„Es ist vor allem eine Anti-Israel-Haltung herauszuhören“

Der Wiener Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister pflegt seit vielen Jahren den jüdischmuslimischen Dialog. Dabei führt er auch gemeinsam mit einem Imam Workshops an Wiener Schulen durch. Was der 7. Oktober 2023 hier verändert hat, und wie er die Rolle von Lehrern und Lehrerinnen sieht, darüber sprach er mit Alexia Weiss.

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Rabbiner Hofmeister. © Daniel Shaked

WINA: Sie sind in den vergangenen 15 Jahren immer wieder gemeinsam mit Christen und Muslimen nach Israel gereist. 2015 erschien nach einem solchen Besuch gemeinsam mit Imam Ramazan Demir das Buch Reise nach Jerusalem. Seitdem sind Sie gemeinsam immer wieder an Schulen zu Besuch. Hat sich bei diesen Begegnungen mit Jugendlichen mit dem 7. Oktober 2023 etwas verändert?

Rabbiner Schlomo Hofmeister: Kaum etwas. Wir haben gemeinsam verschiedenste Projekte laufen, und eines davon ist, Schüler und Schülerinnen eine Frage-und-Antwort-Stunde zu bieten. Dabei geht es um Fragen zum Judentum, zum Islam, zu Antisemitismus, aber auch zu anderen gesellschaftlichen Themen in Verbindung mit Religion. Oft geht es um Spiritualität aus der jüdischen oder muslimischen Perspektive.
  Warum aber hat sich mit dem 7. Oktober hier wenig geändert? Die Motivation, diese Art von Präventionsarbeit zu machen, lag ja darin, dass wir gesehen haben, dass es Vorurteile gibt. Es gibt Vorurteile und Antisemitismus unter den muslimischen, aber auch nicht weniger unter den anderen österreichischen Mitbürgern. Und gegen diese Vorurteile anzugehen, aufzuklären, Klischees durchzugehen und ein differenzierteres Denken zu fördern – das ist genau das, was auch jetzt nötig ist. Die Grundproblematik ist immer die gleiche. Dann gibt es Eskalationen wie nun auch nach dem 7. Oktober. Wie die Welt darauf reagiert, zeigt die antisemitischen Reflexe auf, die immer da sind, auch im Bereich der säkularen Gesellschaft.

Auf welche Vorurteile und Stereotype stoßen Sie bei diesen Begegnungen mit Jugendlichen?

I Einerseits auf die klassischen antisemitischen Vorurteile, wie der Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung, der Idee, dass Juden Wirtschaft, Politik und Medien kontrollieren. Dazu gehört auch das Bild, dass Juden die Geschichte der Shoah nutzen, um für sich Vorteile herauszuschlagen. Davon abgeleitet ist die absurde Annahme, Juden müssten in Österreich keine Steuern zahlen. Diese Klischees sind sehr verbreitet.
  Dann gibt es aber auch ein grundsätzliches Unverständnis, was Religion und Spiritualität bedeutet. Die Mehrheitsgesellschaft ist heute säkular, aber als ehemals religiös-christliche Gesellschaft immer noch kulturell christlich geprägt. Daher werden Institutionen und Konzepte aus dem Christentum eins zu eins auf andere Religionen übertragen. Das ist aber eine unzulässige Schlussfolgerung. Hier sitzen dann die nicht christlichen Religionen in einem Boot – was uns wiederum zusammenbringt. Wir erklären dann, dass die Synagoge und die Moschee nicht das Äquivalent zur Kirche sind. Das sind verschiedene strukturelle und funktionale Institutionen. Auch die Rolle des Pfarrers, Rabbiners und Imams ist nicht die gleiche. Dadurch, dass wir erklären, worin die Unterschiede liegen, regen wir bei den Schülern das Nachdenken an, und plötzlich kommen Fragen, auf die sie vorher nicht gekommen wären.

„Es geht darum, aktiv Dinge zu hinterfragen,
sich eben eine Meinung zu
bilden,
statt einfach nur eine Position

zu übernehmen, die man gehört hat.“

Was für Fragen hören Sie dann?

I Da kommen dann Gedanken wie: Was bedeutet die Seele? Was bedeutet Gut und Böse? Wie sieht ein religiöses Leben aus? Was ist der Unterschied zwischen Ethik und Religion? Was ist Tradition? Welche unterschiedlichen Lebensweisen und Weltanschauungen gibt es, die im Übrigen alle mit unseren westlichen, demokratischen Gesellschaftskulturen vereinbar sind?

Kommen von Jugendlichen mit einer anderen Religion als dem Christentum andere Fragen?

