine New Yorker Kultmarke, und der große amerikanische Regisseur Martin Scorsese hat sie noch zusätzlich internationalisiert. Mit seiner Netflix-Serie Pretend It’s a City (2021) hat er zu einer Neuauflage ihres schmalen Werks beigetragen, deutsche Übersetzungen folgten im Vorjahr und heuer ganzseitige Interviews in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen Süddeutsche und Die Zeit. Europäische Magazine waren da schneller gewesen, etwa Elle oder Harper’s Bazaar (UK).

Wer ist diese Frau, die vor der Kamera Scorseses loslegt, als gäbe es kein Halten?Sie hat zu allem eine Meinung, oft auch wirklich originell, doch wer ihre gesammelten Essays und Zeitschriftenkolumnen aus der Wende der 1970er zu den 1980er-Jahren kennt, wird doch den einen oder anderen älteren Gag wiederfinden. Warum darauf verzichten, wenn die Pointe sitzt?

© Carsten Koall/dpa; Netflix / Courtesy Everett Collection

Lebowitz hat als junge Autorin – ihre Beiträge erschienen etwa in Andy Warhols Interview oder in der US-Ausgabe der Mademoiselle – selbstironisch über sich erzählt, aber vor allem über das, was sie als Neo-New-Yorkerin so erlebte, vom aufgeblasenen Kunstbetrieb über die geldgierigen Vermieter, von der peinlichen Bekennerliteratur bis zur Szenegastronomie und übertriebenen Kinderliebe. Vieles davon ist genau beobachtet und ätzend beschrieben und hat auch heute nichts von seiner Schärfe und Analysekraft verloren. Einige Beispiele gefällig?

Kunst: Einen Galeriebesuch in Soho beschreibt sie etwa folgendermaßen: „Ein Mädchen, das vermutlich ein vollkommener Zuwachs für den Lehrkörper jedes fortschrittlichen Kindergartens gewesen wäre, hatte es sich stattdessen zur Aufgabe gemacht, aus Ton täuschend echte Nachbildungen von Ledersachen wie Schuhen, Stiefeln, Koffern und Gürteln zu verfertigen.“ Eine Zeitreise zu Erwin Wurms Gurkerln bietet sich übergangslos an.

Wohnen: Ihre wiederkehrenden Odysseen bei der Wohnungssuche sind teils schreiend komisch, oft auch voller bitterer Resignation. „Heute Morgen die oberste Etage eines Hauses besichtigt, das ich privat Onkel Toms Brownstone getauft habe. Das eine Ende des Fußbodens senkte sich immerhin so weit, dass ich in der Lage war, mich aufzurichten und zu fragen, warum der Kühlschrank im Wohnzimmer stehe.“ Die Antwort der Maklerin, weil er nicht in die Küche passe. Darauf der Schluss von Leibowitz: „Diese Küche passt in den Kühlschrank. Wollen sie es nicht so herum probieren?“

Essen: „Nichts gegen Wasserkresse in einem Salat oder auf einem Sandwich, aber als Garnierung neben einem Hamburger stört sie doch sehr.“ Oder: „Brauner Reis ist klumpig, zäh und hat einen unangenehm religiösen Beigeschmack.“

Literatur: „Nur weil man in der High School keine Freunde hatte, ist das noch kein Grund, ein Buch zu schreiben.“ Und: „Einen flüchtigen Gedanken festzuhalten, ist unmenschlich.“

Kinder: „Kinder sind üblicherweise nicht sehr groß und deshalb sehr nützlich, um an schwer erreichbare Stellen zu gelangen.“ Oder: „Sogar frisch gewaschen und auch ohne Süßigkeiten sind Kinder irgendwie klebrig. Die einzig mögliche Erklärung: Sie rauchen nicht genug.“

Mädchen vom Land: Von Scorsese gefragt, warum sie eigentlich nach New York gekommen sei, antwortete Lebowitz sinngemäß, weil es hier eben nicht so sei wie dort, wo man herkomme, und weil man sein könne, wer man sein wolle, in ihrem Fall etwa lesbisch.

