Eine „jiddische Neschume“ auf die Filmleinwand übertragen

Mit dem Film The Fabelmans hat Steven Spielberg, der erfolgreichste Regisseur Hollywoods, seiner eigenen Familiengeschichte ein großartiges Denkmal gesetzt.

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Gabriel LaBelle und Steven Spielberg bei der UK-Premiere des Films, und LaBelle als Spielbergs Alter Ego im Film. © Scott Garfitt / AP / picturedesk.com; amblin.com

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Selbst sehr erfolgreiche Männer tragen ihre „Mamme“ mit und in sich. Auch in unserem Fall geht es um die gegenseitige bedingungslose Liebe mit all den ihr innewohnenden Komponenten wie Erwartung, Enttäuschung, Schmerz, aber auch Vergebung.

Diese Hochschaubahn der Gefühle erlebte und erlitt der mit zahlreichen Oscars gekrönte und kommerziell erfolgreichste Regisseur der Filmgeschichte: Steven Spielberg. „Ich habe in den meisten meiner Filme kleine Anspielungen über mein Heranwachsen verpackt, aber diese wurden übersehen.“

Deshalb entschied sich der 76-Jährige, seine jugendlichen Traumata, aber auch den Beginn seiner Leidenschaft für das Filmen selbst zu erzählen. Das Ergebnis beweist, dass Spielberg das Richtige getan hat: The Fabelmans ist ein kluger, berührender und geistreicher Film geworden. Obwohl er sich bereits über 20 Jahre mit diesem Gedanken befasste, fing Spielberg erst während der Pandemie an, seine Gedanken zu ordnen, Erinnerungen aufzuschreiben, um dann gemeinsam mit Tony Kushner das Drehbuch zu schreiben. Wer schon immer mehr über Spielbergs Ideenreichtum wissen wollte, erhält nun die Antwort vom Meister persönlich: The Fabelmans ist ein wehmütiger und leidenschaftlicher Liebesbrief an das Kino und der mit Abstand intimste Film der Regielegende. 1946 wird Steven in Cincinnati als Enkel jüdischorthodoxer Einwanderer aus der Ukraine geboren. Er verbringt seine Kindheit und Jugend zunächst in der Kleinstadt Haddon Township im US-Bundesstaat New Jersey, später in Scottsdale, Arizona. Seine Mutter ist verhinderte Konzertpianistin, sein Vater Elektroingenieur am Beginn einer vielversprechenden Karriere. Mit dem Sechsjährigen gehen die Eltern erstmals ins Kino: Der John-Ford-Film Die größte Schau der Welt, in dem eine Eisenbahn mit einem Auto kollidiert, fasziniert den jungen Steven so sehr, dass er die Szene zu Hause immer wieder nachstellt und so seine teure Spielzeuglok zerstört. Seine Mutter Leah (im Film Mitzi) gibt ihm die Kamera seines Vaters Arnold (im Film Burt), um die Szene für immer festzuhalten. So entsteht seine Liebe zum Film, und zum Filmemachen. Während seine künstlerisch veranlagte Mutter sein Talent schätzt, fördert und mit der Feststellung „Filme sind Träume, die man nie mehr vergisst!“ bestärkt, sieht der Vater sein anfängliches Filmschaffen lediglich als Hobby.

„Ich habe in den meisten meiner Filme
kleine Anspielungen über mein
Heranwachsen verpackt,
aber diese wurden übersehen.“

 

Hier setzt Spielberg mit der autofiktionalen Familienchronik ein: Sein Alter Ego Samuel „Sammy“ Fabelman nimmt uns mit in eine typisch jüdische Familie im Amerika der 1950er-, 1960er-Jahre. Sein Alltag ist mit jiddischem Englisch der schnatternden und nörgelnden beiden Großmütter bevölkert. So stellt Sammy mürrisch fest, dass ihr Haus das einzige in der Nachbarschaft ist, das nicht mit Weihnachtslichtern dekoriert wurde. Aber erst am College in Kalifornien werden Sammy – wie auch Spielberg – und seine drei Geschwister mit Antisemitismus konfrontiert: „Wir werden von viel zu großen blonden Mitschülern gemobbt, geschlagen und diskriminiert“, merkt Schwester Reggie an. Durch diese Erfahrungen traumatisiert, greift Spielberg in seinem späteren Leben zur Kamera als Waffe gegen Antisemitismus, Diskriminierung und Gefühlskälte.

 

© Scott Garfitt / AP / picturedesk.com; amblin.com

Da Spielbergs 33. Film eine starke Empfehlung ist, soll hier nicht mehr verraten werden. Nur so viel: Falls sich jemand gefragt hat, warum liebevolle, aber – auch gedanklich – abwesende Mütter sowie Kinder aus zerrütteten Familien in Spielbergs Filmen eine zentrale Rolle einnehmen, wie etwa in E.T. oder A.I. Künstliche Intelligenz, dann wird er in Die Fabelmans eine Antwort finden. Denn Spielberg hat keine Furcht vor großen Gefühlen, die nur selten in Kitsch münden, und so gelingt es ihm eindrucksvoll, die Macht der Gefühle in Bilder zu übersetzen: Menschen werden mit einem Augenzwinkern betrachtet, im Schlechten das Gute gesehen, und stets helfen eine Portion Humor und schonungslose Selbstironie über die Härten des Lebens hinweg.

