„Eine Art Türöffner in die Gesellschaft“

In einem Porträt deckt Zeithistoriker Oliver Rathkolb brisante neue Aspekte der Person Schirach und seiner Tätigkeit in Wien auf.

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Oliver Rathkolb, geb. 1955 in Wien, ist seit 2016 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien. Davor war er u. a. Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit, 2003 Gastprofessor am Department of History der Universität Chicago und Schumpeter-Forschungsprofessur am Center for European Studies der Harvard University sowie von 1992 bis 2004 Wissenschaftskoordinator des Bruno-Kreisky-Forums für internationalen Dialog und Co-Direktor der Stiftung Bruno-Kreisky-Archiv in Wien. Seine Forschungs- und Publikationsschwerpunkte sind österreichischen Republikgeschichte im europäischen Kontext sowie internationale Beziehungen, NS-Perzeptionsgeschichte, Kultur- und Mediengeschichte, Wirtschaftsgeschichte (Industrie- und Bankenbereich), Nationalsozialismus und Rechtsgeschichte. © Juerg Christandl/KURIER/picturedesk.com

Wina: Ihr jüngstes Buch heißt Schirach – Eine Generation zwischen Goethe und Hitler und porträtiert Reichsjugendführer Baldur von Schirach, den NS-Gauleiter und Reichsstatthalter von Wien von 1940 bis 1945. In dieser Position war er für die Deportation von 60.000 Juden verantwortlich. Am 14. September 1942 erklärte er dazu: „Wenn man mir den Vorwurf machen wollte, daß ich aus dieser Stadt Aberzehntausende ins östliche Ghetto abgeschoben habe, muß ich antworten: Ich sehe darin einen aktiven Beitrag zur europäischen Kultur.“ Warum ein Buch über Schirach und warum jetzt?
Oliver Rathkolb: Obwohl Baldur von Schirach als Reichsjugendführer einen ganz entscheidenden Beitrag zur nicht nur emotionalen, sondern auch engen politischen Bindung vieler Mitglieder der Hitlerjugend und des Bund Deutscher Mädel an Adolf Hitler selbst geleistet hat, stammt die letzte biografische Studie von Michael Wortmann aus dem Jahr 1982. In Österreich selbst hat sich viele Jahrzehnte eine fast verklärte Geschichte der Kulturpolitik des nunmehrigen Gauleiters und Reichsstatthalters von Wien erhalten. So ist es wohl kein Zufall, dass ihm eine Delegation von bis heute unbekannt gebliebenen ehemaligen Mitgliedern der Wiener Philharmoniker nach seiner Haftentlassung aus Spandau nochmals den 1945 beschlagnahmten Ehrenring des Orchesters im Geheimen verliehen hat. Ein weiterer wichtiger, völlig vernachlässigter Bereich betrifft seine Rolle in zahlreichen, gemeinsam mit seinem Schwiegervater Heinrich Hoffmann als Fotografen herausgegebenen Broschüren über Adolf Hitler, die das brutale Machtmonster Hitler auch für viele Elitenangehörige und wichtige Stützen aus der Mittelschicht „hoffähig“ gemacht haben. Schirach war eine Art Türöffner in die bürgerliche, häufig antidemokratische und autoritär strukturierte Gesellschaft in der Weimarer Republik.

Schirach verbrachte seine Jugend in Weimar, wo sein Vater Theaterintendant war, er kam aus einer kaisertreuen, konservativen Familie. Als fanatischer Antisemit war er Hitler hörig und trieb tausende Jugendliche in den sicheren Tod –nachdem der Krieg schon verloren war. Sie bezeichnen Schirach mit einem modernen, aber nicht unbedingt negativen Anglizismus, nämlich als „Influencer“?
In seinen zahlreichen Gedichten, Artikeln, Veranstaltungen sowie Büchern hat Schirach immer wieder die deutschen und auch viele österreichische Kinder und Jugendliche aufgerufen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Zielen zu dienen und auch am Schlachtfeld – wie ihre Väter und Großväter – die Niederlage von 1918 vergessen zu machen. Es ist kein Zufall, dass unter HJ-Funktionären 1939 beim Aggressionskrieg gegen Polen die höchsten Gefallenenraten zu verzeichnen war. Auch 1945 finden wir im ganzen Deutschen Reich immer wieder fanatische Angehörige der HJ, die trotz ihres jugendlichen Alters noch in den letzten Kriegswochen in brutale Kriegsverbrechen und Mordaktionen aktiv involviert waren.

