Einstein in Jerusalem

„Es gibt einen Widerspruch, aber ich muss ihn nicht auflösen“, meint Roni Grosz, der das Albert- Einstein-Archiv in Jerusalem leitet. Grosz wurde in Wien geboren, als Sohn des langjährigen IKG-Präsidenten „Tuli“ Grosz.

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Roni Grosz hat als Leiter des Albert-Einstein-Archivs ein einzigartiges Amt inne. © Ben Segenreich

Um mit Roni Grosz über Albert Einstein zu reden, muss man sich Zeit nehmen, denn zum strahlendsten Wissenschaftsstar der Moderne fällt seinem Nachlassverwalter ständig mitten im Satz etwas ein, das zum Abschweifen verführt. Das Abschweifen ist auch jedes Mal berechtigt, weil es bei allem, was man über Einstein sagen kann, immer so viele ineinander verschlungene Aspekte gibt: wissenschaftliche, historische, jüdische, zionistische, philosophische, archivische, kommerzielle, biografische. Und außerdem will man ja auch noch über Grosz selbst reden, eine ungewöhnliche Figur in einem weltweit einzigartigen Amt. „Jeder hat so seine persönliche Einstein-Geschichte”, divergiert er gleich ins Anekdotische. Seine hat er als Kind öfter von seinem Vater Paul „Tuli” Grosz gehört, dem langjährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. „Man hat Einstein einmal gefragt, wie er auf die Relativitätstheorie gekommen ist. Und Einstein hat geantwortet: bei längerem Nachdenken.” Mit seinen nunmehr 55 Jahren erzählt Sohn Roni die Geschichte noch immer weiter, „auch wenn ich jetzt als Einstein-Experte sagen muss, dass ich darüber im Archiv keine Unterlage habe.”

© Ben Segenreich

„Einstein weiß, wovon er redet.“ Es gibt auch weit verbreitete Geschichten, die nicht nur zweifelhaft, sondern sicher falsch sind. Eine Besucherin aus Deutschland etwa war überzeugt davon, dass Einstein seine Frau geschlagen habe. Da ist Grosz kategorisch: „Er war kein guter Vater und kein treuer Ehemann, aber das hat er nicht getan.” Außerdem stößt Grosz immer noch auf Geschichten, die er bisher nicht gekannt hat. Die neueste handelt von der USA-Reise, die Einstein 1921 gemeinsam mit dem späteren israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann unternommen hat. Die beiden wollten Geld für die in Jerusalem zu gründende Universität sammeln. Auf der zweiwöchigen Überfahrt hat sich Weizmann, selbst ein eminenter Chemiker, von Einstein täglich die Relativitätstheorie erklären lassen. Nach der Ankunft wurde Weizmann gefragt, was er davon halte. Seine diplomatische Antwort: „Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Einstein weiß, wovon er redet.” Indirekt hat diese Geschichte mit der Erklärung dafür zu tun, wieso der Nachlass eines Geistesgiganten von globaler Bedeutung ausgerechnet im entlegenen und ein bisschen provinziellen Jerusalem gelandet ist. Durch den Ersten Weltkrieg hatte es viele ostjüdische Flüchtlinge nach Deutschland verschlagen, und dort verwehrte man ihnen den Zugang zu den Universitäten. Das motivierte deutsche Zionisten zu dem Plan, eine eigene jüdische Universität in Jerusalem zu bauen, und Einstein ließ sich willig als Zugpferd einspannen. „Er war eine Gründerfigur der Universität und ist mit ihr zeit seines Lebens verbunden geblieben”, sagt Grosz. „In jedem seiner Testamente, schon in den frühen aus den 1920er-Jahren, steht: Meine Schriften kommen an die Hebräische Universität.”