I Interessanterweise sind es zunächst die gleichen Fragen, was mir zeigt, dass hier die Konzepte der Mehrheitsgesellschaft übernommen werden. Aber gerade bei nicht christlichen Schülern, egal ob sie säkular oder religiös sind, wird dann rasch eine Horizonterweiterung erkennbar, und nochmal stärker bei Minderheiten, denn diese verfügen für gewöhnlich über eine höhere interkulturelle Kompetenz. Dann melden sich zum Beispiel Hindus zu Wort und sagen, bei uns ist es genauso. Sie erkennen die Ähnlichkeiten ihrer Religion mit dem Judentum oder dem Islam. Und dann hat der einzige Hindu-Schüler plötzlich die Möglichkeit, in dieser Klasse seine Position zu erklären. Wir stupsen da also durchaus auch etwas an, das dann für den weiteren interkulturellen Austausch unter Jugendlichen hilfreich sein kann. 

Sie sind auch regelmäßig in Kontakt mit Lehrern und Lehrerinnen. Spüren Sie hier seit dem 7. Oktober mehr Unsicherheit im Umgang mit dem Thema Antisemitismus?

I Ich habe nach dem Angriff der Hamas auf Israel mehrere Fortbildungen für Pädagogen gegeben. Dabei habe ich zu meiner Überraschung festgestellt, dass oft bei Erwachsenen und eben insbesondere bei Lehrern die Positionen wesentlich verfestigter sind als bei Schülern. Da laufen Reflexe ab, die schwerer zu durchdringen sind als bei Jugendlichen.

Können Sie diese Reflexe näher erläutern?

I Was mir immer wieder auffällt, ist, dass gerade Lehrer und Lehrerinnen einer anderen Fachrichtung auf einmal eine stark ideologisierte und verfestigte Position in Bezug auf den aktuellen Nahostkonflikt haben. Da ist plötzlich der Biologielehrer oder die Sportlehrerin Experte beziehungsweise Expertin für alles, während sich die Pädagogen aus Sozialkundefächern mehr zurückhalten und das Ganze differenzierter sehen, weil sie vom Fach sind und wissen, dass die Sache komplizierter ist.

„Wie die Welt darauf reagiert, zeigt die
antisemitischen Reflexe
auf, die immer da sind,
auch
im Bereich der säkularen Gesellschaft.“
Schlomo Hofmeister

Ist dann eine Pro-Palästina-Haltung herauszuhören?

I Es ist vor allem eine Anti-Israel-Haltung herauszuhören. Ich möchte hier differenzieren zwischen einer Pro-Palästina-Haltung und einer Anti-Israel-Haltung. Das eine muss nicht unbedingt mit dem anderen einhergehen. Wir sehen zwar, dass die Demonstrationen für die Menschen in Gaza oft in antisemitische Kundgebungen kippen. Das muss aber nicht so sein. Man kann Menschlichkeit zum Ausdruck bringen und Mitgefühl äußern, ohne deswegen andere zu verurteilen und zu dämonisieren. Auch das muss man differenziert betrachten.

Wie gehen Sie damit um, wenn gerade Lehrerinnen und Lehrer hier problematische Positionen äußern?

I Leider ist da sehr schwer durchzukommen. Da kann man nur versuchen, mit Argumenten zu arbeiten, was ich normalerweise vermeide, weil ich ja keine Nahostdiskussion führen möchte. Bei Jugendlichen, bei Studierenden geht es mir darum, zum Denken anzuregen, damit sie selbstständig ihre Meinung finden und nicht eine Position vertreten, die sie aufgeschnappt haben und wiederholen. Bei Erwachsenen ist das wesentlich schwieriger.

Da versuchen Sie dann doch zu überzeugen?

I Ich arbeite dann mit Beispielen. Eine Sportlehrerin hat bei einer dieser Veranstaltungen das Postulat in den Raum gestellt, die Israelis hätten einfach ein Problem mit Arabern, da sie Juden sind. Und deshalb werde dieser Krieg so exzessiv geführt, dabei gehe es ihnen ja gar nicht um die Befreiung der Geiseln. Ich habe ihr daraufhin erzählt, dass es eine muslimische Einheit in der israelischen Armee gibt, die aktuell mit israelischer Uniform in Gaza kämpft. Dadurch war sie vor den Kopf gestoßen, da das einfach nicht in ihr zweidimensionales Weltbild passte. So kann man Sand ins Getriebe streuen und zum Denken anregen. Leider habe ich allerdings seit dem 7. Oktober oft erlebt, dass ein konstruktiver Austausch und eine kultivierte Debattenkultur gerade mit Erwachsenen sehr schwierig sind.

Gerade Lehrerinnen und Lehrer sind aber Multiplikatorinnen und Vorbilder, die ihre Positionen möglicherweise an ihre Schüler und Schülerinnen weitergeben.

I Das macht es ja so schwierig. Ich glaube, dass eine antiisraelische Positionierung im Nahostkonflikt nicht automatisch als Antisemitismus gelabelt werden darf. Aber sehr oft ist es leider Antisemitismus, der Menschen auch zu einem unverhältnismäßigen Überengagement in der Nahostpolitik motiviert. Wenn eine Person, die keinerlei persönliche oder familiäre Beziehungen in den Nahen Osten hat, hier eine vehemente Meinung vertritt, sie das aber nicht tut, wenn es zum Beispiel um den Sudan, Myanmar, Kolumbien oder Brasilien geht, dann muss man schon hinterfragen, was hier die Motivation ist. Verstärkt werden solche Haltungen durch Social Media.  

