Einfach nur grantig

Rosch ha-Schana ist normalerweise geprägt vom Zusammentreffen mit vielen Menschen, die man vielleicht schon länger nicht gesehen hat, bei dem man sich über ein Pläuschchen sehr freut. Rosch ha-Schana ist für mich daher auch so ein bisschen ein Gute-Laune-Garant. Heuer war aber alles anders.

0
171

Wenn heuer das Gebet zu den Feiertagen abgehalten werden konnte, dann nur unter massiven Sicherheitsvorkehrungen: vorherige Anmeldung, Abstand, Maske, Verbleiben am zugewiesenen Platz. Das ist gut, damit weitere Infektionen hintangehalten werden können. Feierlaune kommt aber so ebenso wenig auf wie bei der Überlegung, wie viele Personen ich nun vernünftigerweise überhaupt nach Hause einladen kann. Angesichts der steigenden Infektionszahlen in der Woche vor Rosch ha-Schana und den merkwürdigen Ampelspielen der Regierung fiel dann die Entscheidung: lieber gar niemanden. Wie zu Pessach wurde das also ein Feiern in sehr kleinem Kreis. Immerhin gibt es Zoom, was für ein Segen.
Ich muss aber auch sagen, dass es so kommen musste, hatte auch mit der Unvernunft von vielen zu tun. Inzwischen ist seit Monaten bekannt, dass es dieses Virus gibt. Im Frühjahr hat uns die Pandemie überrascht – nun sollten wir bereits viel über den Umgang mit ihr gelernt haben. Dem ist aber nicht so.

Mit Abstand und Maske können auch Arbeitsplätze gerettet und Pleiten abgewendet werden.

Das Streben nach Normalität führte dazu, dass so mancher alle Vorsicht fallen ließ und feierte und lebte, als gäbe es keine Pandemie: große Geburtstagsfeste und Hochzeiten, nicht im Freien, sondern auch noch indoor veranstaltet. Viel zu kuscheliges Socializing auch unter Jugendlichen, die auf Party machten, und Kollegen und Kolleginnen am Arbeitsplatz, die nicht auf die gesellige gemeinsame Mittagspause verzichten wollten. Aber auch: mühsame Debatten über die Sinnhaftigkeit des Maskentragens und Hinwegsetzen über das Maskentraggebot in öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten.
Wir wollen leben!, so der Tenor. Ja, ich auch. Wer nicht. Aber ist es wirklich so schwer zu begreifen, dass jedem Einzelnen mehr Freiheiten möglich sind, wenn alle sich an Vorgaben halten wie Abstand zu halten, sich nur im Freien mit Freunden zu treffen oder Maske zu tragen, wo es vorgeschrieben ist?
Pikuach Nefesch, machten die Rabbiner im Frühjahr klar, bedeute, darauf zu achten, dass alle gesund bleiben. Da-rauf zu achten, dass ich mich so verhalte, dass nicht nur ich, sondern eben auch andere gesund bleiben. Unter diesem Aspekt werden andere Gebote außer Kraft gesetzt. Auch das Beten allein zu Hause ist da möglich – wenn nur alles getan wird, dass alle gesund bleiben. Im Frühjahr hat das sehr gut funktioniert.
Ist es wirklich so schwer, diesen Ansatz nicht nur ein paar Wochen umzusetzen, sondern zu verinnerlichen und zu leben, bis diese Pandemie vorbei ist? Eine Zoom-Geburtstagsfeier ist nicht berauschend. Aber sie zeigt doch, worum es geht: Da sind Menschen, die an mich denken, denen ich etwas bedeute. Man kann, statt ein großes Fest zu feiern, Freunde und Freundinnen auch einzeln oder in sehr kleinen Gruppen treffen, draußen, im eigenen Garten oder im Gastgarten eines Lokals, und mit Abstand anstoßen und plaudern. Selbst Hochzeiten lassen sich draußen und eben in kleinerem Rahmen halbwegs Corona-tauglich feiern – wenn man sich bemüht.
Niemand von uns hat die Garantie, dass das Leben so weitergeht, wie man es gewohnt war. Davon können Geflüchtete von heute, aber auch Geflüchtete von einst viel erzählen. Im Vergleich haben wir es heute mit geringen Eingriffen in unser Leben zu tun. Wir können per Telefon, Skype, Zoom weiter mit all unseren Lieben in Verbindung bleiben. Unsere Existenzen sind – auch dank des österreichischen Sozialstaats – gesichert. Niemand muss hungern. Ja, ich weiß, Arbeitslosigkeit trifft derzeit viele und für Selbstständige ist es hart, und einige plagen existenzielle Sorgen. Aber gerade auch deshalb wäre es wichtig, dieser Pandemie gemeinsam mit Vernunft zu begegnen. Mit Abstand und Maske können auch Arbeitsplätze gerettet und Pleiten abgewendet werden. Und es macht mich ziemlich grantig, dass so viele das einfach nicht verstehen wollen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here