Das Albert-Einstein-Archiv gehört zur Universität, hat in ihr aber einen Sonderstatus, denn es ist nicht in den Lehrbetrieb integriert und steht allen Interessierten offen, nicht nur den Studenten. Und auf den ersten Blick nicht ganz in ein konventionelles Uni-Bild passt auch der Archivleiter Roni Grosz – mit seiner großen schwarzen Samtkippa, dem weißen Hemd und dem langen Bart unverkennbar ein „Charedi”, also ein besonders streng religiöser Jude. Als er sich 2004 als engerer Kandidat für den Job einem siebenköpfigen Professorenkomitee stellen musste, „da waren die sicher, dass ich mich in der Tür geirrt habe.” Aber Grosz brachte neun von den zehn Qualifikationen mit, die bei der Stellenausschreibung angeführt worden waren, darunter akademischer Grad, Ausbildung zum Archivar, deutsche Sprache, professionelle Informatikkenntnisse, Erfahrung in Personalführung und Bibliothekswesen (etwa als Leiter der Bibliothek des Wiener Jüdischen Museums). Bloß von Physik verstand er nichts. In seiner Geburtsstadt Wien hatte er, bevor er religiös wurde, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert und einen Doktortitel erworben.

»Ich habe es nicht verheimlicht,
aber es hat mich keiner gefragt –
in der charedischen Gesellschaft
wird man nicht über die Arbeit definiert.«
Roni Grosz

Nicht mit allem einverstanden. Die äußere Erscheinung ist im Arbeitsalltag dann „irrelevant geworden – die Kollegen verstehen, dass das keinen Einfluss hat.” Außerdem habe sich die Welt verändert, und es stimme nicht mehr, dass Charedim nicht arbeiten und von akademischer Ausbildung nichts halten würden. Aber wie lebt er selbst mit dem Widerspruch zwischen seinem Glauben und Erkenntnissen der Physik, um die sich doch seine Arbeit dreht, etwa über das Alter des Universums? „Es gibt einen Widerspruch, aber ich muss ihn nicht auflösen.” Zu einer interessanten Konfrontation ist es einmal bei einer Bloggerdebatte mit „scharf antireligiösen Teilnehmern” gekommen. Wie könne er als gläubiger Jude davon sprechen, dass ein Stern Millionen Lichtjahre entfernt ist, wurde er gefragt, dann wurde das Licht ja losgeschickt, bevor nach jüdischer Tradition die Welt erschaffen wurde? „Da muss man eine feine Klinge führen, aber ich habe mich wacker geschlagen.” Im Übrigen ist Grosz „ideologisch nicht mit allem einverstanden, was Einstein gesagt hat, zum Beispiel mit seinem Pazifismus – er war ziemlich links, was ich nicht bin. Ich glaube nicht, dass man ein uneingeschränkter Bewunderer Einsteins sein muss, um hier mit Begeisterung zu arbeiten.”

Es ist kein weites Reich, in dem der Archivar mit dem Wiener Zungenschlag in Jerusalem waltet. Das Albert-Einstein-Archiv umfasst außer einem Büro noch zwei Räume. Den größeren, der auch für Präsentationen genützt wird, säumen hohe Regale mit Einsteins Privatbibliothek. Außerdem steht hier ein brusthohes dreibeiniges Gestell aus braunem Holz, genauso eines, wie es dem 25-jährigen Einstein auf dem legendären Foto aus dem Jahr 1904 im Berner Patentamt als Schreibpult dient. Das Foto muss gestellt sein, erläutert Grosz, denn das Ding war wohl eigentlich ein Geräteständer. Im kleineren Raum sind braune Kartons gelagert, die in den 1980er-Jahren angefertigte Fotokopien von Einstein-Dokumenten enthalten. Zudem purzeln dort alle möglichen karikaturalen Einstein-Puppen und -Skulpturen herum. „Damit machen wir viel Geld”, murmelt Grosz. Jeder, der irgendetwas mit Einstein-Bezug verwendet – seinen Namen, seine Schriften oder eine ihm ähnelnde Figur in einem Computerspiel oder Film –, muss nämlich dem Archiv für die Rechte bezahlen: „Einsteins Erben sind wir.”

