„Ich verbiete mir nichts“

0
2001

Es ist ein turbulentes Jahr für Dvora Barzilai: Begonnen hat es mit einer Ausstellung in Moskau. In wenigen Wochen wird eine Skulptur in Frauenkirchen enthüllt.

Von Alexia Weiss   

Acryl, Öl, Pigment, Ei-Tempera, Spray, Buntstifte: Dvora Barzilai setzt Materialien je nach Lust und Laune ein. Zuletzt hat sie vor allem Gefallen an Graffiti gefunden. „Ich verbiete mir nichts. Und oft mische ich verschiedene Techniken. Manchmal verbrenne ich auch etwas und arbeite dann mit der Asche. Das hat Symbolkraft.“ Die Technik der Verbrennung kam zum Beispiel bei ihren Haggada-Illustrationen zum Einsatz, die sie kurz vor Pessach in der Galerie Charim präsentierte. Bunt ist sie geworden, diese Haggada – und ein Meilenstein im persönlichen Werk Barzilais. „Ich wollte schon so lange eine Haggada machen. Aber ich war wohl noch nicht bereit. Und nun war es endlich so weit.“

„Und was wollen die Juden? Ruhe. Sie wollen leben. Was nötig ist, ist daher Einigkeit. Wenn wir eins sind, dann wird uns Gott helfen.“
Dvora Barzilai

dvoa2
Schalom.
Die Gedenkstätte im Zellpark,
Perchtoldsdorf, erinnert an die im Jahr 1421 ausgelöschte jüdische Gemeinde.

Man könne aus der Geschichte des Auszugs der Juden aus Ägypten so viel lernen, ist sie überzeugt. „Da ist zum einen der Bund zwischen dem jüdischen Volk und Gott. Und da ist auf der anderen Seite die Verfolgung. Leider ist es ja so, dass in jeder Generation jemand anderer die Idee hat, das Volk Israel zu vernichten. Und was wollen die Juden? Ruhe. Sie wollen leben. Was nötig ist, ist daher Einigkeit. Wenn wir eins sind, dann wird uns Gott helfen. Und das steht auch in der Haggada.“

Religion ist ein zentrales Thema im Schaffen der Künstlerin. „Ich schlage die Tora, auf und schon kommen mir Ideen über Ideen.“ Kunst hat sie schon als kleines Mädchen interessiert. „Du sollst kein Vorbild haben“, ist einer der Sätze, die sie ihr Leben lang begleiten. Was also darstellen? „In meiner Kindheit und Jugend habe ich vor allem Dinge gemalt wie Früchte oder Blumen oder aber Straßenszenen.“ Religiöse Kunst beschränke sich ja meist auf Judaika. Einiges an Inspiration fand sie allerdings am Hafen von Jaffa, wo ihr Vater beim Zoll arbeitete. Mit ihm hat sie auch viele Ausstellungen besucht. Als Zwölfjährige nahm sie an einem Wettbewerb der Zeitung Maariv teil – und gewann einen Preis.

Heute versteht sich Dvora Barzilai als modern-orthodox. Religiöse Motive darzustellen, verbietet sie sich nicht, aber wenn sie Szenen aus der Bibel bearbeitet, bemüht sie sich bei der Gestaltung von Figuren um ein gewisses Maß an Abstraktion. „Und Gott werde ich nie malen.“ Oft setzt sie auch Schrift ein, vor allem die heb­räische. Dafür hat sie eine eigene, sehr klare hebräische Typografie entwickelt. Haupttechnik ihrer Schriftarbeiten ist das Relief, bei der Farbgestaltung ihrer Malerei greift sie gerne zu Erdfarben.

dvora4

Religion stolz darstellen

Warum sie thematisch immer wieder bei religiösen Motiven landet? „Einerseits wahrscheinlich, weil ich religiös lebe. Weil mein Mann Kantor ist, weil sich unser Leben viel um den Tempel bewegt. Das sind wir.“ Andererseits: Viele Arbeiten setzen sich mit den Zores auseinander, „die mein Volk hat. Ich versuche immer wieder, davon wegzukommen, etwas anderes zu machen, aber dann lande ich doch wieder dort.“ Was ihr dabei wichtig ist: „Ich versuche meine Religion stolz darzustellen und fair. Ich erniedrige sie nicht. Und ich versuche auch andere Religionen nicht zu erniedrigen.“

In den vergangenen Jahren hat Barzilai auch immer wieder Skulpturen angefertigt. Meist sind es Denkmale, die an das erinnern, was einmal war, vor 1938, was zerstört wurde, was blieb. Der erste solche Erinnerungsort befindet sich auf dem Gelände der Medizinuni Wien. Zerrissene Seiten nennt sich diese Arbeit, die 2008 entstanden ist. Gestaltet hat die Künstlerin hier aus Bronze ein Buch, aus dem Seiten herausgerissen werden, auf dem Steinsockel finden sich die Worte, „Wer eine Seele rettet, rettet die ganze Welt“ (Maimonides). Es folgten die Bronzearbeit Fünf Bücher Moses in Innsbruck und die Skulptur Schalom in Perchtoldsdorf.

dvora5
Dvora Barzilai präsentierte vor Kurzem eine Haggada mit ihren Illustrationen.

Im burgenländischen Frauenkirchen wird Ende Mai neuerlich ein Mahnmal enthüllt. Hier sollte an einen Ort erinnert werden, an dem früher eine Synagoge stand. Bei Bauarbeiten stieß man jedoch nicht nur auf Überreste des in der NS-Zeit zerstörten Gotteshauses, sondern auch auf Teile einer älteren Synagoge. Bei der Platzgestaltung ist ein Teil dieses Fundes nun durch eine Glaskonstruktion sichtbar gemacht worden. Barzilai gestaltete zusätzlich eine Torarollen-Bronze. Den Text darauf hat sie dieses Mal reliefartig gestaltet.

Dass sie immer wieder in solche Gedenkprojekte miteinbezogen wird, hält Barzilai für keinen Zufall. „Ja, das sagt man gerne. Aber es ist am Ende dann eben doch kein Zufall.“ Aufgeregt wird sie auch vor der Enthüllung ihrer jüngsten Skulptur sein. „Wenn man an Objekten arbeitet, die dann draußen stehen, hat man mehr Verantwortung. Es muss wetterfest sein – und sicher. Es darf ja nicht umfallen.“

Der Bronze vor der Medizinuni stattet sie immer wieder einen Besuch ab, um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung ist. Selbst nach Innsbruck fährt sie zumindest einmal im Jahr. Mit dem Denkmal in Frauenkirchen werde es ähnlich sein, weiß Barzilai schon jetzt. „Meine Skulpturen sind ein bisschen wie Kinder, auf die man aufpassen muss.“

Dvora Barzilai, geb. 1961 in Israel, aufgewachsen in einer orthodoxen­ Familie. Sie bekommt schon als Kind Kunstunterricht, absolviert dann eine Ausbildung zur Volksschullehrerin und absolviert ihr Kunststudium in Tel Aviv. 1992 übersiedelt sie mit ihrem Mann, Oberkantor Shmuel Barzilai, nach Österreich. Hier setzt sie ihre künstlerische Arbeit fort. Zahlreiche Ausstellungen, zuletzt dieses Frühjahr am Moscow Museum of Modern Art. Ende Mai wird in Frauenkirchen im Gedenken an die frühere Synagoge ihre jüngste Skulptur enthüllt: eine Torarolle aus Bronze. Dvora Barzilai hat vier Kinder und zwei Enkel, die heute alle in Israel leben.

Bilder: © Daniel Shaked; Xxxxxx

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code