Von Schockmomenten und Friedensappellen

"Niemals wieder" ist die zentrale Botschaft des Erinnerns an die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes. An Gedenkstätten bemüht man sich um eine Vermittlung der historischen Fakten bei gleichzeitig würdevollem Umgang mit den Opfern der Schoah. Doch wie sieht das Gedenken an andere Menschheitsverbrechen aus? WINA klickte sich durch Reiseberichte aus mehreren Kontinenten.

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Der Denkmalkomplex Zizernakaberd in Jerewan erinnert an den Genozid an Armeniern 1915. Bild: Wikipedia (CC BY 2.0)

Der Ausgangspunkt: Immer wieder wird an KZ-Gedenkstätten herangetragen, einen Besuch mit mehr Erlebnischarakter zu verbinden. Da kommen dann Ideen, wie Jugendliche kurz in eine Gaskammer zu sperren, damit sie spüren, wie sich das anfühlt. Fast möchte man sagen: Geisterbahn goes Vernichtungslager. Doch so werden KZGedenkstätten eben nicht geführt, das ist nicht die Herangehensweise, die zum Beispiel in der Gedenkstätte Mauthausen oder auch Auschwitz gewählt wurde – aus gutem Grund. Einerseits soll Bewusstseinsarbeit geleistet werden, andererseits geht es auch um einen respektvollen Umgang mit dem Leid der Opfer sowie den Gefühlen der Nachkommen der in der NS-Zeit Ermordeten.

Wie aber wird das an anderen Gedenkstätten gehandhabt? Das Spektrum ist hier sehr groß. Am einen Ende findet sich der Friedensdom in Hiroshima. Als die USA im August 1945 die Atombombe „Little Boy“ abwarfen, wurde eine 1915 erbaute Halle, die als Ausstellungsort für Handelswaren diente, zerstört und brannte völlig aus. Alle dort arbeitenden Menschen wurden getötet. Doch die Gebäudestrukturen blieben erhalten, bis heute weithin sichtbar ist die markante Stützkonstruktion des Kuppeldachs. Die Überreste des Baus wurden restauriert und bilden heute ein Friedensdenkmal. Ein mehr als trauriger Ort wurde also mit einer positiven Botschaft für die Zukunft verknüpft.

Das Srebrenica Genocide Memorial gedenkt der mehr als 8.000 Menschen, vor allem Männer und Buben, die zwischen 11. und 19. Juli 1995 ermordert wurden. Bild: Wikipedia (CC BY 2.0)

Am anderen Ende: das Gedenken an den Genozid in Ruanda. „Der süßliche Geruch von Verwesung hängt immer noch in der Luft“,begann die taz vor drei Jahren einen Bericht über den Besuch einer Völkermordgedenkstätte in dem afrikanischen Land. Und weiter hieß es: „Rund 800 mumifizierte Leichen liegen aufgebahrt in den Klassenzimmern und Schlafsälen der ehemaligen technischen Sekundarschule von Murambi. Viele davon sind Kinder.“ Die Leichen wurden bewusst dort belassen. Sie sollen als schauerliche Beweise dafür dienen, dass der Völkermord tatsächlich stattgefunden hat. Zuletzt gab es hier allerdings doch Bestrebungen, einen Teil von ihnen zu bestatten.

 

Die Leichen wurden bewusst dort belassen.
Sie sollen als
schauerliche Beweise dafür dienen,
dass
der Völkermord tatsächlich stattgefunden hat.

 

Für eine Besichtigung dieser Gedenkstätte braucht es jedenfalls einen starken Magen. „Einige der Leichen strecken den Arm aus wie zum Schutz gegen die Machetenhiebe. Einige weibliche Körper haben noch immer die Beine gespreizt von der Vergewaltigung; einige Schädel sind noch mit krausen Haaren bedeckt; einige Skelette tragen noch Kleidung; einer Kinderleiche fehlt der Kopf. Vielen mumifizierten Gesichtern sieht man den Horror an, den sie vor ihrem Tod in Murambi erleben mussten.“

Die taz zitiert in ihrem Bericht einen Guide, der durch diese Gedenkstätte führt. Für ihn sind die ausgestellten Mumien Beweisstücke, die zeigen würden, was den Tutsi angetan worden sei. „Die Knochenverletzungen beweisen, dass die meisten mit Macheten und anderem einfachen Gerät ermordet worden waren.“ Der Guide ist selbst Überlebender des Völkermordes am 21. April 1994 an diesem Ort. Rund 50.000 Menschen seien in rund acht Stunden abgeschlachtet worden, nur 34 Personen überlebten, die meisten von ihnen bewusstlos in einem der Leichenberge versteckt.

