Eine kräftige Stimme für das Wiesenthal Institut

Jochen Böhler ist seit diesem Herbst der neue Direktor des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI). Der Historiker hat sich bisher mit verschiedensten Facetten der NS-Zeit und insgesamt mit Aspekten von Krieg und Besatzung auseinandergesetzt. Er soll und möchte die Arbeit des VWI nun vor allem stärker in die interessierte Öffentlichkeit tragen. Ein Porträt.

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Jochen Böhler: eine kräftige und hörbare neue Stimme im Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. © Daniel Shaked

Das Arbeitszimmer am Rabensteig strahlt minimalistischen Chic aus. Jochen Böhler hat sich hier eine Art zweites Wohnzimmer gestaltet. Der Schreibtisch ist nicht verschämt an eine Wand gerückt, sondern befindet sich in der Mitte des Raumes. Der Blick fällt auf eine Bücherwand aus einfachen Metallregalen, die so auch im Archivteil des Gebäudes stehen könnten. Das Sideboard beherbergt einen Plattenspieler samt dazugehöriger Musiksammlung und das gegenüberliegende Sofa lädt zum Nachdenken ein. Ja, Jochen Böhler, 1969 im Badischen geboren und in Trier aufgewachsen, ist in Wien angekommen. Und er hat sich viel vorgenommen.

Wien ist nicht die erste berufliche Station des Wissenschafters außerhalb seiner Heimat Deutschland. Zehn Jahre war er ab 2000 am Deutschen Historischen Institut Warschau tätig, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter die dortige Forschungsabteilung „Krieg und Fremdherrschaft im Zeitalter der Extreme“ aufbaute. Nach Polen hatte es ihn zunächst für die Arbeit an seiner Dissertation zum Thema „Wehrmachtsverbrechen an Polen und Juden in Polen 1939“ gezogen.

Bei Wehrmachtsverbrechen denken viele als erstes an die Kriegsjahre ab 1941. Doch Böhler schloss mit seiner Arbeit hier eine Forschungslücke – jedenfalls im Westen. „Da wurde lange das, was von polnischer und jüdischer Perspektive dazu bekannt war, nicht rezipiert“, erzählt Böhler im WINA-Interview. Warum? Weil Quellen, die es dazu gibt, nicht in deutscher oder englischer Sprache vorlagen. Böhler hat für seine diesbezügliche Forschung daher Polnisch erlernt. „Das ist heute Standard, wenn man seriös arbeiten möchte.“

Was Böhler in seiner Dissertation aufzeigte: Nicht nur die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei begangen 1939 Morde an der – jüdischen und nichtjüdischen – Bevölkerung in Polen. Über 10.000 Zivilisten wurden von Wehrmachtstruppen umgebracht. „Zum Zeitpunkt des Einmarsches in Polen waren die Soldaten, viele von ihnen unerfahren, bereits scharf gemacht worden: Man hatte ihnen gesagt, dass die Bevölkerung in Polen minderwertig, aber auch hinterhältig und gefährlich ist. Das führte dann zu einer Partisanenpsychose, wie es sie zuvor bereits gegeben hatte, als deutsche und österreichische Truppen 1914 in Belgien einmarschiert sind.“

Deutschland habe das dann versucht, als Geiselerschießungen hinzustellen, erzählt Böhler. Das sei aber „ein nachträgliches Schönwaschen“ gewesen. „Die Truppen sind außer Rand und Band geraten. Sie sind einfach in Häuser gegangen, haben die Leute herausgezogen und auf offener Straße erschossen.“ Die Opfer seien in erster Linie Männer gewesen, „aber dort, wo Handgranaten in Keller geworfen wurden, traf es zum Beispiel auch Frauen und Kinder.“

Das, was Böhler hier aus dem Jahr 1939 erzählt, erinnert an aktuelle Kriegsverbrechen durch russische Truppen in der Ukraine. In jenen Gebieten, welche von ukrainischen Soldaten wieder zurückerobert werden konnten, gibt es ähnliche Berichte – von gefolterter und einfach erschossener Zivilbevölkerung. „Für mich war der 23. Februar 2022 ein furchtbarer Tag“, erinnert sich der neue VWI-Direktor an den Beginn des Angriffskrieges Russland gegen die Ukraine zu Beginn des vergangenen Jahres.

