Israelischer Film in Bewegung

Seit vielen Jahren lehrt der jüdische Historiker und Filmwissenschaftler Frank Stern an der Universität Wien über visuelle Zeit- und Kulturgeschichte, israelischen und jüdischen Film. Mit 70 Jahre Kino widmet er sich in seiner aktuellen Schwerpunktreihe im Wiener Metrokino dem israelischen Film zwischen Geschichte und Innovation, Tradition und Gegenwart.

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Frank Stern: unermüdlicher Vermittler und Kommunikator, wenn es um den israelischen Film geht. © privat

WINA: Sie wurden 1944 im ostpreußischen Tapiau geboren, einer Kleinstadt, die heute in Russland liegt. Sind Sie dort auch aufgewachsen?

Frank Stern: Im Prinzip ist es eine Schoah-Geschichte, obwohl ich es nie so erzähle. Meine Eltern waren die letzten unsichtbaren Juden des Ortes, fast alle anderen konnten sich noch durch Emigration retten. Doch meine Mutter war eine tapfere Frau und meinte einmal zu mir: „Nach Stalingrad waren wir optimistisch.“ Nach der Befreiung durch die Rote Armee ist der überlebende Rest meiner Familie nach Berlin gegangen.

Sie haben 1963 in Berlin mit dem Studium der deutschen und jüdischen Geschichte und Literatur begonnen, sind jedoch schon bald darauf für ein Jahr in einen Kibbuz gegangen und haben danach Politikwissenschaft, englische Literatur und jüdische Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem studiert.
Man kann diese Wochen in Berlin nach der Matura nicht wirklich zu meinem Studium zählen, der konservative Geist der dortigen Universität zu dieser Zeit hat mich dermaßen erschreckt, dass ich binnen weniger Wochen nach Israel gegangen bin. Im Kibbuz Beit HaShita habe ich ganz klassisch einen halben Tag gearbeitet, mich zum Olivenspezialisten ausbilden lassen und an den restlichen Stunden des Tages modernes Hebräisch und israelische Geschichte gelernt, ehe ich dann mein Studium fortgesetzt habe.

»Wenn es eine Möglichkeit gibt, etwas aufzubauen, dann mach ich das. Man muss immer
wieder etwas Neues machen.«
Frank Stern

Bereits während Ihrer Promotion haben Sie an der School of History in Tel Aviv unterrichtet. Es folgten der Aufbau des Zentrums für österreichische und deutsche Studien an der Ben-Gurion-Universität in Be’er Scheva und internationale Gastprofessuren in New York, Washington, Bloomington, Berlin, Potsdam, Budapest und an vielen anderen renommierten Universitäten.
Vieles hat mit der Mobilität von Akademikern zu tun. Das sind nicht immer Entscheidungen, in welchem Land oder in welcher Stadt man gerne leben möchte, sondern wo man optimal Dinge umsetzen kann, die innovativ, die neu, die kreativ sind. Es waren aber immer auch Orte, an denen mir die Kultur, die Sprache vertraut waren. Orte, an denen es Familie und Freunde gab. Ich habe nun einmal bedingt durch die NS-Verfolgung Familie im deutschen Sprachraum, in Israel und in den USA.

Was hat Sie schließlich nach Wien geführt, wo Sie seit bald 15 Jahren leben und arbeiten?
Meine Liebesgeschichte mit Wien begann schon in den Neunzigerjahren. Ich hatte hier Projekte mit KollegInnen über Erinnerungskultur und beteiligte mich an einem großen Projekt zu den Überlebenden von Mauthausen. Als ich 2004 dem Ruf nach Wien gefolgt bin, hatte ich hier schon eine Reihe von Studierenden, die mit mir arbeiten wollten. Und es gab die wunderbare Möglichkeit, den Schwerpunkt „Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte“ am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien aufzubauen.

