„Frauenparadies“ entführt in die Welt vor 1938

Das Orchester „Divertimento Viennese“, unter der Leitung seines Gründers Vinzenz Praxmarer, und die Sopranistin Ethel Merhaut präsentieren im Wiener Konzerthaus ein Programm mit Schlagern und Chansons zumeist jüdischer Diven.

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Dirigent Vinzenz Praxmarer und Sängerin Ethel Merhaut präsentieren die großen Diven der Roaring Twenties. © Vinzenz Praxmarer, 2023

Die Idee zu diesem besonderen Programmschwerpunkt für das Konzert am 27. Februar 2023 entstand bereits während des ersten Lockdowns 2020“, erzählt der 44-jährige aus Linz gebürtige Dirigent Vinzenz Praxmarer. „Ich bin mit der Sängerin Ethel Merhaut und der Historikerin Marie-Theres Arnbom schon lange befreundet, und plötzlich waren wir alle in Schockstarre und überlegten, wie wir diese Periode für uns nutzen könnten“, so Praxmarer. „Wir hatten seit 2006 mit unserem professionellen Kammerorchester schon ein großes Repertoire der Musik der 1920er und 1930er Jahre aufgebaut. Marie-Theres Arnbom hatte in ihren zahlreichen Publikationen an einem ähnlichen Fokus gearbeitet – und so begannen wir, Nachlässe mit alten Noten aufzukaufen, und ergänzten diese mit unserem eigenen 20-jährigen Archiv.“

Da viele musikalische Schätze nicht mehr käuflich zu erwerben sind, suchte das Trio Merhaut, Arnbom und Praxmarer auf Flohmärkten und fand zahlreiche musikalische Perlen. Darunter befanden sich nicht nur jüdische Komponisten, sondern auch zahlreiche jüdische Interpretinnen. „Es war uns klar, dass wir nicht nur Musik präsentieren, sondern auch die Geschichte dieser sträflich vergessenen Menschen erzählen wollen. Mit dem Wissen von Arnbom über die damaligen Stars ist eine große und bunte Sammlung von tollen Stücken entstanden“, freut sich der künstlerische Leiter.

 

„Auch die Brüche im Leben dieser unersetzlichen jüdischen
Künstler und Interpretinnen spürbar machen“
Vinzenz Praxmarer

 

Die IKG.KULTUR ermöglicht dieses Konzert unter dem Titel Im Frauenparadies – Die großen Diven der Roaring Twenties, dessen Name aus einer Filmoperette von Robert Stolz stammt, die 1936 in Wien gedreht wurde, und die sich der Komponist vom Wiener Modehaus Im Frauenparadies entliehen hatte.

Vinzenz Praxmarer, der als Assistent von Franz Welser-Möst, Kirill Petrenko, Bertrand de Billy und anderen Stardirigenten arbeitete, leitete bereits große Produktionen am Theater an der Wien, bei den Salzburger Festspielen sowie in Lyon und in Amsterdam. Schon mit 19 Jahren, also 1998, gründet er das Wiener Kammerorchester Divertimento Viennese, dessen Repertoireschwerpunkt auf Werken jüdischer Komponisten liegt. Wieso dieser Schwerpunkt? „An der Musikhochschule lernen wir sehr viel, haben aber wenig praktische Erfahrung. Deshalb haben wir mit Kollegen in einem bescheidenen Rahmen zu konzipieren und musizieren begonnen. Zweitens wollten wir als Divertimento Viennese nicht nur auf Bekanntes zurückgreifen, weil sonst immer nur diverse Interpretationen verglichen werden“, argumentiert Praxmarer.

Daher stehen auch bei der Premiere dieses Programms, am Montag, dem 27. Februar 2023, bekannte und unbekannte Werke von Franz Lehár, Emmerich Kálmán, Fritz Kreisler, Paul Abraham, Kurt Weill, Robert Stolz, Abraham Ellstein u.a. auf dem Programm. Auch die Texte stammen von den Großen ihrer Zunft: Fritz Löhner-Beda, Ernst Marischka, Julius Brammer, Alfred Grünwald oder Robert Gilbert. In ihrer Entstehungszeit waren diese Musikstücke bestes Unterhaltungstheater zwischen Wien und Berlin, geprägt von zumeist jüdischen Diven. Diese sangen elegante Chansons, witzige Schlager und frivole Petitessen; sie spielten und tanzten von Walzer bis Shimmy in Operetten, auf Kabarettbühnen und im jungen Tonfilm. Das Programm will sie der Vergessenheit entreißen und ihnen neues Leben einhauchen, daher schlüpft Ethel Merhaut in die Rolle der Diven: Rita Georg und Betty Fischer, Rosy Barsony und Gitta Alpar, Martha Eggerth und Zarah Leander. Nach dem Auftakt in Wien sind weitere Aufführungen in Bad Ischl und in Linz geplant. Praxmarer: „Es wird aber kein nostalgisches Programm sein, sondern eine sprühende Musikproduktion, die auch die Brüche im Leben dieser unersetzlichen jüdischen Künstler und Interpretinnen spürbar macht.“

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