Großstadt-Appartement statt Mädchenheim. Fren Lebowitz, geboren 1950, stammt aus Morristown, New Jersey. Ihr Vater besaß ein Möbelgeschäft und eine dazu gehörige Werkstätte für Polstermöbel. Die Familie war jüdisch, aber nicht religiös. Das schwierige Mädchen, das sich sehr früh in Büchern vergrub, aber schlechte Leistungen in der Schule zeigte, steckten die Eltern erst in eine Privatschule, später wurde sie zu einer Tante verschickt. Mit 19 übersiedelte sie dann nach New York, wo sie sich schnell ein eigenes kleines Appartement suchte, anders als sie ihrem Vater versprochen hatte. Dieser wollte sie in einem Mädchenheim unterbringen.

„Sogar frisch gewaschen und auch ohne Süßigkeiten
sind Kinder irgendwie
klebrig.
Die einzig mögliche
Erklärung: Sie rauchen nicht genug.“

Fran Lebowitz

Für ihren Lebensunterhalt fuhr sie Taxi, putzte Wohnungen oder schrieb pornografische Texte. Einen ersten Fuß in den Journalismus setzte sie beim Magazin Changes, das die vierte Frau des Jazzmusikers Charles Mingus herausgab. Es begann mit Anzeigenverkauf und kleinen Buchund Filmkritiken. Von dort ging es dann schnell aufwärts, zum Interview mit Warhol und zu Mademoiselle. Die freche junge Frau überzeugte mit ihrer schnoddrigen, intelligenten Schreibweise, sie bewegte sich in den interessantesten Kunstund Literaturkreisen New Yorks, zu ihren Freunden zählten etwa neben Warhol der Fotograf Robert Mapplethorpe, später die Schriftstellerin Toni Morrisson.

Pretend It’s a City. Serie von Martin Scorsese, Netflix, 2021.

Ihr erstes Buch Metropolitan Life erschien 1978, 1981 das zweite, Social Studies. Beide waren Sammlungen kurzer Zeitschriftentexte, kombiniert erschienen sie als Fran Lebowitz Reader (deutsch New York und der Rest der Welt). Darüber hinaus schrieb sie ein entzückendes Kinderbuch über Pandas, die in New York nicht glücklich sind und sich deshalb nach Paris sehnen. Und dann … nichts mehr.

Angeblich hatte Lebowitz schon 1983 einen Abgabetermin für einen Roman, ein zweiter war parallel dazu in Arbeit, aber die Schreibblockade siegte. Bis heute. Ihr Leben verdient sie sich mit öffentlichen Auftritten à la Comedian, teilweise redet sie und bringt Beispiele aus ihren Büchern, teils antwortet sie spontan auf Fragen aus dem Publikum. Scorsese hat diese Veranstaltungen auch mitgefilmt, sie zeugen von schneller Auffassungsgabe und scharfem Geist.

Fran Lebowitz: New York und der Rest der Welt. Rowohlt 2022, 352 S., € 22,95

In ihren kurzen literarischen Essays analysiert sie nicht nur Alltägliches des New Yorker Stadtlebens oder der Kunstszene, sie führt auch eine spitze Feder gegen die gewaltigen sozialen Unterschiede. Aber das gerät ihr nicht plump, im Gegenteil. Lebowitz kennt auch die Welt der Millionen-Dollar-Appartements und Privatjets, und sie gibt etwa in einem Text Millionärinnen, die nach unten heiraten wollen, Ratschläge, wo sie ärmere Kandidaten unter der Wolkendecke ihrer Wohntürme finden könnten: Dafür bieten sich mehrere den Reichen fremde Biotope an, so Lebowitz, etwa die öffentlichen Verkehrsmittel oder Supermärkt. „Die ärmere Person verrichtet die meisten persönlichen Dienstleistungen für sich selbst.“ Auch Arbeitsstätten könnten zielführend sein: Läden, Büros, Restaurants, Flughäfen, Taxis.

Um sich Menschen aus niedrigeren Gesellschaftsschichten anzunähern, empfiehlt Lebowitz teure Geschenke: „ein Haus; einen Farbfernseher; einen Esszimmertisch. Irgendetwas Nettes. Die ärmere Person liebt solche Dinge ausnahmslos.“ Daraus könne sich dann eine Beziehung ergeben. Was man keinesfalls ärmeren Personen sagen sollte, zählt Lebowitz ebenfalls auf: „Der blaue Daimler, der die Einfahrt blockiert, ist das Ihrer?“ Oder: „Glauben Sie das nicht mal für eine Sekunde – diese Kellner machen ein Heidengeld.“

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