»NS-Gauleiter Baldur von Schirach förderte
die ‚Wiener Kultur‘ und damit das
Überlegenheitsgefühl der Ostmärker.«

Oliver Rathkolb

Ihre provokanteste und gewagteste These in dem Buch lautet, Schirach habe das eigenständige kulturelle Ego der Österreicher bewusst und sehr geschickt aufgebaut – und das trotz deutscher Vorherrschaft. Sie sehen nicht nur operettenhaften Elemente seiner Wiener Statthalterschaft, sondern auch die Instrumentalisierung einer „alt-österreichischen Hochkultur-Offensive“. Das habe maßgeblich dazu beigetragen, eine selbstkritische Aufbereitung der österreichischen Verantwortung am Faschismus, am Nationalsozialismus sowie am Holocaust zu unterbinden. Wie begründen Sie das?
Wenn wir uns nach 1945 die zentralen Eckpfeiler des österreichischen Musik- und Sprechtheaters, aber auch der Literatur ansehen, wird deutlich, wie Schirach und sein Generalkulturreferent Walter Thomas aus Bochum die traditionellen Kulturinstitutionen wie Burgtheater und Staatsoper, aber auch den Ausstellungsbetrieb großzügigst gefördert und entwickelt haben. Zwar ist diese politische Linie damals als „Wiener Kultur“ verkauft worden, aber letztlich ist es mit Ausnahme weniger Künstlerinnen und Künstler jüdischer Herkunft die Basis der doch sehr rückwärtsgewandten barocken bis konservativen Hochkulturszene in der Zweiten Republik. Bis 1945 fühlten sich die Wiener in kultureller Hinsicht ihren „altreichsdeutschen“ Mitgliedern der deutschen „Volksgemeinschaft“ überlegen. Nach 1945 gilt dieses Überlegenheitsgefühl der späteren BRD – die DDR spielte aus österreichischer Sicht eigentlich keine Rolle.

Oliver Rathkolb:
Schirach.
Eine Generation zwischen Goethe und Hitler.

Molden 2020,
352 S., € 32

Unter falschem Namen versteckte sich Schirach 1945 in Tirol, dann stellte er sich doch dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal. Der Todesstrafe entgeht er durch seine psychologisch geschickte Verteidigungsstrategie, in der er sich als „verführten Verführer“ darstellt und mit seiner amerikanischen Mutter prahlt. Auch seinen Antisemitismus führt er auf US-Einfluss zurück, und zwar auf Henry Fords Bestseller Der internationale Jude (1920–1922). Er war 20 Jahre in Berlin-Spandau inhaftiert und starb 1974 friedlich in einem kleinen Hotel in Kröv an der Mosel, das ehemaligen Führerinnen des NS-Bundes Deutscher Mädchen (BDM) gehörte. Wie konnte das passieren?
Nach intensivem Quellenstudium kann ich die These, dass Schirach eigentlich nichts aus seiner Geschichte gelernt hat, durchaus empirisch dokumentieren. Geschickt hat er sich 1946, auch als eine Folge fast täglicher Gespräche mit US-amerikanischen Gerichtspsychologen, als „Verführter“ Adolf Hitlers präsentiert und diesen auch in seinem Eröffnungsstatement beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess massiv attackiert. Aber schon ein Interview mit dem britischen Starjournalisten David Prost post Spandau zeigt, wie wenig er sich eigentlich von Nationalsozialismus und von der Person Adolf Hitler nach 20 Jahren Haft distanzieren konnte.

Schirach indoktrinierte, betrog und korrumpierte eine Generation von Jugendlichen. Welche Bedeutung sehen Sie für Ihr Buch heute? Senden Sie auch eine aktuelle Botschaft oder Warnung damit?
Es gibt das leider kaum gelesene Buch Prophets of the Deceit des Exilanten Leo Löwenthal. Darin versucht er anhand der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus nachzuweisen, wie durch einen Agitator und geschickte Propaganda selbst die US-amerikanische Gesellschaft in Richtung eines autoritär-diktatorischen Regimes umgepolt werden könnte. Wenn Sie das Buch heute lesen und den Zeitbezug wegstreichen, liest es sich wie eine Handlungsanleitung für Donald Trump und manche Rechtspopulisten in Europa. Noch in den frühen 1930er-Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass eine so hochindustrialisierte Gesellschaft mit einem so hohen Ausbildungsniveau innerhalb weniger Jahre in eine totalitäre Diktatur kippen konnte, die kompromisslos deutsche Jüdinnen und Juden und politische Gegner verfolgte, ausbeutete und dann im Zweiten Weltkrieg die brutale Vernichtung des europäischen Judentums fast gänzlich umsetzte. Wie ich vorher ausgeführt habe, spielt Baldur von Schirach als Reichsjugendführer und aufgrund seiner adeligen Herkunft eine wichtige Rolle, um Adolf Hitler – zuerst in einer Koalition mit dem katholischen Franz von Papen als Vizekanzler – rasch zur Macht zu verhelfen und selbst im Zweiten Weltkrieg loyal zu halten.

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