Bei Jugendlichen kommt hier die Problematik dazu, dass viele sich nur mehr über Social Media und nicht über seriöse Medien informieren. Wie kann man hier gegensteuern?

I Ich glaube, das einzige Rezept wäre, dass wir lernen, damit zu leben. Das bedeutet aber auch, dass der verantwortungsvolle Umgang mit den digitalen Medien in einer vernetzten Welt in der Schule besser vermittelt werden muss. Hier braucht es in den Lehrplänen einen größeren Fokus. Es geht nicht darum, mit den Geräten umzugehen. Das können die Kinder. Es geht darum, die erhaltenen Informationen richtig zu verarbeiten. Die sozialen Medien sind heute gefährliche Verursacher von Radikalisierung. Da geht es nicht nur um links, rechts, islamistisch. Da geht es um Radikalisierung in vielen Bereichen unserer Gesellschaft zu allen möglichen Themen. Seriöse Recherchen brauchen Zeit, doch bis eine Zeitung nach Tagen einen fundierten Bericht bringt, ist die Geschichte bereits im Netz auf Basis falscher Fakten erzählt, und das Thema interessiert niemanden mehr. Gleichzeitig sind soziale Medien nicht zu regulieren, weil Zensur keine Lösung ist. Man kann nur an die Eigenverantwortung des Einzelnen appellieren, nicht zu dieser medialen Verschmutzung beizutragen.

Und das müsste in den Schulen vermittelt werden.

I Ja, es braucht mehr Medienschulung. Ich beobachte in den vergangenen 20 Jahren eine vermehrte Passivisierung der Gesellschaft. Man wird mehr und mehr zum Ideenkonsumenten. Das eigene aktive Denken ist immer seltener vertreten. Dadurch ist man empfänglicher auch für Informationen, mit denen man gefüttert wird. Es geht darum, aktiv Dinge zu hinterfragen, sich eben eine Meinung zu bilden, statt einfach nur eine Position zu übernehmen, die man gehört hat. Jugendliche müssen lernen, Symboliken und Bilder zu verstehen, Nachrichten von Propaganda zu unterscheiden, Falschdarstellungen als solche zu erkennen, versuchte Manipulationen zu durchschauen.

Sie sind auch Mitglied des Muslim Jewish Leadership Councils, hier gab es Mitte Oktober ein Treffen in Spanien. Hat sich in diesem Dialog durch den 7. Oktober etwas verändert?

I Der Muslim Jewish Leadership Council geht auf eine Initiative der Europäischen Rabbinerkonferenz im Jahr 2015 zurück. Die Idee war, ein Forum zu schaffen, um auf der Führungsebene zwischen Rabbinern und muslimischen Religionsvertretern einen Dialog zu ermöglichen. Grassroot-Projekte sind wichtig, damit Gemeinden vor Ort zusammenarbeiten. Es ist aber auch essenziell, dass auf der Ebene repräsentativer religiöser Vertreter eine Vertrauensbasis geschaffen wird. Dialog bedeutet ja, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Die Jahreskonferenz 2023 war bereits lange für Mitte Oktober geplant, bekam aber dann, nur eine Woche nach dem 7. Oktober, einen anderen thematischen Fokus. Einerseits haben wir alle erkannt, wie wichtig es war, dass wir uns gegründet haben und es nun Kanäle zwischen den verschiedenen Communitys gibt, um zu deeskalieren und Verständnis zu wecken. Persönliche Kontakte sind hier essenziell. Wer einen Juden persönlich kennt, überträgt die Anti-Israel-Propaganda nicht automatisch auf „Das sind die Juden“. Dinge stellen sich dann differenzierter dar. Dieser Dialog deradikalisiert und depolarisiert auch in der Wahrnehmung des Nahostkonflikts.

 Wie war die Atmosphäre bei diesem Treffen?

I Bedrückt und traurig. Die Konferenz stand unter dem starken Eindruck des 7. Oktober und der damals erst sukzessive ans Licht kommenden Verbrechen. Es gab hundert Prozent Solidarität von muslimischer Seite, und zwar quer durch – es sind hier Schiiten wie auch Sunniten vertreten, mit ihrerseits verschiedensten Backgrounds. Manche sind Migranten und kommen aus Syrien, dem Iran, aus Afghanistan, dem Irak, aus Bosnien, andere leben bereits in zweiter oder dritter Generation in Europa. Und darunter war kein Einziger, der versucht hätte, irgendetwas zu rechtfertigen. Auch Relativierungen und Kontextualisierungen, wie sie dann von Vertretern der UNO geäußert wurden, waren nicht zu hören. Im gemeinsamen öffentlichen Statement wurde die Hamas ganz klar als Terrororganisation verurteilt.

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