„Da ist ein Dammbruch passiert, und das Frustrierende ist, dass wir das schon, als Russland sich die Krim einverleibte, hätten kommen sehen müssen. Aber irgendwie haben wir versucht, das naiv wegzudrücken. Das war ein Fehler.“ Böhlers Fazit daraus: „Wir haben immer so getan, als müssten wir nur in den Rückspiegel gucken. Jetzt müssen wir auch durch die Windschutzscheibe gucken, damit sich das, was da nun seitens Russlands passiert, nicht auch anderswo wie ein Krebsgeschwür noch weiter fort- und fortfrisst.“

Internationale Forschungserfahrung. Zur Vergangenheit und insbesondere zur Shoah hat Böhler über die Jahre an den verschiedensten Orten geforscht: Er war 2004 Fellow am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum in Washington und von 2007 bis 2008 Fellow am International Institute for Holocaust Research in Yad Vashem in Jerusalem. 2017 hatte er eine Gastprofessur an der Sorbonne in Paris inne. Von 2010 bis 2019 leitete er den Bereich Krieg, Gewalt und Besatzung am Imre Kertész Kolleg in Jena. Zuletzt vertrat er an der dortigen Universität die Professur für Osteuropäische Geschichte, wo er vor allem zu Nationalismus und Imperialismus lehrte.

 

„Das Frustrierende ist, dass wir das schon, als Russland sich die
Krim einverleibte, hätten kommen sehen müssen.“
Jochen Böhler

 

Hier möchte Böhler nun durchaus auch am VWI in Wien anknüpfen, wobei er sofort klarmacht: Es ist nicht seine Art, mit einem Programm im Gepäck anzukommen und dieses dann eins zu eins dem Bestehenden überzustülpen. „Ich schaue mir an, was hier passiert, komme nicht ohne Vision und durchaus mit Projekten im Kopf, aber nach und nach wird sich herauskristallisieren, welche davon ich dann versuchen werde, hier anzudocken.“

Wichtig ist ihm, das breite Spektrum des VWI beizubehalten. Das reiche einerseits von der Vorgeschichte der Shoah, von den autoritären Entwicklungen in Europa, bis zur Nachkriegsgeschichte. „Was ich hier vorhabe, ist, dass wir uns an der Ikone Wiesenthal messen lassen. Das heißt, mich interessiert eben die Vorgeschichte, insoweit sie in den Holocaust hineinragt, und da gehört für mich die Geschichte des Habsburger Judentums dazu, denn die Menschen, die in der Shoah ermordet wurden, hatten ja ein Leben davor. Man muss aber auch die Nachgeschichte in der Betrachtung mitdenken. Dazu gehört der Holocaust in der zweiten und dritten Generation ebenso wie die justizielle Aufarbeitung bis in die 1990er-Jahre hinein. Und ich möchte die Geschichte des Holocaust selbst wieder ein bisschen stärker mit hineinnehmen. Es soll also die Geschichte selbst und auch die Forschung zu Tätern und Täterinnen nicht total ins Hintertreffen geraten.“

Noch stärker ins Visier will er hier auch die Rolle einer weiteren Gruppe nehmen: der bisher in der Forschung als „Zuschauer“ oder „Bystander“ bezeichneten Bevölkerungsgruppe, also jener Menschen, die dem Agieren des NS-Unrechtsstaats vermeintlich nur zusahen. „Hier gibt es einen Nachholbedarf.“ Das Problem mit dem Begriff „Bystander“ sei, dass viele von den so genannten Zuschauern sich daran beteiligt hätten, Juden zu ermorden, aber auch Juden zu retten. Und das werde mit diesem Begriff eben nicht abgebildet.

Wobei Böhler auch anmerkt: Bezüglich der Täter und Täterinnen sei man in der wissenschaftlichen Aufarbeitung schon ziemlich weit. „Es ist eher so, dass das noch nicht in das öffentliche Bewusstsein gedrungen ist.“ Womit das angesprochen ist, was Böhler auf Wunsch des Vorstands des VWI vor allem vorantreiben soll: die Vermittlung von Forschungsergebnissen sowie die Vernetzung. Letztere funktioniert vor allem durch die Fellows, die am VWI in Wien forschen, schon gut. Doch wenn es um die Kommunikation dessen, was am VWI passiert, gibt es noch Luft nach oben. „Hier haben wir offensichtlich noch Nachholbedarf“, sagt Böhler. Der Historiker bringt hier nun seine kräftige Stimme – im wortwörtlichen und übertragenen Sinn – mit ein. Das VWI hat sich seit seiner Gründung 2009 einen festen Platz in der heimischen und internationalen Forschungslandschaft erarbeitet. Nun geht es darum, das auch einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.

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