Ein fleißiger Briefeschreiber. Viel Geld ausgeben muss das Archiv zuweilen für seine zentrale Aufgabe, das Sammeln von Originaldokumenten. Im Bestand von rund 80.000 Stücken befinden sich etwa Rechnungen, Entwürfe oder Vorträge, vor allem aber Korrespondenz. „Einstein war ein sehr fleißiger Briefeschreiber, manchmal waren es bis zu zehn pro Tag – besonders nachdem er berühmt war, bekam er eine Flut von Briefen, und er hat brav geantwortet, auch Kindern und Studenten.” Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass im Nachlass die eingehende Post gefunden wurde, während die von Einstein geschriebenen Briefe in der Welt verstreut waren und zum großen Teil noch sind. Wenn reiche Sammler lizitieren, kann das Archiv nicht mithalten: „In den 70er-Jahren hat ein Einstein-Brief noch 30 Dollar gekostet, jetzt fängt das bei 5.000 an und kann bis über eine Million gehen.” Ein Erfolgserlebnis der letzten Zeit hat mit einem amerikanischen Kantor zu tun. Leibl Glanz hat Platten mit jüdischen Gesängen und Gebeten produziert und Einstein ein Doppelalbum geschenkt, das im Archiv liegt. In Jerusalem wurde nun Einsteins „interessanter und bewegender Dankesbrief” an den Kantor angeboten, so Grosz, „und wir haben ihn relativ günstig für 7.000 Dollar bekommen.” Allerdings habe „der Besitz von Originalen für Institutionen viel an Bedeutung verloren, weil alle alles digitalisieren”. Die Zeiten, als Fachbesucher eigens angereist kamen, um ein Originalschriftstück vor sich liegen zu sehen, sind vorbei. Bei besonderen Gelegenheiten gibt es aber doch wieder Andrang, etwa im Februar 2016, als die erstmalige Beobachtung von Gravitationswellen eine Weltsensation war. Den 100 Jahre zuvor mit der Hand geschriebenen Artikel Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie, woraus Einstein dann die Existenz von Gravitationswellen hergeleitet hat, konnte Grosz im Original vor die Kameras halten.

Gut zehn Jahre lang hatten seine Nachbarn im streng religiösen Viertel Kiriat Zanz keine Ahnung davon, was Grosz beruflich macht: „Ich habe es nicht verheimlicht, aber es hat mich keiner gefragt – in der charedischen Gesellschaft wird man nicht über die Arbeit definiert.” Eines Tages brachte das religiöse Magazin Bakehila einen Artikel über ihn, und sein Foto war auf dem Titelblatt. Auf das plötzliche Coming-out gab es „nur positive Reaktionen”, versichert Grosz. „Man hat gesagt: Sehr gut, du widerlegst die Vorurteile, denn die Nichtreligiösen glauben ja, wir sind primitiv und arbeiten nicht.” Mit seiner aus Deutschland stammenden Frau, die er in Wien kennengelernt hat, hat er vier Töchter und drei Söhne, „in dieser Reihenfolge”. Nach Israel ist er im Jahr 2000 ausgewandert, „weil ich wollte, dass meine Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem das, was sie sind, normal ist”. Ein oder zwei Mal im Jahr fährt er nach Wien, um seine Mutter zu besuchen. In Wien sei es ihm gut gegangen, sagt Grosz, aber „ich bin heute sehr froh, in Israel zu leben, weil mir das die Möglichkeit gegeben hat, mit anderen Juden in Verbindung zu sein – und dass ich mit Menschen in Kontakt komme, mit denen ich sonst nicht in Kontakt gekommen wäre, ist der Mehrwert meiner Arbeit hier im Albert-Einstein-Archiv.” 

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