Einen etwas anderen Schockmoment gibt es an einem ganz anderen Gedenkort: im Cape Coast Castle Museum in Ghana. Dort wird an die Gräuel erinnert, die Menschen angetan wurden, die schließlich als Sklaven verkauft werden sollten. Unter menschenunwürdigen Zuständen wurden hier Menschen interniert, sie wateten teils knietief in Exkrementen. Für ein Reiseportal besuchte Lillie Marshall dieses schaurige 1637 erbaute Fort. Schon der Besuch der unterirdischen Räume lässt einen erschaudern. Doch der Tourguide sorgt für zusätzlichen Nervenkitzel: Als die Gruppe die so genannte Zelle betritt, geht das Licht aus, „wir schrien“, schreibt Marshall in ihrem Bericht. Da sei nur Dunkelheit gewesen. „So war es“, habe der Guide gesagt, „das wollte ich euch zeigen“. In dieser Zelle wurden Sklaven bestraft, die sich nicht in ihr Schicksal fügten, aufbegehrten und zu fliehen versuchten. In diesem Raum gab es kein Licht und keine Luftzufuhr. Wer hier eingesperrt wurde, starb innerhalb weniger Stunden. Im Anschluss wurden die Leichen vor den Augen der anderen Sklaven hinausgetragen, was der Abschreckung dienen sollte. In Jerewan erinnert der Denkmalkomplex Zizernakaberd (übersetzt: Schwalbenfestung) an den Genozid an Armeniern 1915. 50 Jahre wurde dieser Völkermord verschwiegen. Ende der 1960er-Jahre wurde schließlich ein Monument errichtet, das von einem geteilten Obelisken dominiert wird, in den 1990er-Jahren dann zusätzlich ein unterirdisches Museum und eine Gedenkmauer. Auf dieser finden sich einerseits die Namen der Städte und Dörfer, in denen Menschen ermordet wurden, auf der anderen Seite wird an Personen erinnert, die sich für die Opfer einsetzten. Für die Opfer selbst wurden auf dem Areal Bäume gepflanzt.

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR im Berliner Bezirk Lichtenberg. Bild: Wikipedia (CC BY 2.0)

Ein anderer mit Grauen verbundener Ort ist Srebrenica in Bosnien. Zwischen 11. und 19. Juli 1995 wurden dort während des Bosnienkrieges mehr als 8.000 Menschen, vor allem Männer und Buben, ermordet. Deren Namen sind heute in der Gedenkstätte an diesem Ort angeführt. Mehr als 6.000 der Opfer dieses Kriegsverbrechens sind auch dort begraben, die in der Region charakteristischen weißen Stelen sind nicht nur Friedhof, sondern eben auch Gedenkstätte. Jedes Jahr im Juli gibt es hier Feierlichkeiten. Ein anderer Gedenkort in einem anderen europäischen Staat: die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen in Deutschland. Sie befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Es wurde bis 1989 genutzt, hier waren vor allem politische Gefangene interniert, sie wurden sowohl psychisch wie auch körperlich gefoltert. 1990 wurde das Gefängnis im Zug der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland geschlossen, 1994 eine Gedenkstätte eingerichtet.

Friedensdom in Hiroshima. Die Halle als Ausstellungsort für Handelswaren wurde von „Little Boy“ zerstört. Die Überreste des Baus wurden restauriert und sind heute ein Friedensdenkmal. Bild: Wikipedia (CC BY 2.0)

Bei einem für Schüler konzipierten Projekttag bekommen diese die Haftbedingungen anschaulich vorgeführt. Das geht dann wohl in die Richtung, die sich manche didaktisch auch für KZ-Gedenkstätten wünschen. In Berlin-Hohenschönhausen durchlaufen die Schüler verschiedene Stationen: Sie müssen etwa 15 Minuten stillsitzen (das wurde bei Verhören so praktiziert), sie hören ein Gefängnislied, sie schreiben einen Kassiber, also eine heimliche Mitteilung an einen Mithäftling. Sie schreiben aber auch einen Brief, der es durch die Zensur schaffen soll, und probieren aus, wie man mit Klopfzeichen kommunizieren kann.

Genozid in Ruanda. Rund 800 mumifizierte Leichen liegen aufgebahrt in den Klassenzimmern und Schlafsälen der ehemaligen technischen Sekundarschule von Murambi. Viele davon sind Kinder. Bild: Wikipedia (CC BY 2.0)

Gedenken dort, wo Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattfanden, ist wichtig, erfüllt aber immer verschiedene Funktionen. Einerseits sind diese Orte Orte der Trauer, andererseits sollen sie auch der Aufklärung dienen und der Prävention. Und auch wenn das „Niemals wieder“ stark mit dem Gedenken an die Shoah assoziiert wird, gilt es doch für alle der beschriebenen Orte: Niemals wieder soll eine Atombombe abgeworfen werden. Niemals wieder darf es Sklavenhandel geben. Niemals wieder sollen Menschen dahingemetzelt werden wie in Armenien, Bosnien oder Ruanda.

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