„Es muss eine Melange sein“

Claudia Prutscher, Vizepräsidentin und Kulturbeauftragte der IKG, über ihre Wege zur jüdischen Kultur und ihre neuen Initiativen für virtuelle Präsenz und Live-Events.

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©Konrad Holzer

Als junge Mutter hat die Absolventin der Modeschule Hetzendorf und gelernte Ledergalanteristin Claudia Prutscher zunächst daheim Taschen gemacht, sehr bald aber war ihr klar: „Ich bin eine Checkerin, eine Organisatorin. Das Handwerkliche ist nicht meins.“ Aus dieser Selbsterkenntnis hat sie rasch die Konsequenzen gezogen und sich beruflich völlig neu orientiert. Auf Tätigkeiten in einer internationalen Werbeagentur und einer Filmproduktion folgten unter anderem Mediations- und Coachingausbildungen.
Wenn Claudia Prutscher rückblickend ihre diversen Berufswege schildert, kann man kaum glauben, dass all dies im Leben einer vierfachen Mutter und mittlerweile fünffachen Großmutter Platz fand. Und da ist man noch nicht mal beim Anlass unseres Gesprächs ihrem zweitem Leben als vielfache Funktionärin der IKG  angekommen. Auch dieses ergab sich aus einer wegweisenden Entscheidung.

»Der Außenauftritt in der Religion
ist noch immer stark männerdominiert.«
Claudia Prutscher

Engagement in der IKG. „Meine Mutter ist in Kuba groß geworden, mein Vater stammte aus Prag. Als assimilierte Juden wollten sie im Wien der Nachkriegszeit vor allem nicht auffallen und hatten auch einen ähnlichen Kreis von Freunden, die damals alle nicht in der jüdischen Gemeinde waren. Meine Mutter hat aber das Band zu ihrer religiös lebenden Familie in Italien immer aufrecht erhalten, und als sie gestorben ist, wusste ich, wenn ich das nicht aufnehme, ist das Judentum für uns und meine Kinder verloren. Da habe ich begonnen, mich in der Kultusgemeinde zu engagieren, und bin zum Schiur (religiöser Unterricht) gegangen, war wahnsinnig interessiert und habe alles aufgesaugt. Ich bin dann zur ATID (politische Fraktion in der IKG) gekommen, und schließlich hat mich Ossi Deutsch vor der Kultus-Wahl gefragt, ob ich nicht kandidieren möchte.“
Zunächst Vorsitzende der Kulturkommission, wurde Claudia 2017 auch Vizepräsidentin der IKG und Aufsichtsratsvorsitzende. „Meine Positionen sehe ich völlig getrennt, weil ich als Vizepräsidentin ganz andere Aufgaben habe als in der Kultur, so bin ich z. B. Teil des Krisenstabes, bin in politische Entscheidungen und Postenbesetzungen eingebunden, abgesehen von den Außenauftritten, den Repräsentationen.“
Als Quotenfrau fühlt sie sich in diesen Funktionen nicht, aber dass es sich bei zahlreichen Gelegenheiten ganz gut macht, eine Frau zu sein, kann sie nicht leugnen.
„In unserer Fraktion, der ATID, sind wir vier Männer und vier Frauen. Aber der Außenauftritt in der Religion ist noch immer stark männerdominiert. Meist bin ich da bei verschiedenen Anlässen die einzige Frau. Da ist es dann gut, dass ich dort bin.“