Sie leiten seit vielen Jahren den Jüdischen Filmclub sowie Filmreihen in Wien und in Mauthausen. Wie hat diese intensive Auseinandersetzung mit dem jüdischen und israelischen Film begonnen?
Durch die Gastprofessuren hatte ich schon sehr gute Kontakte zum Filmarchiv Austria, und als ich die Wiener Professur annahm, war rasch klar, ich werde hier öffentliche Filmreihen veranstalten und versuchen, diese immer wieder mit meiner Arbeit an der Universität Wien zu verbinden. So gab es bereits 2005 die ersten Filmreihen und 2008 dann mit 60 Jahre israelischer Film die bisher größte Retrospektive des israelischen Films in Europa. An der Universität leite ich jedes Semester eine Lehrveranstaltung, die sich mit einem anderen Aspekt des israelischen, des jüdischen Filmes beschäftigt. In Mauthausen organisiere ich seit über zwölf Jahren eine jährliche Filmretrospektive, die sich speziell mit den verschiedenen Themen der Schoah im Film beschäftigt. Und seit einiger Zeit kuratieren wir mit dem Jüdischen Filmclub unter dem Titel Jüdische Lebenswelten – jüdische Erinnerungen auch eine Filmreihe im Zentrum für interkulturelle Begegnung (ZIB) in Baden.

Bis 19. Juni läuft die von Ihnen kuratierte Reihe Alt-Neuland auf der Leinwand: 70 Jahre israelischer Spielfilm, ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der Universität Wien, der Botschaft des Staates Israel und dem Metrokino. Welche Filme haben Sie ausgewählt und warum?
Tatsächlich ist es ein neues Format: eine Veranstaltung an der Uni und unabhängig davon eine Filmreihe im Metro Kinokulturhaus. Die Vorlesung ist direkt im Kino, öffentlich und bei freiem Eintritt. Wichtig ist mir zu betonen, dass auch die Jerusalem Cinematheque und das Steven Spielberg Jewish Film Archive zu den beteiligten Institutionen gehören, sodass eine wunderbare israelisch-österreichische Zusammenarbeit entstanden ist, die dann auch ein Programm wie das vorliegende zu 70 Jahren israelischem Spielfilm erst ermöglicht. Ich habe dabei sieben Spielfilme ausgewählt, die die Vielfalt des israelischen Kinos in seiner Gesamtheit darzustellen versuchen. Zu den inhaltlichen Komplexen zählen u. a. der Unabhängigkeitskrieg, der Zionismus, die Aufnahme der europäischen Filmtradition in Israel, etwa durch die Rezeption der Nouvelle Vage ab den 60er-Jahren, der Alltag im Kibbuz, in Jerusalem, der Alltag von Schoah-Überlebenden in Israel, aber auch aktuelle Themen wie Migration, Integration und das Bewahren kultureller Traditionen.

Innerhalb dieser Retrospektive bringen Sie zusätzlich eine Spezialreihe mit Filmen über Utopie und Zionismus.
Diese kleine Reihe, die von 3. bis 6. Mai ebenfalls im Metrokino läuft, ist mir ganz besonders wichtig, zeigen wir doch zum Großteil unbekannte und bis heute hier nicht gezeigte Filme über die große Bedeutung und positive Funktion des Zionismus.

Verändert sich der israelische Film in den letzten Jahren stark?
Ja, der israelische Film verändert sich vehement. Und diese Veränderungen versuchen wir mit dem von mir und Klaus Davidowicz geleiteten Jüdischen Filmclub seit vielen Jahren einem Wiener Pub­likum näher zu bringen. So haben wir vor Kurzem einen der wichtigsten Filme der letzten Jahre gezeigt: Maktub (Es steht geschrieben), eine junge Gaunerkomödie, die sich auf großartige Weise in der Tradition eines Ernst Lubitsch auch mit dem aktuellen Terror befasst. Ich sehe ganz wunderbare Entwicklungen im israelischen Film, und umso wichtiger ist es in meinen Augen, dass diese Filme hier auch gezeigt werden.

Sie arbeiten seit Jahrzehnten unermüdlich zum jüdischen und israelischen Film. Wie wichtig ist diese Kontinuität?
Über die vielen Jahre des Jüdischen Filmclubs hat sich ein Stammpublikum herausgebildet, das von Gymnasiasten bis zu PensionistInnen reicht und einen beeindruckenden jüdisch-nichtjüdischen Querschnitt bildet. Die Filme werden einmal im Monat im Metrokino gezeigt und eingeleitet, danach wird gemeinsam diskutiert. Diese Kontinuität finde ich enorm wichtig, und ich merke immer wieder, wie sehr das auch Einfluss auf das wachsende Interesse des Publikums hat. Wenn ich am Flughafen angesprochen werde, wann denn der nächste Film laufen wird und zu welchem Thema, dann freut mich das sehr.

 

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