Spielberg färbt seine Geschichte durchaus nostalgisch ein, trotzdem idealisiert er rückwirkend nur wenig: Gerade als das Familienidyll erste Risse bekommt, ist spürbar, wie er den eigenen Schmerz zu greifen versucht. Auch wenn Spielberg sowohl seiner Mutter wie auch seinem Vater mit liebevollem Verständnis und der ihm eigenen humanistischen Wärme begegnet, verleugnet er die Widersprüchlichkeiten in seinem Verhältnis zu ihnen nicht. Er betrachte den Film als Versuch, seine Eltern wieder zum Leben zu erwecken, so hat es Spielberg einmal selbst formuliert. Dieses Vorhaben schaffte er erst nach dem Tod seiner Mutter Leah Spielberg-Adler (geb. Posner) 2017 und seines Vaters Arnold im Jahr 2020.


„MAN KANN HISTORISCHE WUNDEN NUR HEILEN, WENN MAN SICH ERINNERT.“

Im Alter von 27 Jahren begeisterte Spielberg mit seinem ersten als Kinofilm produzierten The Sugarland Express die internationalen Kritiker. Im selben Jahr, 1974, folgten die nervenaufreibenden Dreharbeiten für seinen zweiten Kinofilm, der ihm den großen Durchbruch bringt: Der weiße Hai lief am 20. Juni 1975 in den amerikanischen Kinos an und gilt seither als erster Blockbuster der Filmgeschichte.

Für Spielberg folgten Dutzende weltweit erfolgreiche Kinohits. Mit dem Drama Schindlers Liste (1993; mit Liam Neeson, Ben Kingsley und Ralph Fiennes) über den deutschen Unternehmer Oscar Schindler, der etwa 1.200 Juden das Leben rettete, erhielt Steven Spielberg die verdiente Anerkennung: Der Film gewann sieben Oscars, unter anderem als „Bester Film“ und für die „Beste Regie“. Dasselbe Kunststück gelang Spielberg mit Der Soldat James Ryan (1998; mit Tom Hanks und Matt Damon) noch einmal. Der Antikriegsfilm rund um den D-Day im Zweiten Weltkrieg wurde für elf Oscars nominiert und bekam fünf der begehrten Goldstatuen, darunter „Bester Film“ und „Beste Regie“.

Schindlers Liste bezeichnet der Regisseur auch heute noch als seinen wichtigsten Film: „Ich habe ihn für die Opfer der Shoah gedreht, denn ich brauchte die Unterstützung und ‚Erbauung‘ von Juden, die den Krieg überlebt haben“, so Spielberg in einem Interview mit Jonathan Dean in der Sunday Times. Er fürchtete 1993 auch, dass manche die Geschichte für nicht wahr halten würden, weil „damals Holocaust-Leugner auf dem Vormarsch waren. Ich hatte noch nie einen Film mit einer so direkten Botschaft gemacht, von der ich überzeugt war, dass die Welt sie dringend hören muss“, so Spielberg weiter, und mit einem aktuellen Befund: „Heute ist diese Botschaft noch wichtiger als 1993, denn der Antisemitismus ist heute viel schlimmer als damals.“

Trotz siebenfacher Oscar-Nominierung wurde es 2023 nichts mit einer goldenen Statue, dennoch gab es weltweit renommierte Preise aus der Filmbranche. Bei der Berlinale 2023 erhielt Steven Spielberg den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk, und das Publikum feierte den sichtlich gerührten Filmemacher mit minutenlangen Ovationen. „Ich bin überwältigt, weil ich allein nichts vollbracht habe. Alle meine Filme habe ich in Zusammenarbeit mit großartigen Menschen gedreht. Mein ganzes Leben, meine Familie – alles ist Zusammenarbeit“, so der vielfach Geehrte, der auch großen deutschen Regisseuren dankte, weil er stark von ihnen inspiriert worden sei.

Als jüdischer Filmregisseur sei diese Ehrung besonders bedeutsam, weil er dazu aufrufen möchte, weiter gegen Antisemitismus zu kämpfen. Es erfordere riesige Anstrengungen, die Wunden zu heilen. Der Regisseur erinnerte an den Satz, das Gegenteil von Gerechtigkeit sei nicht Ungerechtigkeit, sondern das Vergessen. „Man kann historische Wunden nur heilen, wenn man sich erinnert.“ Deshalb habe er die Shoah Foundation gegründet, um weltweit Zeitzeugendokumente über die Gräuel des Genozids zu sammeln. Inzwischen steht ein riesiges Archiv zur Verfügung. „Deutschland hat viel getan, um Fremdenhass, Antisemitismus und den Holocaust aufzuarbeiten“, so Spielberg: „Daher könnten viele Länder von der Entschlossenheit Deutschlands lernen, damit so etwas nie wieder vorkommt.“ Gleichzeitig warnt er vor dem bequemen Vergessen: „Kein Land sollte sich selbstgerecht zurücklehnen.“

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