Es geht nicht nur um die Schüler

Mehr als ein Jahr nach der Verabschiedung der Nationalen Strategie gegen Antisemitismus durch die Regierung legte der OeAD, die Agentur für Bildung und Internationalisierung, diesen Herbst im Auftrag des Bildungsministeriums Empfehlungen zur Prävention von Antisemitismus im Bereich Bildung vor. Dabei zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, denn: Angesetzt wird dabei nicht nur bei Lehrplänen und Schulbüchern.

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Jana Roseneld, Stefan SchmidHeher, Romina Wiegemann:
Prävention von Antisemitismus durch Bildung.
Empfehlungen zur Umsetzung der Nationalen Strategie gegen Antisemitismus für die österreichische Bildungsverwaltung und Einrichtungen der Lehrpersonenbildung.
Downloadmöglichkeit auf oead.at: oead.at/fileadmin/Dokumente/oead.at/KIM/Downloadcenter/OeAD_E.AT_Strategiepapier_FIN_01.pdf

 

Am Anfang steht der Befund, der von Jana Rosenfeld, Stefan Schmid-Heher und Romina Wiegemann, die für das nun veröffentlichte Papier verantwortlich zeichnen, klar und nichts beschönigend formuliert wurde: „Im Bildungssystem stellt Antisemitismus ein Macht- und Gewaltverhältnis dar, das sich nicht nur unter Schülerinnen und Schülern artikuliert, sondern als gesamtgesellschaftliches Phänomen alle Akteursebenen miteinschließt. Antisemitische Gewalt zeigt sich nicht nur physisch, sondern auch in Form antisemitischer Äußerungen in Wort und Bild, im Gebrauch des Wortes ‚Jude‘ als Schimpfwort, in subtilen Andeutungen und Anspielungen, in denen Jüdinnen und Juden zu ‚Anderen‘ gemacht werden. Weiters in ‚Witzen‘ bis hin zu expliziter Hassrede. Im Klassenraum werden zudem jüdische Schülerinnen und Schüler bei der Vermittlung des Nationalsozialismus und der Shoah häufig nicht mitgedacht beziehungsweise jüdische Perspektiven nicht berücksichtigt. Zunehmend finden antisemitische Angriffe auch im digitalen Raum statt.“ Anders als bei Problemlagen im Klassenzimmer oft üblich, setzen die Empfehlungen, um hier präventiv zu wirken, allerdings nicht nur bei Schülerinnen und Schülern an. Ja, natürlich geht es auch um das Forcieren von Lehrinhalten und eine entsprechende Berücksichtigung des Themas in Unterrichtsmaterialien. Allerdings halten die Autoren eben auch fest: Antisemitismus sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und bewusste sowie unbewusste antisemitische Vorstellungen würden bis heute familiär und gesellschaftlich von Generation zu Generation weitergegeben. Zugleich würden der Nationalsozialismus und die Schoa sowie der ambivalente Umgang mit der Vergangenheit in die Gegenwart hereinwirken. „Die Auseinandersetzung mit aktuellem Antisemitismus steht deshalb insbesondere für die Mehrheitsgesellschaft in einem Kontext, der von unbehaglichen Emotionen beziehungsweise Affekten geprägt sein kann.“ Der daraus resultierende Reflex: den Vorwurf von Antisemitismus pauschal von sich zu weisen.

Die antisemitismuskritische Bildung stehe daher vor der pädagogischen Herausforderung, mit Jahrzehnte langen Formen der Abwehr, Tabuisierung und Distanzierung umzugehen. Und hier, meinen die Autoren, sei es „erforderlich, dass sich auch Lehrende als Lernende begreifen. Gerade in diesem Themenfeld kann nicht im Vorhinein davon ausgegangen werden, dass Pädagoginnen und Pädagogen mit einem hinreichend kritischen Bewusstsein für die Problematik ausgestattet sind“. Daraus ergibt sich: Auch Lehrende müssen sich hier nicht nur weiterbilden (und zwar Lehrende aller Fächer), sondern sich und den eigenen Umgang mit dem Thema auch selbst hinterfragen.

Bewusstseinsarbeit auf allen Ebenen. Die Autoren lassen aber auch noch an anderer Stelle des Papiers aufhorchen. Jüdinnen und Juden würden häufig ausschließlich mit der Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus und der Shoah sowie dem israelisch-palästinensischen Konflikt assoziiert. „Sie werden in erinnerungspolitischen, aber auch in gegenwartsbezogenen Fragen regelmäßig vereinnahmt und etwa als Repräsentant/innen eines ‚christlich-jüdischen Abendlandes‘ instrumentalisiert.“ Solche Funktionalisierungen könnten antisemitischen Differenzkonstruktionen nicht entgegentreten, weil sie ihrerseits mehrheitsgesellschaftliche Abgrenzungsbedürfnisse gegen „die Anderen“ bedienen würden. Damit gehe die Gefahr einher, Antisemitismus zu reproduzieren und dabei Juden und Jüdinnen auf bestimmte Rollen festzulegen. Diese Passage ist doppelt bemerkenswert: Es waren Mitglieder des Kabinetts von Sebastian Kurz, die einerseits den Kampf gegen Antisemitismus massiv vorantrieben, gleichzeitig aber wiederholt das Bild dieses „christlich-jüdischen Abendlandes“ bemühten. Die Handlungsempfehlungen, die nun für den Bildungsbereich vorgelegt wurden, gehen also nicht nur bei den eigenen Akteuren – den Lehrern – ans Eingemachte. Sie treiben auch die Bewusstseinsarbeit auf Regierungsebene voran.

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