„Ich befürchte, dass es hier bald wieder sehr schlimm werden könnte“

Martin Kušej, Direktor des Wiener Burgtheaters, aktualisierte seine Arbeit an Molières Menschenfeind mit klaren Bezügen zu den Traumata in Israel nach dem 7. Oktober – und als eindeutiges politisches Statement zum Antisemitismus.

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© Robert Fischer

WINA: Sie haben mit Ihrer jüngsten Inszenierung des Molière-Klassikers Der Menschenfeind ein sehr starkes, aktuelles politisches Statement abgegeben. Ich beziehe mich nicht auf Ihre pointierte Kritik an der österreichischen Innenpolitik, sondern auf die Anspielungen zum ewig alt-neuen Antisemitismus weltweit und auch hierzulande, der seit dem Massaker vom 7. Oktober in Israel virulenter geworden ist. Als Sie den Spielplan für die laufende Saison präsentierten, war dieses Stück schon dabei. Warum haben Sie den Menschenfeind ursprünglich angesetzt und sich selbst als Regisseur ausgesucht?
Martin Kušej: In der Regel ist es so, dass man etwa eineinhalb Jahre vor der Premiere so eine Produktion konzipiert. Der Menschenfeind war wohl immer schon ein Stück, das Theaterdirektoren begleitet, wenn sie sich von ihrem Job verabschieden. Molière selbst hatte schon 1666 über seine eigene Situation als Autor und Prinzipal einer Theatertruppe geschrieben. Ich habe das Stück vor vierzig Jahren als Student in Hamburg auf der Bühne des Schauspielhauses zum ersten Mal gesehen. Der damalige Intendant Niels Peter Rudolph wurde gerade gefeuert, und mein Regielehrer Walter Czaschke sagte zu mir über die Hauptfigur Alceste: „Schau dir diesen Mann genau an, der ist nie ruhig, sitzt immer nur auf den Kanten der Stühle, der ist schon auf dem Weg hinaus.“ Das ist mir in Erinnerung geblieben. Ich würde sagen, Der Menschenfeind hat mich tatsächlich prophetisch vorausschauend interessiert.

Es haben Sie aber noch andere Aspekte interessiert?
I Ja, natürlich, denn genauso wichtig ist mir der Untertitel des Stücks, nämlich Der verliebte Melancholiker. Diese unglückliche Liebesgeschichte zwischen Alceste und Célimène in Verbindung mit einer Demontage fand ich interessant, unter anderem auch deshalb, weil sie nicht eindeutig ist. Die Figuren verzehren sich nach einander und kommen trotzdem nicht zusammen. Unklar ist auch, ob es überhaupt eine Komödie ist, wie behauptet wird. So lässt einem das Stück immer wieder Luft und Freistellen, in denen man durchaus thematisieren kann, was rundherum aktuell passiert, was einen in der eigenen Lebensrealität betrifft und beschäftigt. Insofern haben Sie Recht: Wir wurden konfrontiert mit äußeren Entwicklungen und inneren Zuständen, die dann in unsere Arbeit und unsere Erzählung eingeflossen sind.

Hatten Sie den Israeli Itay Tiran schon von Anfang an für die Hauptrolle vorgesehen?
I Ja, das war von Anfang an mein Plan. Er ist ein hervorragender Schauspieler, und es war mir wichtig, dass die Rolle ein Nicht-Muttersprachler spielt, der damit als ein Außenseiter lesbar ist. Ich wollte den Außenseiter, den Fremden zeigen, der gerade dadurch eine verkrustete Gesellschaft aufbrechen kann, weil er Distanz hat und ihre sprachlichen Spielchen deutlich konterkariert. Aber dass durch diese Entscheidung dann nochmal eine völlig andere, sehr scharfe Aktualität entsteht, hatte ich nicht erwartet. Auch ich habe vor allem zu Beginn meiner Direktion zu spüren bekommen, dass ich als Kärntner Slowene einer sprachlichen Minderheit angehöre und nicht von allen geschätzt wird, dass ich nun dieses Heiligtum der Österreicher leite. Man sticht also mit diesem Stück gleich sehr weit in einen gesellschaftspolitischen Bereich, der sich in 400 Jahren leider kaum geändert hat. Was Molière beschrieben hat, findet mehr oder weniger immer noch so statt. Hier, in diesem Theater, in dieser Stadt, mit dieser Regierung und der intriganten Kulturblase.