Claudia Prutscher. „Ich bin eine Checkerin, eine Organisatorin.“ ©Konrad Holzer

Kulturbegeistert. Claudias Leidenschaft gehört der Kunst, für die sie sich „immer schon“ interessiert hat, besonders dem Film und als „fanatische Theaterbesucherin“ dem Theater in allen Erscheinungsformen. Das Budget der IKG, in dem für die Kultur 3,23 Prozent vorgesehen sind, betrachtet sie pragmatisch. Könnte sie als Vizepräsidentin da nicht mehr herausholen? „Als Teil der Finanzkommission weiß ich, dass das bisher nicht möglich war, und wir sind mit diesem Rahmen bis jetzt ganz gut durchgekommen.“
Der neue Geldsegen in der Höhe von vier Millionen Euro an zusätzlichen Bundesmitteln für die IKG ist ausdrücklich dem „österreichisch-jüdischen Kulturerbe“ gewidmet. Was genau hat man da-runter zu verstehen, und wer oder was soll davon profitieren?
„Zu einem großen Teil sind diese Mittel der Sicherheit gewidmet, dann erst Öffentlichkeit und Kultur. Dieses Erbe sehe ich als sehr weitreichenden Begriff. Dazu gehört für mich z. B. auch die jiddische Sprache. Roman Grinberg hat für uns eine Serie Jiddisch auf Facebook gemacht. Das war ein Riesenerfolg. Beim Tag der Offenen Tür laden wir die Öffentlichkeit zu uns ein und können dadurch gewissen Ressentiments entgegentreten. Auch Kulturtage gemeinsam mit den jüdischen Gemeinden in Deutschland und der Schweiz sind schon angedacht. Kultur ist vielfältig, und natürlich wollen auch die verschiedenen Strömungen in unserer Gemeinde ihre Kultur leben.“
Coronabedingt konnten 2020 nicht alle Pläne reifen, und die IKG Kultur musste sich neu orientieren. „In der Krise hatten wir natürlich außerhalb der Kultur sehr viel zu tun, schließlich haben wir vor allem ab dem Herbst mit Onlineprogrammen begonnen, und das war unglaublich erfolgreich. Z. B. der Koch und Kochbuchautor Tom Franz mit seinem Kochvideo oder das Kantorenkonzert, zu dem wir den Budapester Oberkantor live herbringen konnten. Persönlich hat mich sehr gefreut, Künstlern damit eine Möglichkeit zum Weitermachen bieten zu können.“

Podcasts. Für die unmittelbare Zukunft hat Prutscher viel Neues in der Pipeline, wobei die Online- und Social-Media-Schiene durchaus weiter ausgebaut werden soll, schon allein deshalb, weil man damit eher Menschen außerhalb der Gemeinde und über Wien hinaus erreicht, auch in der Hoffnung, dass diese dann vielleicht Live-Events besuchen werden.
„Wir haben in Wien auch ein großes nichtjüdisches Fanpublikum und zahlreiche Adressaten unserer Newsletter, die an jüdischer Kultur in welcher Form auch immer interessiert sind. Mein Wunsch ist es, auch die Jugend verstärkt hereinzuholen. Wir planen Podcasts mit interessanten Persönlichkeiten in Kooperation mit der jungen Kulturschaffenden Avia Seliger.“ So wird der Regisseur des Film Masel tov Cocktail, Arkadij Khaet, gemeinsam mit dem Kulturjournalisten AJ Goldmann über das Thema jüdischer Film sprechen. Weiter in der Reihe geht es mit der Sängerin Isabel Frey. Ein Wunschkandidat für ein Podcastprogramm wäre der deutsche Autor Max Czollek als Beispiel für junge, durchaus auch kontroversielle Beiträge zum Thema Judentum. „Wir wollen z. B. aber auch israelische jüdische Küche, nicht unbedingt nur koscher, präsentieren. Es muss eine Melange sein.“
Als „perfekte Symbiose“ wünscht sich Prutscher besonders für die Podcasts eine engere Zusammenarbeit mit Medien, im Speziellen mit WINA. „Eine Abteilung Medien und Kultur erschiene mir überhaupt sinnvoller als gegenwärtig Jugend und Kultur, die irgendwann in einer Abteilung vereint wurden“, in der sie von einem „großartigen Team“ unterstützt wird.

Frauenpower. Bereits fertig geplant ist als erste Live-Veranstaltung das alljährliche Festival, das sicherheitshalber von Februar auf Ende Mai bis Anfang Juni verlegt wurde. „Es wird unter dem Motto ,Frauenpower im Judentum‘ stehen.“ Zwei Konzerte, eine Podiumsdiskussion über „Die weibliche Seite G-ttes“, u. a. mit einer Kantorin, einer Rabbinerin und der Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek, die mit Material aus der gleichnamigen Ausstellung den Beitrag Die Frau im Judentum aus historischer Sicht gestaltet. Unter dem Titel Honey Money soll über das Thema Frauen und Geld diskutiert werden, und eine Personale wird dem Werk der Künstlerin Dvora Barzilai gewidmet sein. Also ein breites Spektrum, in dem sich Claudia Prutschers erweiterter Kunstbegriff niederschlägt.
Was die Verbindung zur Szene in Israel betrifft, zeigt sie sich zurückhaltend. „Wir haben immer wieder israelische Künstler eingeladen, aber das über Jahrhunderte gewachsene europäische Judentum hat eigentlich mit der israelischen Kultur der Gegenwart nicht viel gemeinsam. Und ich sehe unsere Aufgabe mehr in der Bewahrung und Weiterführung der reichen europäischen jüdischen Kultur.“

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