 

  „Und so ist ein Satz aus der Inszenierung wie  
  ein Menetekel zu verstehen. Er lautet: Ist es  
  in diesem Land wieder so weit?“  
  Martin Kusej  

 

Waren Sie beruflich in Tel Aviv?
I Ich fahre oft nach Israel, habe viele Freunde dort und auch ein gewisses Netzwerk an Künstlern und Theatermenschen, deren Arbeit ich schätze. Das letzte Mal habe ich den Autor und Filmregisseur Amos Gitai getroffen, und im Gesher Theater in Jaffa habe ich eine Premiere von Richard III. besucht; sehr gekonnt und heutig inszeniert. In der Titelrolle die wunderbare Genija Dodina, die auch schon am Residenztheater in München mit uns gearbeitet hat. Der talentierte Regisseur hieß übrigens: Itay Tiran!

Itay Tiran als Alceste – der Israeli spielt den einsamen Außensteher in Molièrs Menschenfeind. Martin Kušejs Inszinierung ist seit dem 7. Oktober noch aktueller. © Matthias Horn

Und wann haben Sie das Projekt Der Menschenfeind so aktualisiert, wie es jetzt gespielt wird: sowohl mit den klaren Bezügen zu den Traumata in Israel nach dem 7. Oktober wie auch den eindeutigen Ansagen zum Anstieg des Antisemitismus, wie z. B. „Ist es schon wieder soweit“ oder „Willst du mit mir emigrieren“?
I Die Inszenierung war, wie gesagt, schon lange konzipiert, aber natürlich haben sich Bezüge zu Vertreibung, Verfolgung und Antisemitismus ganz anders durch die Ereignisse des 7. Oktober offenbart.

Wie war die Stimmung am Haus, war business as usual möglich?
I
Wir waren erschüttert und haben voll Besorgnis, Solidarität und Trauer für alle Menschen in der Region nach Israel und Gaza geblickt. Ich war nur zwei Wochen davor in Israel gewesen und unter dem Eindruck eines pulsierenden Tel Aviv, kreativen Begegnungen mit Menschen dort und vor allem auch mit der Wahrnehmung dieser großen kritischen Demonstrationen gegen die israelische Innenpolitik, hat mich das alles auch persönlich sehr tief getroffen.

Ist die Stimmung mit dem Verlauf des Krieges gekippt?
I Nein, das kann ich nicht sagen. Natürlich haben wir den Anstieg antisemitischer Äußerungen und Übergriffe weltweit wahrgenommen – das hat uns verstört. Verärgert hat mich in der Folge, dass unsere eindeutig antifaschistische Ausrichtung – der Kern unserer Spielzeit-Kampagne ist Aufwachen, bevor es finster wird, und das inkludiert selbstverständlich unsere Haltung gegenüber Antisemitismus – in Frage gestellt wurde und manche uns sogar mit unseren eigenen Slogans attackiert haben. Das ging dann soweit, dass dem Burgtheater und sogar mir persönlich latenter Antisemitismus vorgeworfen wurde, weil wir angeblich zu wenig getan hätten, unsere Stimme zu erheben! Hier wurde – typisch für Wien – die Lust zur Skandalisierung breit ausgewalzt, ohne zu hinterfragen, was wir tatsächlich machen und wo wir uns sehr wohl massiv engagieren. Ich glaube, es besteht ja überhaupt kein Zweifel, wo meine politische Haltung ist in dieser Frage, und dabei sympathisiere ich mit den vielen Hundertausenden liberalen, humanistisch denkenden Israelis, die seit Monaten auf der Straße waren und gegen ihre Regierung demonstriert haben. Und schließlich – da haben Sie mich richtig verstanden mit meiner Inszenierung –ist ja auch das mein politisches Statement als Künstler und Regisseur.

Wie war die allgemeine Reaktion auf das Stück?
I Die Aufführung ist sehr schnell Stadtgespräch geworden und sehr gut verkauft. In der Öffentlichkeit, sei es auf der Straße oder im Supermarkt, werde ich oft darauf angesprochen und bekomme viel positives Feedback. Die Menschen verstehen und nehmen wahr, was wir tun und wollen. Umso ärgerlicher, dass hier so viel politisches Kleingeld gewechselt wird. In Wirklichkeit geht es um eine viel, viel größere Sache, die mir Sorge bereitet und geradezu Angst macht. Der schleichende Einfluss rechter und nationalistischer Kräfte geht unvermindert weiter – und alle sehen zu. Ich befürchte, dass es hier bald wieder sehr schlimm werden könnte, und so ist ein Satz aus der Inszenierung wie ein Menetekel zu verstehen. Er lautet: „Ist es in diesem Land wieder soweit?“

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